Calbe l Geschockt reagierten die Eltern, als sie vom Träger ihrer Kita erfuhren, dass diese im nächsten Jahr geschlossen werden soll. Die Kindertagesstätte „Märchenland“ in Calbe ist seit 1995 in Trägerschaft der Johanniter und in der Magdeburger Straße 34 beheimatet. Warum es nun zu der Schließung kommt, erklären die Johanniter in einem Schreiben an die Eltern wie folgt: „(…) Die Gremien der Stadt Calbe haben beschlossen, den Pachtvertrag für unsere Kita nicht zu verlängern. Da seitens der Stadt kein anderweitiges Gebäude zur Verfügung gestellt wird und selbst bei Erwerb der Immobilie durch die Johanniter eine Nutzungsgenehmigung nicht erteilt würde, sehen wir uns leider gezwungen, unsere Kita zum 30. Juni 2020 zu schließen (…)“.

Sven Hause (parteilos), Bürgermeister der Stadt Calbe, erklärt auf Nachfrage der Volksstimme, dass der Pachtvertrag zum 30. Juni 2020 regulär ausläuft. „Dieser Pachtvertrag wurde am 29. Juni 1995 abgeschlossen, war von Beginn für die Dauer von 25 Jahren befristet und sieht keine Verlängerungsoptionen vor“, so Hause. Die Johanniter hätten über diesen befristeten Vertrag auch Bescheid gewusst, erklärt Hause. Hinzu käme, dass sich die Bedarfe an Betreuungsplätzen reduzieren und sich dadurch die Wirtschaftlichkeit der Kindertagesstätten verändert.

Nicht erfüllte Brandschutzauflagen

Zurzeit können in der Kita „Märchenland“ nur 40 Kinder betreut werden, obwohl eine Auslastung von 67 angedacht ist. Dies sei nicht nur abhängig von der sinkenden Geburtenrate in Calbe, sondern auch von den nicht erfüllten Brandschutzauflagen der Verwaltung des Salzlandkreises.

Bereits bei einer Brandsicherheitsschau im Juli 2015 sei festgestellt worden, dass ein zweiter baulicher Flucht- und Rettungsweg (Feuertreppe) fehlt, berichtet Kreissprecherin Marianne Bothe. Auch bei einer zweiten Besichtigung im vergangenen Jahr konnte kein zweiter Fluchtweg festgestellt werden.

Eingeschränkte Betriebserlaubnis

Daraufhin schränkte die Kreisverwaltung mit Bescheid vom 28. Januar 2019 die Betriebserlaubnis insoweit ein, dass das erste Obergeschoss des Objekts ab dem 1. Februar 2019 nicht mehr genutzt werden darf, teilte Bothe mit. Die Kita kann somit nur noch mit einer Gesamtkapazität von 40 Kindern genutzt werden, und die Betreuung müsse ausschließlich im Untergeschoss erfolgen.

Johanniter-Regionalvorstand des Regionalverbandes Magdeburg/Börde/Harz, Stephan Klauert, erklärt der Volksstimme gegenüber, dass aufgrund von Brandschutzauflagen neue Brandschutztüren eingebaut wurden, aber eine Feuertreppe wegen fehlender Genehmigungen nie gebaut werden konnte. Sowohl die Stadt Calbe als auch die Kreisverwaltung des Salzlandkreises weisen diesen Vorwurf zurück. „Für Baugenehmigungen ist der Salzlandkreis zuständig“, erklärt Sven Hause. „Der Kreisverwaltung liegt kein Bauantrag für die Errichtung eines zweiten baulichen Flucht- und Rettungsweges (z. B. Feuertreppe) vor“, stellt Marianne Bothe fest.

Außerdem führt sie weiter aus: „Der Kita-Träger hatte vielmehr mit Schreiben vom 1. Oktober 2018 mitgeteilt, dass er einen zweiten baulichen Flucht- und Rettungsweg nicht herstellen wird. Zur Begründung gab er an, dass der Pachtvertrag mit der Stadt Calbe (Saale) nur noch bis zum 30. Juni 2020 laufe“.

Betreuungskapazitäten in Calbe

Aufgrund der Auflagen und der dadurch niedrigen Kapazität der Kindertagesstätte, wolle die Stadt den auslaufenden Pachtvertrag als natürliche Voraussetzung nutzen, um die Kita zu schließen. Zum Vergleich nennt Sven Hause die Auslastungen der anderen Calbenser Kitas: „Im Jahr 2018 wurden die Kindertageseinrichtungen wie folgt durchschnittlich ausgelastet: Haus des Kindes (AWO) 106 Kinder (78,5 Prozent), Regenbogen (Volkssolidarität) 85 Kinder (89,47 Prozent), Zwergenland (Lebenshilfe Bördeland) 52 Kinder (98,11 Prozent), Haus Sonnenschein (Stadt Calbe) 65 Kinder (90,27 Prozent)“. Für ihn müsse klar sein, dass sich Betreuungskapazitäten an den Kindern orientieren.

Die Kinder müssten nach der Schließung im Sommer nächsten Jahres in den vier anderen Kitas untergebracht werden. Hierzu führe die Stadt bereits Gespräche mit der Fachaufsicht des Salzlandkreises. Auch für das Personal sollen Alternativen gefunden werden, sagt Stephan Klauert von den Johannitern. „Wir sind ein großer Träger mit vielen Einrichtungen und können dem Personal dadurch Perspektiven geben“, erklärt er. Man würde es aber auch verstehen, wenn die Erzieher mit den Kindern in andere Einrichtungen wechseln wollen.

Einige Eltern wollen sich nun für den Erhalt der Kita einsetzen. Während des Sozialausschusses hatten sie ihre Forderung bereits kundgetan und hoffen nun mit weiteren Unterstützern Gehör bei der Verwaltung zu finden. Sie wollen während der Stadtratssitzung am 28. Februar noch einmal an die Stadt herantreten.