Schönebeck l Ein Mann baut bei sich zu Hause Cannabis an. Das ist laut Betäubungsmittelgesetz strafbar, man kann dafür bis zu fünf Jahre hinter Gitter kommen. Trotzdem setzt sich Falko Haltenhof aus Schönebeck dafür ein, dass der Angeklagte eine verminderte Strafe bekommt. Denn der Mann, der sich vor Gericht verantworten muss, hat die Drogen nicht für den Verkauf angebaut, sondern für sich. Weil er Schmerzen hat.

„In diesen Momenten diskutieren wir Schöffen sachlich mit dem Strafrichter“, so Falko Haltenhof. Dabei gilt jedoch auch: Zwei Schöffen können den Richter überstimmen.

Bei dem Mann, der für Privatzwecke Cannabis angebaut ist, hat Falko Haltenhof sich so entschieden, weil er selbst unter chronischen Schmerzen leidet. Seit 2004 kann er aufgrund einer Erkrankung nicht mehr arbeiten. Den tatkräftigen Falko Haltenhof deprimierte das, er wollte raus, sich nützlich einbringen. Dann sah er etwas in der Volksstimme stehen: Die Stadt sucht Schöffen. Falko Haltenhof fühlte sich direkt angesprochen. „Ich war schon immer ein kleiner Gerechtigkeitsfan“, sagt er und lächelt verschmitzt. Er bewarb sich – nach einem kurzen Gespräch im Rathaus wurde er genommen.

Menschenkenntnis

Seit zehn Jahren geht Falko Haltenhof nun alle paar Wochen – zwischen zehn- und 15-mal im Jahr – zum Amtsgericht. In den ersten fünf Jahren als Hilfsschöffe, seit fünf Jahren nun als Hauptschöffe. Was an dem Tag im Gericht für ein Fall dran ist, erfährt er immer erst vor Ort. Eine Ausbildung musste er übrigens nicht machen, um Schöffe zu werden. Haltenhof: „Ich habe eine Schulung gemacht, der Rest ist Lebenserfahrung.“ Letzteres benötigt man dringend, um das Schöffenamt gewissenhaft auszuüben, findet er.

Ebenso dringend brauche man eine super Menschenkenntnis. Schließlich muss man innerhalb kürzester Zeit den Angeklagten einschätzen und auch nicht unerheblich über seine Zukunft entscheiden.

Cannabis im Garten der Oma

Nimmt man dabei nicht ab und zu einen Fall mit nach Hause? Falko Haltenhof kann zwar nicht für andere sprechen, bei ihm ist das aber nicht so. Er sieht das Ganze pragmatisch. „Ich weiß, dass es gemacht werden muss.“

Obwohl es oft tragische Fälle gibt, wenn es um Einbruch, Kinderpornografie, harte Drogen oder häusliche Gewalt geht, sind da definitiv auch skurrilere Fälle, die einen schmunzeln lassen. Falko Haltenhof erinnert sich an einen besonders. Wieder ging es um Cannabis-Anbau. Haltenhof: „Ein junger Mann hatte die Pflanzen angebaut, als seine Freundin das spitzkriegte, hat er sie heimlich bei seiner Großmutter in den Garten gepflanzt. Die hat die Pflanzen dann eine zeitlang gegossen ohne zu wissen, was das ist. Dafür musste sie sich dann vor Gericht verantworten.“

Obwohl die Schöffen eigentlich einen Obolus – derzeit sind es 6 Euro pro Stunde – bekommen, nimmt Falko Haltenhof diesen oft nicht an. Seine Devise lautet: „Wenn ich helfe, dann mache ich das umsonst.“

Auch sonst ehrenamtlich aktiv

Ebenfalls ehrenamtlich fotografiert er für den Salzlandfuß-ball und erledigt technische Aufgaben auf der Internetseite salzlandfussball.de. Und wegen noch etwas ist der hilfsbereite Schönebecker in der Nachbarschaft bekannt: Seit zwei Jahren führt er dreimal täglich seine japanische Akita-Hündin, die auf den Namen Aimi hört, um die Häuserblöcke.

Angst, auf einem der Spaziergänge jemanden zu treffen, den er verurteilt hat, hat Falko Haltenhof nicht. „Ich habe die Ruhe dazu und stehe zu meinen Entscheidungen“, so der heute 59-Jährige.

Wann wäre für Falko Haltenhof Schluss? Er muss keine Sekunde überlegen, um darauf die Antwort zu wissen: „Wenn ich eine Entscheidung treffen müsste, die mit meinem Gewissen nicht mehr zu vereinbaren ist.“