Stadtteilwehr Schönebeck

Die Stadtteilwehr Schönebeck ist besser bekannt als die Feuerwehr von der Tischlerstraße. Bei der letzten Zählung im Frühjahr hatte die Stadtteilwehr 101 Mitglieder, darunter 53 Aktive, 23 Kinder und Jugendliche sowie 25 Mitglieder der Altersabteilung. Insgesamt sind auch 15 Frauen und Mädchen an der Tischlerstraße dabei. Hatte die Wehr im gesamten Vorjahr insgesamt 179 Einsätze, waren es im ersten Halbjahr 2019 bereits 120 Einsätze. Das entspricht einem Einsatz alle 36 Stunden. Im vergangenen Jahr gab es noch einen Einsatz alle zwei Tage. Und dass, obwohl allein im Januar vergangenen Jahres allein 14 Einsätze auf das Konto von Sturmtief Friederike gegangen sind. Bis diese Woche musste die Feuerwehr in diesem Jahr bereits 136 Mal ausrücken. Den Vorjahresrekord hält der Schönebecker Frank Mantwill mit 163 Einsätze.

Schönebeck l Vielleicht liegt es an der Hitze, dass die Schönebecker Feuerwehrleute derzeit gefühlt fast jeden zweiten Tag zu einer Türöffnung gerufen werden, um den Sanitätern die Tür zu hilfsbedürftigen Personen aufzubrechen. Allein in der vergangenen Woche mussten die Schönebecker Kameraden dreimal technische Hilfe leisten, um den Zugang zu einer Wohnung zu ermöglichen.

Und auch die nackten Zahlen sprechen dafür, dass die Schönebecker Feuerwehr in diesem Jahr auf einen neuen Einsatzrekord zusteuern könnte: So mussten die Kameraden von der Tischlerstraße allein im ersten Halbjahr 2019 insgesamt 120 Mal ausrücken. Im gesamten Vorjahr waren es hingegen noch 179 Einsätze. Sollten die Alarmierungen an der Tischlerstraße in dem Tempo weitergehen, könnte die 200er Marke in diesem Jahr deutlich gerissen werden.

Immer mehr Einsätze

Eine richtige Erklärung für diesen kräftigen Anstieg der Einsätze konnten die Feuerwehrleute noch nicht ausmachen. „Die Einsätze haben insgesamt zugenommen“, sagte Dirk Dietzmann, Wehrleiter der Stadtteilwehr Schönebeck von der Tischlerstraße. Allerdings nicht nur in einem bestimmten Bereich, sondern durch die Bank weg. Nach den ersten sechs Monaten wurden genau 60 Brandeinsätze und 60 technische Hilfeleistungen registriert.

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Brände, Türöffnung, Brandmeldanlagen, Unfälle – alles scheint in diesem Jahr häufiger vorzukommen. Bei einem starken Anstieg der Einsatzzahlen stellt sich immer auch die Frage nach einem Feuerteufel, der für eine Serie von Brandstiftungen verantwortlich sein könnte. Doch davon kann in Schönebeck keine Rede sein, auch wenn es in vereinzelten Fällen zu Brandstiftungen gekommen ist.

Wehrleiter Dietzmann ist dennoch überzeugt, dass die Einsatzkräfte die Dauerbelastung meistern können. Denn – soviel ist sicher – Feuerwehrleute klagen nicht, sie helfen. Und das, ohne zu fragen. „Die Kameraden schaffen das im Augenblick noch“, sagt er. Und auch wenn der Wehrleiter das Wort „noch“ nicht betont, ist es dennoch hörbar.

Zusätzliche Aufgaben

Einige Feuerwehrleute sehen dabei ein Problem darin, dass sie auch Aufgaben erfüllen sollen, die eigentlich nicht zu ihrer Jobbeschreibung gehören. So müssen die Feuerwehrleute etwa auch ausrücken, um Ölspuren auf den Straßen zu beseitigen. „Wenn wir sowieso am Unfallort sind, um Menschen zu retten, ist das natürlich kein Problem“, sagt Wehrleiter Dirk Dietzmann.

Doch wenn eine Ölspur ohne Unfall entdeckt wird, stelle sich die Frage, ob dafür wirklich ehrenamtliche Kräfte alarmiert werden müssen. Alternativen wären etwa die Straßenmeistereien, die Bauhöfe oder private Firmen. Doch gerade letztere kosten Geld. Und auch die Mitarbeiter der Kommunen und Kreise sind in der Regel ausgelastet. Bleiben wieder einmal nur die freiwilligen Feuerwehrleute, die entweder ihre Arbeitszeit oder ihre Freizeit opfern müssen.

Kritik an vielen Türöffnungen

Auch der kommissarische Stadtwehrleiter Daniel Schürmann könnte sich eine Entlastung der Feuerwehrleute vorstellen. Er sieht vor allem die vielen Türöffnungen kritisch. „Wir werden halt alarmiert, weil wir schneller als der Schlüsseldienst sind“, sagt er. Wobei Schürmann betont: „Natürlich ist es richtig, dass wir kommen, wenn auf der anderen Seite der Tür jemand umgekippt ist.“ Allerdings stellen sich gerade auch viele Türöffnungen als falscher Alarm heraus. Bewohner, die ihre Tür vermeintlich nicht öffnen, sind immer wieder nur einfach nicht zu Hause oder schwerhörig. Und oft genug springt der Rauchmelder auch nur an, weil die Batterie alle ist. Wehrleiter Schürmann glaubt aber nicht, dass sich an der Situation etwas ändern wird. Denn niemand ist so schnell und so verhältnismäßig günstig wie die freiwillige Feuerwehr, auch wenn die Rechnung am Ende natürlich doch der Steuerzahler übernehmen muss.

Auf der anderen Seite beschweren sich die Schönebecker Feuerwehrleute nicht. Man muss schon nachhaken und sehr genau zuhören, um auf die Probleme aufmerksam zu werden. Im Gegenteil: Gerade für die Stadtverwaltung und den Stadtrat in Schönebeck gibt es immer wieder viel Lob. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt läuft sehr gut“, betont Wehrleiter Daniel Schürmann. Gerade bei der Ausrüstung seien die Zeichen der Zeit erkannt worden. Die Konzepte für die Beschaffung neuer Fahrzeuge und Uniformen werden demnach nach und nach umgesetzt, wenn auch in Abhängigkeit von Fördergeldern.

Das akuteste Problem bleibt aber der dringend notwendige Umbau des Gerätehauses in Bad Salzelmen. Die Zustände vor Ort werden immer wieder als „katastrophal“ und „unzumutbar“ beschrieben. Die Arbeiten, die eigentlich im Mai hätten beginnen sollen, sind jedoch vorerst auf Eis gelegt.

Unklar ist, ob es tatsächlich an dem fehlenden Landeshaushalt liegt oder doch an dem Widerspruch der Bürgerinitiative Pro Salzelmen, die juristisch gegen die Baugenehmigung vorgeht. So befürchteten einige Anwohner durch das erweiterte Gerätehaus unter anderem eine Zunahme an Lärm und Verkehr. So oder so: Bei den Kameraden in Bad Salzelmen liegen die Nerven blank. Die Schuld sieht man bei der Bürgerinitiative, auch wenn das letztendlich nicht bestätigt ist.

Zumindest in Sachen Gerätehaus könnte man an der Tischlerstraße hingegen kaum glücklicher sein. Neubau erfüllt alle Bedürfnisse einer modernen Wehr. Und auch wenn die steigende Anzahl der Einsätze eine Belastung darstellt, ist sie derzeit noch zu meistern.

Sorgen um den Feuerwehrnachwuchs

Kritisch könnte es hingegen werden, wenn der Feuerwehrnachwuchs in Zukunft wegen des demographischen Wandels ausbleiben sollte. Eine stabile Jugendwehr ist elementar für den Erhalt eines Standortes. Erste Alarmsignale gab es zuletzt von den kleineren Ortswehren, als die Gerätehäuser in Frohse und Plötzky geschlossen werden mussten. Dort wurden die Jugendwehren bereits vor Jahren geschlossen.

An der Tischlerstraße ist die Jugendwehr derzeit zwar noch so stark, dass sie derzeit kaum noch neue Mitglieder aufnehmen kann. Erfahrungsgemäß wechseln am Ende von zehn Nachwuchskräften allerdings doch nur ein bis zwei Jugendliche zu den aktiven Kameraden. Noch steht die Forderung nach hauptamtlichen Feuerwehrleuten nicht offiziell im Raum. Dennoch weisen erfahrenen Wehrleiter darauf hin, dass das Thema irgendwann einmal anstehen könnte, wenn die Freiwillige Feuerwehr nicht weiter gestärkt wird.