Barby l „Endlich mal ein Fährmann, der gute Laune hat“, sagt Wolfgang Räbiger beim Verlassen der Fähre und winkt ab, als Stefan Teubner (31) ihm 50 Cent herausgeben will. Der Mittsechziger ist mit zwei Freunden auf dem Fahrrad unterwegs. Die Männer starteten in Bad Schandau mit Ziel Haldensleben; die Tagesetappen betragen so um die 70 Kilometer. Eigentlich wollten die Drei von Breitenhagen aus über die Elbe. Doch da ist wegen Niedrigwasser gesperrt. „Wir hatten bis dahin die linke Elbseite bevorzugt, weil sie landschaftlich schöner ist“, meint Räbiger. Der Elberadweg, der das Ranking der zehn beliebtesten deutschen Strampelpisten seit Jahren anführt, „ist fast durchweg in Ordnung“, urteilt der Haldenslebener. Nur zwischen Riesa und Dommitzsch seien die Hochwasserschäden von 2013 noch nicht beseitigt worden. Nach der Übernachtung in Barby radeln die Männer nun über die Hoplake und Dornburg weiter nach Norden.

Auch Sabine und Ralf Kösterke aus Bremerhaven sind mit den Rädern unterwegs. Sie machen die Tour in umgekehrte Richtung, ihr Ziel ist Dresden. „Man hat uns gesagt, stromaufwärts ist schöner“, deutet Sabine in Richtung Süden. Das Paar kommt schnell mit den Männer aus Haldensleben ins Gespräch: „Ihr müsst Euch unbedingt das Elbsandsteingebirge angucken. Ein Traum“, schwärmt einer der drei Sachsen-Anhalter. „Schaffen wir nicht, wegen der Arbeit. Beim nächsten Mal vielleicht“, erwidert Ralf.

Radweg als Wirtschaftsfaktor

Gespräche wie diese hören die Barbyer Fährmänner fast täglich. Denn die Radler sind - und wer hätte das vor 25 Jahren geahnt - zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Für das Gastro- und Beherbergungsgewerbe entlang der Elbe und auch für die Fährbetreiber.

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Apropos, Gastronomie. Eine bemerkenswerte Entscheidung traf vor zwei Jahren Guido Bernau (41), dessen Vorfahren die Barbyer Fähre fast sechs Jahrzehnte betrieben. Er arbeitete bis 2016 als Kellner. Zuletzt in der Motorsport-Arena Oschersleben. Das waren täglich 70 Kilometer hin, 70 Kilometer zurück. Heute braucht Guido zwei Minuten, bis er an seiner Barbyer Arbeitsstelle ist. Denn er wohnt in Sichtweite, im elterlichen Fährhaus.

Oder sieben Minuten, wenn er nach Breitenhagen muss. Denn Guido wird von seinem Arbeitgeber Stadt Barby auf allen drei Gierfähren (Barby, Breitenhagen, Groß Rosenburg) eingesetzt.

Mit 40 PS zur Arbeit

Barby-Breitenhagen? In so kurzer Zeit?, werden sich Ortskundige skeptisch das Kinn reiben. Wo man mit dem Auto doch mindestens eine viertel Stunde braucht, wenn man gut ist!

„Ich habe mir ein schnelles Motorboot gekauft. Alu-Körper, Außenborder, 40 PS“, deutet der 41-Jährige auf sein silbernes „Schätzchen“, das gerade von einer schnatternden Gänsearmada umkreist wird. „Für die fünf Kilometer brauche ich bei Vollgas so fünf bis sieben Minuten“, lächelt Guido. Natürlich nur, wenn es hell ist. Im Winter, bei Dunkelheit, gehe das natürlich nicht. Dennoch ist der Barbyer vermutlich weit und breit der Einzige, der mit dem Boot zur Arbeit fährt. Wo sich andere ein neues Auto für den Job kaufen, ist es bei ihm der schnittige Alu-Kahn. Dienstbeginn in Breitenhagen ist 5.30 Uhr, eine halbe Stunde früher landet Guido Bernau dort an. Nur eben jetzt nicht, wo die Fähre infolge Niedrigwassers im Dornröschenschlaf liegt. Elbe-Prägung

„Meine Tätigkeit als Kellner war nicht schlecht. Das hier ist aber besser“, gesteht er. Wobei natürlich die kindliche Prägung eine Rolle spielt. Guido wuchs zusammen mit Bruder Erik im Mehrgenerationen-Fährhaus auf. Hier, wo alle Jahre wieder Elbehochwasser das Grundstück zur Hallig machen, wo morgens der Rehbock „bellt“, der Storch klappert oder Vater Heinrichs Haustierzoo für so manche Geschichte in der Volksstimme sorgt, kann man gar nicht anders, als naturverbunden zu sein. Der junge Barbyer wuchs mit dem Rasseln der Winden auf, wenn die Fähre ablegte, hatte immer wieder imposante Binnenschiffe vor der Nase oder paddelte bei den Kanuten, die hier ihr Bootshaus haben. Wenn man so will, eine Rückkehr zu den beruflichen Wurzeln der Familie Bernau, die hier seit 1914 wohnt.

Andreas, der Begründer

Guido hätte jetzt normalerweise Dienst in Breitenhagen. Aber seit Sonntag muss die Fähre am Ufer bleiben. Also haben wir etwas Zeit, in der Familiengeschichte zu stöbern, derweil Kollege Stefan Teubner (Sie erinnern sich - der gut gelaunte, vom Anfang des Artikels ...) die Kunden auf der Barbyer Fähre abfertigt.

Als Begründer der Fährdynastie gilt Ururgroßvater An-dreas, der Schiffseigner war. 1912 verkaufte der gebürtige Groß Rosenburger seinen Kahn und erwarb die Barbyer Fähre 1914. „Guck hier, auf dem Schild steht, wie das damals war“, deutet Guido auf eine Tafel, die die Geschichte des umweltfreundlichen Transportmittels erklärt. Danach ließ Andreas Bernau 1914 eine neue Fähre bauen, die Mitte der 1920er Jahre den gestiegenen Verkehrsanforderungen folgend mit Bordwänden aus Eisen verstärkt wurde. Doch Andreas sollte kein Glück haben. 1919 verstarb er 49-jährig. Sohn Heinrich, nennen wir ihn den I., musste noch jung an Jahren das Geschäft übernehmen, obwohl er eigentlich Lehrer werden wollte. Er bekam wiederum einen Sohn, der ebenfalls Heinrich genannt wurde, quasi Heinrich II. Der arbeitete bis 1968 als privater Fährmann. Danach übernahm die Stadt das Geschäft. Heinrich II. hatte zwei Söhne: Martin und ... Sie ahnen es ... Heinrich (III.), Jahrgang 1949, den man der Unterscheidbarkeit halber bis heute Heino (69) nennt. Das ist Guidos Vater, der aber auf Empfehlung seines Vaters damals Maler lernte.

Was in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden sollte: Heino ist stolz, dass sein Zweitgeborener die Familientradition wieder aufnahm. Ausfälle durch Naturgewalten

Schweiß auf der Stirn

Derweil die gegenwärtig neun Fährmänner des öffentlichen Dienstes bei Hoch- und Niedrigwasser oder Eisgang gelassen bleiben, weil der Verdienst weiter läuft und sie andere Aufgaben bekommen, stand privaten Fährpächtern oder -besitzern einst der Schweiß auf der Stirn, wenn ihr Schiff an das Ufer gezwungen wurde.

Heino Bernau erinnert sich an ein Beispiel, das er als 15-Jähriger erlebte: 1965 brach erst im Januar der Winter herein. Es schneite gewaltig, Frost bescherte Treibeis. Die Fähre musste am Ufer bleiben. Dann taute es ebenso schnell wie der Winter gekommen war, so dass die Wasser der Elbe unaufhaltsam stiegen. Das Hochwasser fiel und stieg, mal mehr, mal weniger – jedenfalls immer so, dass kein Fährbetrieb möglich war. Das ging so bis zum Juni. Fährmeister Heinrich Bernau II. (1926-1978) wurde mürrisch. Schließlich musste er seinen Angestellten Walter Jacob bezahlen. Der Versuch, für einige Wochen in der Maizena unter zu kommen, scheiterte. Im Winter brauchte man dort keine Arbeitskräfte. Um die Kneipe wenigstens in Gang zu halten - die mittlerweile zum zweiten Standbein geworden war - holte er die „Stammtischgäste“ mit dem Boot vom Barbyer Brücktor ab und fuhr die bezechte Truppe abends wieder nach Hause. „Trotzdem hielten wir uns im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser“, betont der 69-Jährige. Das funktionierte durch die Kneipe und ein wenig Viehwirtschaft, wie es seit Generationen üblich war. Es kamen ja wieder bessere Zeiten. Das ist „Magieee“ ...

Die Kämmerin der Stadt wusste, dass die Bernaus gute Steuerzahler waren. Heinrich Bernau II. hatte Probleme, den Begriff Feierabend zu definieren. „Mein Vater fuhr manchmal bis nachts um elfe. Er tat es auch, wenn jemand auf der anderen Elbseite nach ihm rief oder bimmelte“, erinnert sich Sohn Heino.

Wenn der Doktor krank wird

Das kam nicht selten vor, weil die Siedlung Ronney damals noch zu Barby gehörte (heute zu Walternienburg). Da mussten der Doktor, die Hebamme oder der Tierarzt schnell mal über gesetzt werden. „Die hatten es immer sehr eilig. Als Dr. W. mal bei Hochwasser nach Ronney musste, nahm mein Vater den Handkahn und setzte das Segel. Dem Doktor wurde bei der Überfahrt übel, so dass er selbst bald medizinische Hilfe brauchte“, grinst der aktuelle Fährhausälteste.

„Solche Geschichten können nur ausgegraben werden, weil Niedrigwasser ist“, lacht Guido Bernau. Normalerweise hätte er sonst nicht so viel Zeit zum Plauschen und Zuhören.

Sein Kollege Stefan Teubner winkt gerade einen Lkw auf die Fähre, der kurz vor der Gewichtsgrenze ist. „Gegenwärtig dürfen wir nur zehn Tonnen laden“, sagt er. „Weiß du noch: Vor neun Jahren hast du mich zum ersten Mal in die Volksstimme gebracht“, erzählt der 31-Jährige. „Damals war ich der jüngste Fährmann Sachsen-Anhalts.“ Zuvor schipperte der Güterglücker als Binnenschiffer auf Rhein, Main und Donau, bevor er bei der Stadt Barby anheuerte.

Ist das wirklich Magie?

Wieder macht die Fähre auf der Barbyer Seite fest, und ich lege die Haltekette an. Wieder sind es Radtouristen, die neugierig sind. „Wie funktioniert das hier eigentlich, so ganz ohne Motor“, will eine junge Radlerin wissen, die norddeutschen Akzent spricht. Stefan macht mit den Händen eine okkulte Bewegung und grinst spitzbübisch: „Magieee!“ Dann erklärt er, dass es die Strömung ist, die das Schiff über den Fluss „drückt“.