Calbe l Schöne Stoffe bringen Frauenaugen zum Leuchten. Auch meine. So viel zum Klischée. Besonders schöne und samtige Materialien lagern bei Lutz Schmidt. Er betreibt eine Polsterei. Noch einmal tief einatmen, bevor ich für wenige Stunden mein Arbeitsumfeld vom Reporter zum Polsterer tausche. Ich erinnere mich an Prüfungen vergangener Tage. Ein ähnlich mulmiges Gefühl habe ich auch, schließlich hat es einen Grund, weshalb ich in meiner Vergangenheit keinen handwerklichen Beruf erwählt habe. Zwei linke Hände kann ich mein eigen nennen. Mit einem lächelnden Grinsen nimmt mich mein „Chef auf Zeit“ in Empfang. Lutz Schmidt strahlt mit seinen Kreationen im Ladengeschäft um die Wette. Helle, freundliche Farben. Gleich neben dem Eingang eine flache, mit hellgrünem Stoff bezogene Couch, die geradezu verführerisch dazu aufruft, sich entspannt niederzusetzen. Um einen Tisch liegen unweit davon gelb bezogene Kissen auf dem Boden. Der Anblick erinnert an chinesische Kultur. Schmidt nickt bestätigend. Allerdings kein Auftragswerk. Es gebe Momente im Leben eines Polsterers, in denen er selbst neue Möbel entwirft. „Das schwebte mir irgendwann im Kopf“, kommentiert er. Ein Ausstellungsmodell dieser Art sei ruckzuck verkauft gewesen.

Mein Augenpaar setzt die Reise entlang der Möbel fort. Ein Sofa brennt sich mit seinem gelb-grünlich schimmernden Stoff in mein Gedächtnis ein. Ein edler Anblick. Muster für mögliche Bezüge gebe es so viel wie Kombinationsmöglichkeiten aus Farben und Formen: kurzum Tausende. Nahezu alle Stoffe finde man. „Es gibt orientalische, aber auch solche mit Drachen werden verkauft – dafür muss man dann nur lang genug suchen“, spricht der Raumausstattermeister aus seinem Erfahrungsschatz. Seine Bezugsstoffe stammen sogar aus England. Er selbst mag es schlicht und dezent. Der „Glamourfaktor“ entstünde für ihn durch ein-, in manchen Fällen auch zweifarbigen Stoff. Entweder Ton in Ton gemustert oder mit klarem (Streifen-)Muster. Sein Wohn- und Schlafzimmer zeugt von seiner beruflichen Affinität. Seine Sitzmöbel sind gepolstert.

Tisch mit Leder überzogen

„Wir haben für einen Designer aber auch schon einmal Tische mit Leder bezogen“, erzählt er über einen jahrelang anhaltenden Trend. Sein Beruf – sein Traum, seine Profession. „Etwas anderes kann ich mir gar nicht mehr vorstellen“, kommt der 54-jährige Calbenser ins Schwärmen. Dabei ergab sich Schmidts Lehrstelle beim Polstereibetrieb zufällig. „In der Nähe der Dienststelle meiner Mutter befand sich eine“, erklärt er. Aus einem Schnupperexperiment wurde Leidenschaft. Ihm gefalle es bis heute, Kunden zu bedienen. Obwohl sein Uropa bereits Sattler und Polsterer war, sei Schmidts berufliches Schicksal dadurch nicht vorherbestimmt gewesen, lacht er.

Bilder

Nach wenigen Schritten stehe ich in der Werkstatt. Meinem neuen Arbeitsbereich. Die Sitzfläche eines Polsterstuhls liegt dort. „Wir bringen ihn gemeinsam zum Kunden“, sagt Schmidt und erweist sich als Gentleman, indem er den Sitz und ich die Schrauben trage. Der Weg führt zum nahegelegenen Friseursalon. Die Sitzflächen der Lederstühle für den Damensalon benötigen einen neuen Bezug. Der weiße sieht sichtlich abgenutzt aus. Der neue schwarze aus Kunstleder glänzt. Mit einem Lächeln bei der Arbeit wird der Sitz wieder an die Stuhlfläche angeschraubt. „Sehen Sie, das klappt doch besser als bei mir“, lobt er meine Versuche und macht mir nach meiner „Linke-Hände-Beichte“ Mut. Vielleicht haben meine kleinen Finger bessere Möglichkeiten, die Schraube durch die vorgesehenen Löcher zu dirigieren und schließlich festzuziehen? Möglicherweise kommt hier allerdings auch nur meine Erfahrung aus dem Zusammenbau mehrerer Möbel in heimischen Gefilden zum Tragen.

Zurück in der Werkstatt bin ich an der Reihe, mein handwerkliches Geschick zu zeigen. Lutz Schmidt drückt mir eine sogenannte Ahle und einen Holzhammer in die Hand. Mein „Übungsobjekt“ ist die Sitzfläche, die ich von Mandy Müllers Salon in die Werkstatt getragen habe. Meine Aufgabe: Ich soll die Klammern, mit denen das Leder auf der Rückseite ans Holz getackert ist, entfernen. Also klopfe ich die Ahle schräg unterhalb der Nadel, um diese hochzuhebeln. Der Fachmann nennt das „abreißen“. Es klappt – trotz des mir bereits öfter bescheinigten technischen Ungeschicktseins. Lutz Schmidt hat sichtlich Vertrauen in mich, denn er lässt mich nach einer Arbeitsschutzbelehrung allein am meinem Platz. Ich arbeite konzentriert weiter. Ohne das Holz zu beschädigen, entferne ich die Tackernadeln. Sogar schneller, als mein Polsterer-Chef denkt. Ich merke aber auch, dass alles seine Zeit braucht. „Schnelle, schnelle, mache fix“ - darauf muss im Polstererhandwerk verzichtet werden. Sorgfalt geht vor.

Bei der Oma besser aufgepasst ...

Einer von zwei Mitarbeitern Schmidts eilt an meine Seite, um mir die nächsten Schritte zu erklären. Das schwarze geprägte Kunstleder ist bereits zugeschnitten. Genäht hat es Reiner Hackel aus Löderburg. An einer sogenannten Industrie-Nähmaschine. „Sie können dickeres Material verarbeiten“, erklärt er mir den Unterschied zur herkömmlichen. Hoffentlich setzt mich der Meister nicht an diese Maschine, schießt mir durch den Kopf. Direkt gefolgt von dem Gedanken, dass ich während der Nähunterweisungen meiner Oma doch hätte besser aufpassen sollen. Hackel bringt das zugeschnittene Leder mit. Natürlich werde auch Echtleder verwendet. Das komme allerdings selten und kaum im gewerblichen, sondern eher im Privatbereich vor.

Bevor das Kunstleder nun über den Sitz gezogen wird, legt er ein wärmeisolierendes Vlies auf. Sie sorgt für ein angenehm temperiertes Sitzgefühl. Mit eingehauenen Nägeln wird das Leder provisorisch festgemacht, bevor ich das Leder zum Abschluss an das Holz tackern darf. Es ist ungewohnt, Falten zu legen und darüber das luftbetriebene Werkzeug zu führen. Ich habe Bedenken, dass ich etwas falsch mache. Schließlich soll die Kundin zufrieden sein.

Der Meister steht neben mir. An einigen Stellen muss er korrigieren. Ansonsten gibt‘s ein Lob. Etwa 100 Euro pro Sitz wird Schmidt später berechnen. Ein gerechtfertigter Preis, wie ich finde. Denn die Vorarbeiten, um das neue Leder aufbringen zu können, sind wahre Sisyphustätigkeiten, die nichtsdestotrotz ihre Zeit beanspruchen. Vor neun Jahren, erinnert sich Lutz Schmidt, bekamen die Stühle des Friseursalons eine lederne Frischekur. Das zeigt, wie strapazierfähig sie sind, meint Frisörmeisterin Mandy Müller. Aus diesem Grund hat sie sich auch für die erneute Aufarbeitung entschieden.

Preisintensive Handarbeit

Die Arbeiten sind nicht selten preisintensiv. Das Handwerk des Polsterers werde allerdings nie aussterben. Schließlich gebe es immer Menschen, die an liebgewonnenen oder historischen Möbeln hingen. Ich denke an die sogenannten „Waschhausstühle“ im Haus meiner Großeltern. Wegen des abgenutzten Leders mussten sie ihren angestammten Platz im Wohnzimmer gegen das Waschhaus tauschen. Ich verbinde mit ihnen allerdings wertvolle Erinnerungen. An meine im Sessel sitzenden und sich drehenden, zeitungslesenden Großeltern zum Beispiel.

Der Polsterer von heute ist nicht mehr nur Handwerker. Beratung wird immer wichtiger. Lutz Schmidt hat gerade eine Handvoll Musterbücher voller Stoffvorlagen geholt. Familie Jünemann aus Staßfurt ist zu ihm gekommen. Via Mundpropaganda ist das Ehepaar auf den Calbenser aufmerksam geworden. Sie suchen einen dunkleren Stoff für zwei Stühle und eine Sitzbank. Sie sollen mit neuem Bezug in der Küche bleiben. Der Hund hatte sich zuvor an den Polstermöbeln zu eifrig ausgetobt, schmunzelt Horst Jünemann. Angestrengt blickt er auf die Unmengen von Mustern. Ein Braunton soll es sein. „Etwas, das zu unserer Küche in Eiche rustikal passt“, äußert er seine Wünsche. In der Farblage gibt es noch Unmengen an Auswahl. Auch ich werde nach meiner Meinung befragt, die von dem Ehepaar sogar beherzigt wird. Die Entscheidung für einen Stoff dauere vereinzelt schon einmal mehrere Monate. Zu den beliebtesten Mustern zähle allerdings das Florale und Gestreifte, so der Geschäftsinhaber. „Das kommt nie aus der Mode und ist immer in“, meint er. Dazu gibt Lutz Schmidt Tipps. „Auf die Pflegehinweise sind die Hausfrauen immer ganz besonders scharf“, entgegnet der Unternehmer.

Polsterer - ein Beruf, dessen Aufgaben längst nicht so antiquiert sind, wie es klingen mag. In der Gegenwart hat das „Pferd“ zudem einen neuen Namen bekommen. Die Spezialisten für Polstermöbel und Design heißen nun Raumausstatter. An der dahinter stehenden Handarbeit habe sich im Laufe der nichts geändert, meint Schmidt. Der Aufwand sei derselbe. Nur die Technik ist anders. Damals zum Teil mit Schnürung. Er geht zu einem Sofa aus der Gründerzeit von 1880. Der Eigentümer wollte es entsorgen lassen. Schmidt erkannte ein Schätzchen und will es persönlich aufarbeiten. Dies würde mehrere Tausend Euro kosten. Über 200 Möbelstücke, Abdeckungen, Autositze, etc. „rettet“ Schmidt mit seinem Team vor der Entsorgung und erhält Erinnerungen. Ein Tätigkeitsgebiet, in das ich gern noch länger hineingeschnuppert hätte.

Was ist bereits erschienen?

Das war jetzt wirklich der letzte Teil der Sommerserie. Bereits erschienen: Mitarbeiterin in der Leitstelle, Tierpflegerin, Zustellerin, Mitarbeiter im Stadtpflegebetrieb, Fährhelfer, Bürgermeister, Regieassistent, Müllmann, Sozialarbeiter, Hebamme und Polizistin nachzulesen unter www.volksstimme.de.