Barby l Werner Zenker hat das fragile Stück auf dem Hof aufgehängt, damit es besser fotografiert werden kann. Stockflecke, Verfärbungen, die wie Batikkunst wirken, und große Löcher verleihen der einstmals roten Fahne etwas archaisches. Zenker ist als einziges Gründungsmitglied der Barbyer SPD-Ortsgruppe noch heute dabei, die 1990 ins Leben gerufen wurde. Deshalb ist auch die Fahne der Eisernen Front in seinem Besitz. Karl Nitschke aus der Friedrichstraße, von dem nachher noch die Rede sein wird, vermachte sie Anfang der 1990er Jahre dem Barbyer Sozialdemokraten Wolf-Rüdiger Voigt. Er hatte es bis zu seiner Enttarnung als IM der Staatssicherheit sogar zum Kreisvorsitzenden der Sozialdemokraten gebracht. Werner Zenker machte 1999 dort weiter, wo Voigt aufhören musste. „Damals wollte keiner den Vorsitz übernehmen“, verzieht er noch heute säuerlich das Gesicht. Zu diesem Zeitpunkt sei ihm von Vorgänger Voigt auch die Fahne übergeben worden.

Zwölf Jahre war Zenker Vorsitzender. Heute ist er 65, Rentner und macht Klarschiff: „Ich glaube, es ist das Beste, die Fahne ins Museum zu bringen.“ Denn das kampfbetonte textile Fossil der Sozialdemokratie mit seinen drei weißen Pfeilen ist von großem ideellen Wert.

Zum Fototermin trägt Werner Zenker ein satt-rotes Sweatshirt. Die Fahne neben ihm sieht dagegen aus wie ein zerbröselndes Seidenpapier. Sie hat ja auch einiges erlebt ...

Sie gehörte dem SPD-Mitglied Hermann Nitschke, der sich sehr früh dem Pfeilbanner anschloss. Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, kam es bei „staatsfeindlichen Elementen“ zu Hausdurchsuchungen. Viele verbrannten aus Angst ihre Parteibücher und roten Fahnen, denn ein Auffinden hätte das KZ bedeuten können.

In Sicherheit gebracht

Hermann Nitschke nicht. Er wollte sich von diesen Sachen nicht trennen, sie aber in Sicherheit wissen. Als sich auch in Barby die Nationalsozialisten etablierten, es zu Demütigungen und gewalttätigen Übergriffen gegen Sozialdemokraten und Kommunisten kam, vergrub er die Sachen im Kohlenstall seines kleinen Hauses in der Friedrichstraße. Sich selbst nicht schlüssig, wie lange die Nazis an der Macht bleiben und ob er eine andere Zeit überhaupt noch erleben würde, weihte der Genosse seinen Sohn Karl in das Geheimnis ein.

Befragt danach, ob es nicht leichtsinnig gewesen sei, ein Kind mit solch‘ gefährlichem Wissen zu belasten, gab Karl Nitschke 1992 zu Protokoll, als die Fahne an Voigt überging: „Vater hat mir einmal gesagt, dass ich schweigen soll. Sein Wort war Gesetz in unserer Familie!“

Unter diesen Bedingungen lagerten Parteibuch und das Pfeilbanner der Eisernen Front zwölf Jahre lang in der feuchten Erde, um 1945 wieder ausgegraben zu werden. Beschwerlich war das nicht, da zu diesem Zeitpunkt sowieso keine Kohlen mehr im Schuppen waren. Nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946 traten viele enttäuscht aus der neuen Partei aus, die nun SED hieß.

Auch Hermann Nitschke wurde der Vorschlag gemacht, die stockfleckige Fahne im Parteimuseum der SED auszustellen. Er lehnte ab. Sicherlich deshalb, um nicht das neue Regime aufzuwerten, dem er kritisch gegenüber stand.

Nun kommt sie ins Salzlandmuseum. Und damit schließt sich der Kreis.