Schönebeck l Die jüdische Woche ist auf 2021 verschoben. Alle geplanten Programmpunkte fallen aus. Doch auf den Spuren jüdischen Lebens in Schönebeck wandeln, ist jetzt trotzdem möglich. Zumindest auf den Spuren eines jüdischen Lebens: dem der Holocaustüberlebenden Jutta Lübschütz, die viele Schönebecker unter dem Namen Judy Urman besser kennen.

Um das zu ermöglichen, hat Stefan Meier, Mitarbeiter des Kinder- und Jugendbüros Piranha des Vereins Rückenwind, eine Tour entwickelt, die an verschiedenen Stationen des Lebens der jungen Jutta Lübschütz Halt macht. Die Tour abzulaufen und die kleinen integrierten Rätsel zu lösen, ist nämlich trotz Corona möglich. Denn alles, was Interessierte dafür brauchen ist ein Smartphone oder ein Tablet – und den passenden QR-Code.

Tour per App

Wobei dieser in dem Moment überflüssig wird, sobald Nutzer der kostenfreien App „Actionbound“ – diese ist Grundlage für die Tour und läuft auf Apple- und Android-Geräten – den Namen der Tour eingeben und diese so starten können. Genannt hat Stefan Meier seine Route „Jutta Lübschütz – Aus dem Alltag eines jüdischen Mädchens“.

Erstellen konnte Stefan Meier die Tour fast komplett am PC, musste nur die GPS-Daten der Punkte, an denen der Nutzer mehr über Jutta Lübschütz und ihr Leben erfahren soll, über die App einlesen. Sobald einer dieser Punkte, zu denen man durch einen Richtungspfeil navigiert wird, erreicht ist, vibriert das Handy kurz und liefert Informationen zu dem Ort – per Text, Video oder Sprachaufnahme.

Sprachaufnahmen integriert

Um die Tour durch das Leben der jungen Jutta so authentisch wie möglich erscheinen zu lassen und sich in das Leben des jüdischen Mädchens im Dritten Reich reinversetzen zu können, sind die Texte in der Ich-Form verfasst. „Das war mir wichtig“, sagt Stefan Meier. Außerdem kommt die junge Jutta selbst zu Wort. Geliehen haben ihr ihre Stimmen die zwei 11-jährigen Schönebeckerinnen Salsabil Riester und Letitzia Ritter.

„Die Idee dahinter ist, die Spieler der App abzuholen und sie so realistisch wie möglich mitzunehmen in die Geschichte. Jutta beziehungsweise Judy sollte eine Stimme bekommen, physisch werden“, erklärt Stefan Meier den Aufwand.

Eine Schönebecker Jüdin, die überlebte

Geboren wurde Jutta Lübschütz am 15. Mai 1927 in Schönebeck. Sie war Jüdin und besuchte zunächst die damalige Mädchenschule Breiteweg, nachdem die Familie gezwungen wurde umzuziehen, eine Schule in Bad Salzelmen. Auf der Tour berichtet Judy Urman, wie die gebürtige Schönebeckerin später heißt, auch über ihre Erlebnisse in der Mädchenschule. Sie war die einzige jüdische Schülerin. Gemeinsam mit Mutter Else verließ Jutta Lübschütz Schönebeck am 23. Oktober 1940 und lebten während des Pazifik-Krieges in Shanghai.

Jutta Lübschütz heiratete am 1. Juni 1947 Ernest Urmann, einen jüdischen Emigranten aus Wien. Gemeinsam übersiedelten sie Ende 1948 nach Israel und nach drei Jahren wanderte das Paar in die USA aus, lebte dort mit seiner Familie – den drei Kindern und später Enkelkindern – in Denver, Colorado. Ihren Vornamen hat die gebürtige Schönebeckerin von Jutta in die englische Form Judy verändert, das zweite „n“ im Nachnamen abgelegt und ist im Jahr 2017 im Alter von 90 Jahren verstorben.

Geocaching-Tour als Basis

Komplett neu erarbeiten musste Stefan Meier die Route aber nicht, hat er doch in der Vergangenheit schon eine ähnliche Geocaching-Route, also eine GPS-basierte Stadttour zu ähnlichem Thema erstellt.

„Diese Tour habe ich bereits 2014 entwickelt und sie schon mit vielen Schulen im Rahmen von beispielsweise Projektwochen gemacht“, erklärt Stefan Meier. Auch im Rahmen der ersten jüdischen Woche in Schönebeck im Jahr 2019 hatte er mehrere Touren angeboten, wollte sie in der zweiten Auflage der Aktionswoche erneut leiten. Und bei einer dieser Touren im Jahr 2019 wurde er auf die Idee gebracht, dass es doch schön wäre, wenn eine solche „Stadtführung“ auch ohne Führer möglich wäre.

App schonmal genutzt

„Dann habe ich gekramt und überlegt, wie ich diese Idee umsetzen kann. Und dann ist mir die Actionbound-App wieder eingefallen“, berichtet der Rückenwind-Mitarbeiter. Eingefallen deshalb, weil Stefan Meier die App bereits kannte, hatte er doch vor der Lübschütz-Tour bereits eine andere Tour in Schönebeck erstellt. Zwei Touren, die für die Nutzer in Schönebeck kostenfrei sind.

Um Schönebeckern und womöglich auch Gästen der Stadt die Route über das Leben von Jutta Lübschütz anbieten zu können, muss der Verein aber zahlen. Die Lizenz, die der Verein dank finanzieller Mittel des Bundesprogramms Demokratie Leben für 300 Euro gekauft hat, ermöglich es, die Route innerhalb eines Jahres 500 Mal zu machen. Sprich: Wer mit mehreren Leuten unterwegs ist, sollte die Tour auf nur einem Smartphone starten, um möglichst vielen anderen Interessierten die Chance zu lassen, es ihnen gleichtun zu können.

Die ersten 500 sogenannten Bounds sind bis September 2021 möglich. „Von Oktober 2021 bis September 2022 ist eine weitere Lizenz aber auch schon finanziert“, erklärt Stefan Meier.

Der QR-Code zur Tour ist auf der Facebookseite des Kinder- und Jugendbüros Piranha zu finden.