Schönebeck l In die Karten schauen lassen sie sich nicht. Mehrmals in den vergangenen zwölf Monaten hat die Volksstimme keine Gelegenheit ausgelassen, wenn ein Pressetermin mit dem Unternehmen ThyssenKrupp Presta Schönebeck GmbH angesetzt war. Da wurden dem hiesigen Geschäftsführer Sascha Singer und dem aus Essen angereisten Pressesprecher Konrad Böcker immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Und genauso antworten die beiden Herren, freundlich und unbestimmt wie langjährige Diplomaten.

Nur einmal blitzte bei einer Pressekonferenz etwas hervor, was das in Schönebeck ansässige Unternehmen langfristig mit dem Areal zwischen der Bahnlinie und der Barbarastraße vor hat: Im Februar des vergangenen Jahres unterrichtete ThyssenKrupp ziemlich konkret, dass dort eine Erweiterung für rund 39 Millionen Euro geplant sei.

Dezente Zurückhaltung

Das war‘s dann auch mit dem In-die-Karten-gucken. Der Hersteller von Lenksäulen und -systemen hält sich mit längerfristigen Ankündigungen und markigen Sprüchen dezent zurück. Auf die Frage der Volksstimme, wann es losgeht, reagiert der Schönebecker Geschäftsführer mit einer Art „chinesischer Zurückhaltung“, die gesichtswahrend ist: „Das hängt von der Auftragslage ab.“

Wie lange so etwas dauert, bis die Konzernleitung in Essen das „Go!“ für eine Standorterweiterung gibt, zeigt das Beispiel Barbarastraße. Es war am 21. Oktober 2004, als der Stadtrat die Teilsperrung der Barbarastraße beschloss – mit der Option, dass ThyssenKrupp diesen Beschluss erst umsetzt, wenn das Unternehmen die Straße tatsächlich benötigt. So dauerte es noch 13 Jahre, bis es tatsächlich dazu kam.

13 Jahre sind eine lange Zeit. Als nun im vergangenen Jahr ThyssenKrupp ernst machte, war der Aufschrei groß. Anwohner des Wohngebietes, vor allem ältere, bemängelten, dass sich mit der Teilsperrung der Straße der Weg in die Innenstadt erheblich verlängere, insgesamt um etwa 1500 Meter.

Stadtseniorenrat engagiert

Zuletzt war es der Stadtseniorenrat, der gemeinsam mit Vertretern der Stadtverwaltung und Anwohnern nach machbaren Alternativen suchte. Denn fest steht: Infrastrukturen von Kommunen verändern sich. Doch was die Anwohner sehen, ist: nichts. Die vom Unternehmen angekaufte Fläche ist eine immergrüne Wiese und wird teilweise als Parkplatz genutzt, von Bauaktivitäten keine Spur.

Das bestätigt auch Konzernpressesprecher Konrad Böcker: „Seit 2005 ist die Fläche zwischen Barbarastraße und Bahnlinie als Werksgelände ausgewiesen. Diese Fläche wird derzeit überwiegend als Parkplatz für Mitarbeiter sowie als Logistik- und Rangierfläche für die Ent- und Beladung von Lkw genutzt. Durch die in 2017 abgeschlossene Erweiterung des Werkes ist Park- und Logistikfläche auf dem bisherigen Werks-areal im großen Umfang weggefallen, so dass die besagte Fläche inklusive Barbarastraße dafür umso intensiver genutzt wird.“

Die ThyssenKrupp Presta Schönebeck GmbH sieht sich aber auch als „Nachbar im Kietz“. Bei einem Rundgang vor vier Wochen legte die Stadt vier Stellflächen für Bänke fest. ThyssenKrupp erklärte sich bereit, die Finanzierung dieser Sitzelemente von rund 3800 Euro zu übernehmen. Noch in diesem Jahr sollen die Bänke auf der 1,5 Kilometer lange Umwegstrecke aufgestellt werden.

Anwohner eher unglücklich

Doch so richtig glücklich sind die Anwohner nicht. Der Blick über die Brachfläche brachte sie auf die Idee, ob womöglich ThyssenKrupp bis zu tätsächlichen Bauarbeiten einen Weg dort freigeben könnte? Dazu nochmals Konrad Böcker aus Essen: „Grundsätzlich ist das Grundstück zwischen Barbarastraße und Bahntrasse die einzige Fläche, auf der das Lenkungswerk in Schönebeck überhaupt organisch weiter wachsen kann. Insofern ist dieses Areal eine wichtige strategische Option und damit ein Standortvorteil. Eine Erweiterung der Produktion auf dieser Fläche ist an neue Kundenaufträge gebunden. Eine provisorische Nutzbarmachung des Areals für den öffentlichen Fußgängerverkehr ist aus Sicherheitsgründen kein tragfähiges Konzept“, schreibt er auf Anfrage der Volksstimme.

Vor allem rechtlich wäre das für ThyssenKrupp ganz dünnes Eis.