Schönebeck l Es war am 15. März, als Jeff Lammel zum vorerst letzten Mal Gäste durch Schönebeck geführt hat. „Das Jahr hatte richtig gut angefangen, so wie das letzte Jahr aufgehört hatte“, erzählt der Gästeführer, der vor allem durch seine Nachtwächterführungen in Schönebeck, Magdeburg und Umgebung bekannt geworden ist.

Doch dann kam die Corona-Pandemie. Keine Reisen, keine Touristen, keine Busfahrten – und natürlich keine Nachtwächterführungen mehr. Von einen Tag auf den anderen hatte der selbstständige Unternehmer keine Aufträge mehr.

Gästeführer seit 14 Jahren

Für den Gästeführer, der diesen Job bereits seit 14 Jahren macht, ist die Situation durchaus dramatisch. Denn während für viele seiner Kollegen – oftmals schon Rentner – die Führungen eher ein Zubrot oder ein Hobby darstellen, lebt Jeff Lammel hauptberuflich von den Touren. Damit gehört er zu den gerade einmal zehn Prozent aller Führer, die nach Angaben des Bundesverbandes der Gästeführer in Deutschland (BVGD) ausschließlich in diesem Beruf arbeiten.

Gerade Nachtwächter sind in der Regel nebenberuflich tätig. Als Regionalsprecher der Ostdeutschen Nachtwächtergilde kennt Jeff Lammel noch einige wenige hauptamtliche Kollegen, etwa in Rostock oder Brandenburg an der Havel.

Mehrere Führungen pro Tag

Bis zu 400 Führungen bietet er im Jahr an, manchmal fünf an einem Tag. Und zwar nicht nur als Nachtwächter. Zudem hat er auch Pömmelte, Magdeburg, Gommern, Burg, Welsleben und einige andere Ziele im Angebot. „Ich versuche auch Magdeburg-Touristen in die Region Schönebeck zu locken, damit sie im besten Fall wiederkommen“, sagt er. Je nach Interesse veranstaltet er auch Führungen zur Elbbrauerei Frohse oder Fahrradtouren.

Doch damit ist nun bis auf Weiteres Schluss. Am Anfang nutzte Jeff Lammel die Zeit vor allem, um seinen Papierkram als selbstständiger Unternehmer zu erledigen. Doch schnell wanderten seine Gedanken schon wieder durch die Straßen von Schönebeck. So entstehen Ideen für zukünftige Führungen.

Gern würde er irgendwann spezielle thematische Führungen anbieten, etwa zu Schönebecker Sagen wie die Geschichte von der weißen Frau oder zu Straßennamen. „Das wären vielleicht Sachen, die eher für Schönebecker interessant sind“, sagt Jeff Lammel. Er dürfe dabei aber auch nicht nur nach seinem persönlichen Interesse gehen. Stattdessen sollten Führungen eher ein breites Publikum ansprechen und auch für möglichst viele Altersgruppen interessant sein.

Fachkräftemangel bei Gästeführern

Ein bisschen anders stellt sich die Situation im Solepark da, der ebenfalls eigene Führungen im Kurpark und Bad Salzelmen anbietet. „Unsere Gästeführer machen das nur nebenberuflich“, sagt Linda Pickert, Sprecherin des Soleparks. Tatsächlich sind und waren auch viele Senioren dabei, die derzeit aussetzen müssen. Da die Führer aber nur nebenberuflich tätig sind und nur wenige Touren im Monat anbieten, sind die Einbußen für sie nicht existenzbedrohend. Auch Solepark-Sprecherin Linda Pickert übernimmt gelegentlich selbst Führungen. „Ich bin für unsere ausländischen Gäste da und mache Touren auf Englisch im Kurpark“, sagt sie.

So werden normalerweise Führungen durch den Kurpark, aufs Gradierwerk und den Kunsthof angeboten. Zudem gibt es auch thematische Touren mit Führern in historischen Kostümen, die Charaktere wie den Pfänner, den Sieder oder Salzline (dargestellt von Isolde Hoch-Schilling) verkörpern. Tatsächlich gibt es mittlerweile auch bei den Führungen im Solepark so etwas wie einen Fachkräftemangel: Aus Altersgründen wurde zuletzt ein neuer Pfänner gesucht.

Offenbar gibt es sogar Gespräche mit Jeff Lammel über eine mögliche Zusammenarbeit. Bestätigt ist das allerdings nicht. Und derzeit ist das Thema wegen der Corona-Krise sowieso nicht aktuell. Auch im Solepark sind sämtliche öffentliche Veranstaltungen ausgesetzt.

Förderung ungewiss für Gästeführer

Da nicht absehbar ist, wann das Geschäft mit den Führungen wieder anläuft, hat Jeff Lammel nun staatliche Fördermittel beantragt. Eine Antwort hat er allerdings noch nicht erhalten. Und ob er Geld bekommen könne, sei ebenfalls ungewiss.

Bis August, sagt er, könne er wohl durchhalten, aber danach werde es schwierig. Vielleicht werde er sogar wieder in seinem alten Beruf arbeiten, schließlich ist er gelernter Einzelhandelskaufmann. Unwillkürlich muss man sich einen Kassierer im Nachtwächterkostüm vorstellen. Ohne seine Arbeitskleidung ist Jeff Lammel eigentlich gar nicht mehr denkbar.

Veranstalter planen mit Nachtwächter

Für den Gästeführer ist es unterdessen bereits ein Lichtblick, dass Reisebüros und Busunternehmen bereits Touren mit ihm für das kommende Jahr planen. Denn das heißt: Früher oder später geht es wieder weiter. Vielleicht werden irgendwann Kleinstführungen unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen mit ganz wenigen Gästen erlaubt, hofft er.

Aber absehbar sei das bisher noch nicht. Im besten Fall würden im Advent wieder Führungen möglich werden. „Und das sagt ja schon einiges aus, wenn wir so weit im Voraus denken müssen“, sagt er.