Barby l Es ist immer das gleiche Zeitgeist-Muster: Startet man öffentliche Aufrufe, ist die Resonanz eher bescheiden. Spricht man die Leute persönlich an, passiert etwas. Dann werden schlummernde Potenziale geweckt, die normalerweise im Stillen vor sich hin dümpeln.

Das hat auch Frank Bläsing erkannt, der als Betreiber eines Barbyer Kult-Gasthauses weiß, wie die Menschen ticken. Zudem ist er Mitglied im Tourismusförderverein „Grafschaft Barby“. Bei ihm kehren das Jahr über viele Fremde ein, die sowieso naturgemäß einen unverstellteren Blick für einen Ort haben, als Einheimische. Was in der Natur der Sache liegt. „Die Gäste sind überwiegend von Barby angetan. Aber sie kritisieren auch die Leerstandslücken, weil dort das Unkraut einen Meter hoch steht“, sagt der 58-Jährige.

Stadtcafé abgerissen

Dazu zählte die „Caféecke“, wie der Barbyer eine innerstädtische Kreuzung nahe Rathaus und Marienkirche nennt. Im Frühjahr 2015 wurde das ehemalige Stadtcafé, das schon jahrelang leer stand, wegen Baufälligkeit abgerissen. Eine neue Baulücke war in der Altstadt hinzu gekommen. Wo andere mit demütig gesenktem Haupt aber geballter Faust in der Tasche den Zustand hinnahmen, ergriffen Frank Bläsing und Gleichgesinnte die Initiative: Sie sprachen die Mitglieder der Barbyer Handwerkervereinigung an, die dem öffentlichen Raum bisher zu einigen Bereicherungen verhalf.

Bilder

Doch kann man einfach so auf einem fremden Grundstück los legen? Eigentlich nein. Dieses Argument gebraucht die Stadt oft, wenn es um verwilderte Flächen geht, die in Privatbesitz sind.

Frank Bläsing recherchierte die Adresse des türkischen Besitzers Herrn U. in Zerbst und fragte höflich: „Bitte helfen Sie uns. Wir brauchen Ihr schriftliches Ja.“ Der fackelte auch nicht lange und schrieb zurück: „Sie haben meine Zustimmung. Machen Sie was Schönes aus dieser Baulücke.“ Eine freundliche und pragmatische Geste. Herr U. braucht sich fortan keine Gedanken über etwaige Briefe des Ordnungsamtes machen, die ihn zum Unkrautzupfen auffordern ... (Nicht jeder Besitzer reagiert so: Im Falle der Postgasse-Baulücke sei Bläsings Anfrage ins Leere gelaufen.)

Wandbild ist Hingucker

Nach Abriss und Planierung des Grundstücks kam der Bauingenieur Frank Liersch ins Spiel, der monatelang auf einer Baurüstung stand und auf fast 24 Quadratmetern einer Hauswand die alte „Caféecke“ malte, wie sie früher aussah. Seitdem ist der Ort ein Hingucker. Eine besondere Herausforderung war die große Dimension des Bildes. Derweil anderen Orts üblicherweise das Motiv mit einem Bildwerfer an die Fassade projiziert wird, um die Umrisse zu skizzieren, hatte Liersch die Wand nur ein paar Handbreit vor der Nase. Was natürlich keine gute Voraussetzung war, damit die Proportionen gelingen. Nicht nur das alte Stadtcafé, sondern auch Häuser in der Schulzen- und Magdeburger Straße sind zu sehen.

Das Gemeinschaftswerk hatte Fahrt aufgenommen. Die Freifläche wurde mit dem Bagger ausgehoben, aufgefüllt, ein Weg angelegt, Bänke aufgestellt und schließlich zwei Zierkirschen und ein Kirschlorbeer angepflanzt. Der verputzte Mauersockel des verschwundenen Stadtcafés erinnert an den Grundriss. Auch gucken zwei Leerrohre keck aus dem Rasen. Eine Lampe könnte angeschlossen werden. Es waren zwei LED-Pollerleuchten a 11 Watt geplant, doch die Stadt habe sich verweigert.

Bürgermeister Torsten Reinharz: „Das dürfen wir nicht, das ist ein fremdes Grundstück, das uns nicht gehört.“

Keine Zusage vom Besitzer

„Wie selbstlos muss man sein, so ein Projekt auf den Weg zu bringen, um unbürokratisch einen Schandfleck zum Schmuckstück zu machen?!“, würdigt Frank Bläsing in seiner rhetorischen Frage jegliches Engagement.

Der Tourismusförderverein würde gerne eine weitere Abrissfläche an der Postgasse/Ecke Breite in ähnlicher Weise aufwerten. Das Projekt würde in der Schublade liegen. Auch die Handwerker wären im Boot. „Nur leider“, winkt Frank Bläsing ab, „hat der Besitzer keine Zusage erteilt.“