Schönebeck l Insgesamt 3500 Seiten verteilt auf 26 Tagebücher haben Eduard Beaucamp und Annika Michalski entziffert. Aufzeichnungen, die der berühmte Maler Werner Tübke (1929-2004) aus Schönebeck mehr als fünf Jahrzehnte führte – mitsamt intimer und persönlicher Details.

Der Kunstkritiker und die Kunsthistorikerin haben einen Einblick nehmen können, in die sonst vor der Öffentlichkeit in der Uni Leipzig aufbewahrten, verschlossenen Bücher. Eine daraus ausgewählte Essenz haben die beiden im Herbst vergangenen Jahres veröffentlicht.

Erkenntnisse aus Tübkes Tagebüchern

Nun wird Annika Michalski aus Berlin am Freitag, 8. Juni, 19.30 Uhr, in die St.-Laurentius-Kirche nach Frohse kommen und über einige Erkenntnisse und das Leben des Malers berichten.

Mit dem Titel „Alles aus sich herausholen, was drin ist“ ist der Abend überschrieben sein. Anhand von Selbstbildnissen Werner Tübkes wird sie über das Werk und den Weg des Künstlers referieren. Die Geburtsstadt spielte dabei eine Rolle: „Schönebeck war ihm wichtig“, erklärt Annika Michalski im Gespräch mit der Volksstimme. Denn hier verbrachte der berühmte Maler seine Kindheit. So fänden sich in den Tagebüchern auch Passagen, die das verdeutlichen. In Schönebeck war sie trotz ihres engen Kontaktes mit der Witwe des Künstlers Brigitte Tübke-Schellenberger bisher noch nicht. „Umso mehr freue ich mich über diese Gelegenheit“, so die Kunsthistorikerin.

„Ich hoffe für den Abend auf eine große Interessenschar und damit ein Höhepunkt für die Schönebecker Kulturszene“, ergänzt Initiator Johannes Schulz aus Frohse. Denn dieses Angebot zum Tübke-Abend in Frohse, dass der ehemalige Pfarrer bei der Weltpräsentation der Tübke-Tagebücher in Bad Frankenhausen (Thüringen), im direkten Gespräch Annika Michalski unterbreitete, folgte zunächst eine Planung mit kleinen Hindernissen.

Große Freude

Letztendlich hat es doch geklappt – und nun freue er sich auf den Tübke-Abend. Die Kunsthistorikerin arbeitet seit 2006 in der Tübke Stiftung Leipzig und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik.

Die Referentin habe sich als „Tübke-Kennerin“ erwiesen, schwärmt der ehemalige Pfarrer in Vorfreude.

Für ihn ist es aber auch eine religiöse Angelegenheit, dass über den gebürtigen Schönebecker berichtet wird. „Ich hebe noch einmal hervor, dass Werner Tübke als begnadeter und hofierter Künstler immer ein Suchender geblieben ist – auch in Sachen Glauben“, erklärt Schulz an Anlehnung an eines der berühmtesten Werke Tübkes – das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen. Jährlich betrachten 100.000 Besucher das 14 Meter hohe, 123 Meter lange Gemälde. Es hat den Grafiker und Maler berühmt gemacht. „Schönebeck kann es nur gut tun, sich an seinen bedeutenden Sohn zu erinnern“, erklärt Schulz.

Was bewegte Tübke?

Auch die Kunsthistorikerin hofft auf viele Interessenten. „Es wird in jedem Fall kein Fachvortrag“, ergänzt sie. Und nicht nur um die Tagebücher wird es gehen – ganz im Gegenteil, seine Selbstbildnisse stehen im Mittelpunkt. „Mehr als 300 Selbstporträts hat Tübke angefertigt. Das ist für einen DDR-Künstler herausragend“, sagt sie im Gespräch. Daran ließe sich auch nachzeichnen, was den Maler und Grafiker bewegt hat. „Es geht um eine lockere Veranstaltung, die Einblicke in das Leben von Werner Tübke gibt. Ich werde aber auch über meine Arbeit berichten“, erzählt sie. Annika Michalski beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren intensiv mit dem Maler.

Am folgenden Sonnabend besucht die Kunsthistorikerin übrigens das Industriemuseum – hier hängt die Leihgabe eines Gemäldes des Malers. Und wer weiß schon, welche künstlerischen Synergien durch diese Veranstaltung noch entstehen könnten.