Calbe l Touristen haben keine andere Wahl, als anzuhalten. Radtouristen steigen vom Rad, Autofahrer suchen sich einen Parkplatz. Das Ziel: Ein Blick über die Saalemauer auf ein Binnengüterschiff von 67 Metern Länge und 8,20 Metern Breite. Mehr als ein Hingucker, findet Uwe Klamm. Er ist der Vorsitzende des Calbenser Heimatvereins. Kühne Ideen entsprießen seinem Köpfchen. Denn ein Schiff könnte ein neues Wahrzeichen der Saalestadt werden. Anlass für diese Vision gibt der Name des Schiffes: MS Calbe.

Namensgleich aber unterschiedlich

„Ein Schiff mit dem Namen unserer Stadt - das sollten wir nutzen“, bekräftigt Klamm in flammendem Tonfall. Durch eine Sendung sei er auf die namensgleiche maritime Konstruktion aufmerksam geworden.

Seine Idee: Den Frachter als Museumsschiff nach Calbe holen. Für die Saalestadt eine wassertouristische Sensation, wie er findet. Der Vorsitzende des Calbenser Heimatvereins ist überzeugt, dass dadurch sogar noch mehr Touristen die Saalestadt ansteuern. Peter Magner ist seit 1. März 1993 der Schiffseigner. Insgesamt 44 Jahre lang durchstreift er mit seiner Frau Sylvia die Binnengewässer in Deutschland, auch im europäischen Ausland. Allerdings hat der Schiffer fast sein ganzes Leben auf der MS Calbe verbracht. Immerhin habe er das Gütermotorschiff seit seinem 23. Lebensjahr auf Kurs gehalten. Das verbindet. Darum - trotz Ruhestand - fährt er mit Gemahlin immer noch. Eine Herzenssache, die auf tief verwurzelter Passion fußt.

Bilder

Doch eine Chance bestünde, die Calbe zu erwerben. Magners Wunschvorstellung: Die Erhaltung des Binnenschiffes. Kostenlos möchte er es verständlicherweise nicht abgeben. „Der Schrottwert müsste gezahlt werden“, erzählt der Kapitän eines Binnenschiffes, der in Tangermünde wohnt. Aber selbst dieser sorgt noch immer für einen fünfstelligen Kaufpreis. Die Rechnung ist simpel. Orientierungspunkt ist der schwankende Preis pro Tonne Stahlschrott. Das wird mit den 300 Tonnen, die das Schiff ohne Gut auf die Waage bringt, multipliziert. Die Preisentwicklung schwankt, aber pro Tonne werden in der Regel zwischen 140 und 170 Euro gezahlt. Macht bei dem Eigengewicht einen Abkaufspreis von rund 50.000 Euro.

Doch wer soll die bezahlen? Klamm verweist auf die Stadt. „Das ist eine Chance für die Stadt, die man sich nicht entgehen lassen sollte“, feuert er an. Das Besondere an der Calbe sei, dass bei dem 1961 gebauten Schiff noch vieles im Original vorhanden sei. „Und es wurde in der VEB-Elbewerft Boizenburg gebaut“, argumentiert er mit heimatkundlichen Aspekten, die einen Kauf ebenfalls befürworteten. Modernisierungen blieben seit 1961 unerlässlich. Aber immer nur so viel, wie nötig war, erklärt Magner. So sei die Maschine sogar noch im Original. „Dazu sind auch Luken, Schleppgeschirr und das Ruderhaus im originalen Zustand“, zeigt er sich stolz über den Erhalt, der heute historischen Wert besitze.

Ab 2021 Ruhestand?

Bis 2021 kann Magner sein Schiff noch fahren. Insgesamt 808 Tonnen Ladung hat und kann er befördern. Zu den längsten Binnenschiffsrouten, die er gemeistert hat, gehörte die Strecke von Dresden bis nach Constanta (Rumänien) im Donaudelta. Bis 2021 läuft also zunächst die Zulassung. Doch danach müsste - salopp gesagt - der Schiffs-TÜV wiederholt werden.

Aus Altersgründen hat sich Magner bereits von dem Gedanken auf weitere fünf Jahre auf den Binnengewässern Eurpoas verabschiedet. Wer übrigens dachte, das Gütermotorschiff oder sein Eigner hätten einen näheren Bezug zur Saalestadt, irrt: Familie Magner wohnt in Tangermünde. Die Schiffsbezeichnung habe der Ersteigner, die VEB Binnenreederei Berlin 1961 vergeben.

Als das Vorhaben präsentiert wird, spitzen die Zuhörer ihre Ohren. Ihnen gemein ist vor allem eines: Skepsis. Denn die Calbe könnte mehr Kosten als Nutzen mit sich bringen.

„Wer soll das bezahlen?“, fragt Calbenser Klaus Held und spielt dabei auf einen Kostenstrudel an. Denn selbst, wenn das Schiff nicht mehr betriebsbereit, sondern lediglich Anschauungsobjekt ist, fallen Konservierungsmaßnahmen an. Arbeiten, die mindestens einige Hunderte Euro, vielleicht auch Tausende verschlingen würden. Ähnlich sieht es Schönebecker Udo Prietzel. „Wenn Museumsschiff, dann mit Café, damit es zum Anziehungspunkt und Ort zum Verweilen wird“, stellt er sich vor. Ein „Mit viel Glück“ fügt er an.

Von Bürgermeister Sven Hause ist bekannt, dass er prinzipiell neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen ist, mit denen die Attraktivität der Saalestadt erhöht wird. „Grundsätzlich begrüße ich jede Idee, die uns vor Ort voranbringt“, bekundet er. Wer ihn kennt, weiß allerdings auch, dass er jedes Projekt ähnlich einem Pfennig dreimal umdreht, um es auf Sinnhaftigkeit und Rentabilität zu überprüfen. In Sachen Machbar- und Finanzierbarkeit verteilt Hause erst einmal rote Fragezeichen. Zu viele Unwägbarkeiten einerseits. Andererseits die Gewissheit einer hohen Kostenbelastung, sollte die Stadt sich für das Schiff entscheiden. Eine Absage vonseiten der Stadt war absehbar. Bürgermeister Hause hat neben den Vorteilen die Nachteile sorgsam aufgelistet: Kosten für die dauerhafte Befestigung an einer Anlegestelle oder alternativ das Aufstellen an Land sowie für das Herstellen der Begehbarkeit als Museumsschiff.

Stadt Calbe sagt ab

„Daher muss ich feststellen, dass der Kauf eines aktiven Schiffes aus finanzieller Sicht riesige Summen verschlingt sowie perspektivisch unüberschaubare finanzielle Risiken beinhaltet“, so Hause. Diese Sichtweise habe er bereits dem aktuellen Kapitän der MS „Calbe“ mitgeteilt. „Der zeigte dafür durchaus Verständnis“, resümiert der Stadtchef.

Quintessenz: Die Stadt hat weder die Mittel zum Kauf und einer Umgestaltung zum Museumsschiff noch die Gelder zur dauerhaften Unterhaltung und Bewirtschaftung. „Ich wüsste auch nicht, wie ich Anwohnern manch sanierungsbedürftiger Straße einen solchen Schritt erklären sollte“, verweist er auf mögliche Konfrontationen durch die gedankliche Anschaffung.

Beispiele der Vergangenheit haben zudem gezeigt, dass Museumsschiffe langfristig vor allem für Sorgenfalten in den Gesichtern der Unterhalter sorgen. So hat sich bereits 2017 die Stadt Barby von ihrem Museumsschiff „Marie Gerda“ getrennt. Damals hat Barby das Schiff aus Rentabilitätgründen verkauft.

Uwe Klamm selbst weiß um das risikoreiche Vorhaben. Auch wenn er offiziell für die Idee wortwörtlich brennt, die „Calbe“ nach Calbe zu holen, weiß auch er insgeheim, dass die Chancen dafür nicht gut stehen. Einen Versuch war es wert - schon allein, um die Bevölkerung zu „sensibilisieren“ für das Thema. „Oder haben Sie gewusst, dass es ein Schiff mit Namen unserer Stadt gibt?“, richtet er sich an die Calbenser Bürgerschaft. Da schmunzelt der „Bollenstädtler“ Klaus Held. Und mit ihm andere Calbenser.

Schiffskapitän Magner, der extra für die Ankündigung im Rahmen des Bollwurstessens eingeladen wurde, zeigt sich von dem Engagement, Heimatgeschichte mit seinem Schiff zu verknüpfen, geehrt.

Und vielleicht ergebe sich ja auch eine Patenschaft. Die Calbenser jedenfalls sind nun „gebrieft“.