Schönebeck l Stolz auf sich sein? Das fällt Jenni noch schwer. Dabei wirkt sie auf den ersten Blick wie eine überdurchschnittlich selbstbewusste junge Frau. Eine, die genau weiß, was sie will und die nichts aus der Bahn wirft. Die 18-Jährige spricht mit einer kräftigen Stimme und schaut dabei offen und herzlich in die Augen ihres Gegenübers. Nur selten senkt sie ihren Blick. Wenn sie das tut, dann geht es meist um ihre Vergangenheit. Denn da hatte sie es schwer. So schwer, dass sie es mit 14 Jahren zu Hause nicht mehr aushielt und sich Hilfe suchte.

Große Pause am Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium. Eric Grube reicht einer Schülerin ein Salami-Brötchen und lächelt dabei freundlich. Zwischen Mathe- und Sozialkundeunterricht hilft er nicht nur in dem Schülercafé des Gymnasiums im Verkauf aus – er ist mit seinen 17 Jahren Geschäftsführer. „Das nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, das mache ich nebenbei“, winkt der junge Schönebecker bescheiden ab.

Durchgetakteter Terminkalender

Der Schüler hat einen durchgetakteten Terminkalender. Neben dem regulären Stundenplan ist er Mitglied in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften (AG) und engagiert sich im Jugendbeirat für die Bedürfnisse von jungen Schönebeckern. Fast immer an seiner Seite: seine Zwillingsschwester Lara Grube. „Es ist schon gut, eine Kollegin im Nachbarzimmer wohnen zu haben“, sagt Eric und erzählt, dass er und seine Schwester oft noch bis spätabends zuhause für Schule, Jugendbeirat oder AG arbeiten.

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Diskussionen über Politik sind im Hause Grube keine Seltenheit. Dann geht es um kommunale Themen wie die Schließung des Schönebecker Freibades, aber auch um EU-Politik. „Wir haben das Glück, ein ziemlich offenes Elternhaus zu haben“, sagt der Sohn eines Polizisten und einer Großhandelskauffrau.

Ein Elternhaus, von dem Jenni nur träumen kann. Ihre Mutter war selbst noch eine Jugendliche, als sie Jenni mit 17 bekommen hat. Von Jennis Vater, der Alkoholiker war und inzwischen verstorben ist, trennte sie sich. Doch richtig schlimm wurde es erst für sie, als der Vater ihrer heute 14-jährigen Schwestern in ihr Leben kam. „Der hat von mir grenzwertige Sachen verlangt“, sagt die junge Schönebeckerin. „Sachen, die ich nicht wollte.“

Hauptsache von zu Hause raus

Um den Problemen zu Hause auszuweichen, ging sie oft in den Jugendclub „Future“ vom Verein Rückenwind, spielte im Verein Basketball und Fußball. Wenn sie zuhause war, schmiss sie den Haushalt oder unternahm mit ihren Schwestern etwas, ging mit ihnen auf den Bierer Berg. „Hauptsache, die kamen mal von zuhause raus“, so Jenni. Doch die Probleme holten sie ein. „Meine schulischen Leistungen gingen den Bach hinunter, ich hatte einfach zu viele Sorgen“, erinnert sie sich.

Eric Grube sitzt mit anderen Jugendlichen im Jugendclub „Piranha“. Hier tagt regelmäßig der Jugendbeirat. Sie diskutieren gerade das Angebot für Jugendliche in Schönebeck. Es wird über das Freibad gesprochen, das geschlossen bleiben musste, und über die Zukunft von Jugendclubs, die teils zu schließen drohen.

Lara Grube spricht ein weiteres Problem an: „Magdeburg ist zwar um die Ecke, aber die Fahrt dorthin wird immer teurer.“ Ein Kinobesuch inklusive Fahrt – und schon sei das Taschengeld weg. Sie wünscht sich eine günstige Busverbindung in die Landeshauptstadt.

Eric und Lara Grube wissen selbst, dass sie vergleichsweise privilegiert aufgewachsen sind. Sie wohnen in Salze in der Nähe des Waldstückes, das zum Bierer Berg führt. „Als Kinder haben wir oft im Grünen gespielt“, sagt Eric. Und auch heute noch treffen sie sich lieber mit Freunden draußen, etwa am Elbufer. „Wir lassen uns manchmal sogar Pizza dorthin liefern“, erzählt Eric lachend.

Es hat sich alles angestaut

Irgendwann nahm Jenni all ihren Mut zusammen und sprach ihre Probleme bei Sozialpädagogen im Jugendclub an. „Es hatte sich alles angestaut und musste raus“, sagt sie heute. Mitarbeiter halfen ihr dabei, beim Jugendamt einen Antrag für betreutes Wohnen zu stellen. Dafür war sie eigentlich noch zu jung - das Mindestalter liegt bei 16 Jahren. Da Jenni aber überdurchschnittlich selbständig wirkte, bekam sie den Platz trotzdem. „Beim betreuten Wohnen gab es ein Budget – für Essen, Drogerieprodukte und Kleidung. Das mussten wir uns selbst einteilen“, erinnert sich Jenni. Für Lebensmittel gab es fünf Euro pro Tag. Die Jugendlichen mussten vorplanen, einkaufen, kochen. Schon in der ersten Woche merkte Jenni, dass ihr das selbständige Leben und die Distanz gut tat. Auch ihre Großmutter, die in Stendal lebt, war damals und noch heute eine große Hilfe für sie. Wenn Jenny von ihr erzählt, lächelt sie dabei glücklich.

Für Jenni ging es bergauf: Sie wiederholte die neunte Klasse und schaffte danach sogar ihren Realschulabschluss – belohnt wurde ihr Fleiß mit einem Ausbildungsplatz bei einem Schönebecker Fliesenlegerbetrieb. Was ihr Glück noch toppt: Im Sommercamp beim Bootshaus Delphin hat sie sich in ihren Betreuer verliebt – seit August sind die beiden ein Paar.

Weg aus der Heimat

Nicht nur deshalb möchte Jenny unbedingt in Schönebeck bleiben. „Hier habe ich meine Heimat, meinen Sportverein, meine Arbeit“, sagt sie.

Eric und Lara Grube treffen sich mit vier Klassenkameraden zur AG gegen Rassismus und Diskriminierung an ihrer Schule. Ein Thema, das ihnen besonders am Herzen liegt. „Wir sind eine Schule, die den Beinamen ‚Schule ohne Rassismus‘ trägt“, so Eric Grube. „Dann müssen wir dafür sorgen, dass unsere Schule auch wirklich dafür steht. Vor allem Alltagsrassismus und -diskriminierung seien heutzutage eine große Gefahr für die Jugend.“

Seine Schwester kann aus eigener Erfahrung darüber berichten. „Ich bin mit nur einer Hand geboren, da ist man sensibilisiert“, sagt sie. Wenn sie auf dem Schulhof Sprüche hört, die das Wort „behindert“ missbrauchen, etwa „das ist doch behindert“, spreche sie das direkt an. In der AG überlegen sie, wie sie das Thema bei Mitschülern anstoßen können. So haben sie bereits eine Satireshow auf die Beine gestellt, derzeit arbeitet die AG an Kurzfilmen, die zum Nachdenken anregen sollen.

Ist er jetzt ein Nerd?

Haben die Zwillinge neben all dem Engagement noch Zeit für sich? „Ja, dann lese ich - oder schreibe selbst“, sagt Lara, die jüngst für eine Adaption von Goethes „Faust“ beim Kinder- und Jugendkulturpreis den 3. Platz erreicht hat. Und Eric Grube? Der lacht verschmitzt. „Mein Hobby ist Botanik. Mein Zimmer ist voller Pflanzen, um die kümmere ich mich in der Freizeit“, sagt er und fragt: „Klinge ich jetzt wie ein Nerd?“

Eric und Lara möchten für ihr Studium weg aus der Region. Nach Göttingen. Lara möchte Politikwissenschaften, Eric biophysikalische Chemie studieren. Und danach? „Wir sind beide keine Großstadtmenschen“, sagt Lara. Beide können sich vorstellen, später nach Schönebeck zurückzukehren.

Jenni sitzt in der Sonne auf der Bank vor dem Haus vom Verein Rückenwind, in dem sie als 14-Jährige in das betreute Wohnen gezogen ist. Mittlerweile wohnt sie zwar in einer eigenen Wohnung, kommt aber oft hierher, um mit ihren früheren Betreuern über ihr Leben zu sprechen. Denn obwohl es ihr besser geht, hat sie noch viel zu verarbeiten. Da ist ihre Mutter, die den Kontakt abgebrochen hat und jetzt in Magdeburg wohnt. Und da sind ihre Schwestern, mit denen sie kein en Kontakt mehr haben darf, aber um die sie sich wahnsinnige Sorgen macht.

Darüber sprechen, fällt schwer

Darüber zu sprechen, fällt ihr schwer. Warum sie es trotzdem tut? „Ich hoffe, dass ich es schaffe, mit meiner Geschichte anderen Jugendlichen Mut zu machen, sich bei Problemen Hilfe zu suchen und ihr Leben anzupacken. Egal, was sie gerade durchmachen.“

Mehr über "Zukunft Schönebeck" gibt es in einem Dossier.