Calbe l Wie war es, einen Mann des Widerstands gegen Hitler in der Familie zu haben? War das am Küchentisch ein Thema?

„Nein, das war schlicht und ergreifend eine Tatsache, mit der man groß wurde. Da haben wir gar nicht groß danach gefragt“, antwortet Susanne von Dietze-Pollak, wenn man sie nach ihrem Großvater fragt. Ein Umstand, den sie heute ein bisschen bedauert.

Constantin von Dietze wurde bereits in Potsdam 1937 wegen seiner Tätigkeit in der Bekennenden Kirche zum ersten Mal verhaftet, die Anklage wegen Hausfriedensbruch und Störung eines Gottesdienstes jedoch niedergeschlagen. 1944 führte seine Mitarbeit an einer Denkschrift zur Neugestaltung Deutschlands nach dem Krieg und die Verbindung mit Dietrich Bonhoeffer und Carl Friedrich Goerdeler im gleichen Jahr zu einer erneuten Verhaftung und Anklage wegen Hoch- und Landesverrats.

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Im Konzentrationslager Ravensbrück

Die Haftzeit verbrachte von Dietze in verschiedenen Gefängnissen und im Konzentrationslager Ravensbrück. Zuletzt war er in Berlin-Plötzensee inhaftiert, wo die noch nicht erschossenen politischen Gefangenen im Chaos der letzten Kriegstage freigelassen wurden. Andere Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus wurden zuvor noch hingerichtet: Goerdeler am 2. Februar 1945 in Plötzensee, Bonhoeffer am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg

Und nun steht Enkelin Susanne mit ihren Söhnen Jaron (16) und Javal (13) an jenem Ort, wo ihr couragierter Vorfahre getauft und Mitglieder der Familie Gündell (Verwandte mütterlicherseits) beerdigt wurden. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln der Familie.

Oft von Gottesgnaden gesprochen

Und ein bewegender Moment! Susannes Vater Gottfried von Dietze habe oft von Barby und Gottesgnaden gesprochen, erzählt sie. 2011 übergab er eine Familienbibel an die Kirchengemeinde Gottesgnaden, die er beim Ordnen der Familienpapiere gefunden hatte. „In unserem Haus hingen überall Erinnerungsstücke an den Wänden“, erzählt die 54-Jährige. Vor allem Barby sei omnipräsent gewesen, wo Gottfrieds Onkel Adolf ein großes landwirtschaftliches Mustergut besaß, das 1945 enteignet wurde.

Gottfried von Dietze wurde während des Zweiten Weltkrieges vor Stalingrad schwer verwundet und kam mit einem der letzten Flüge nach Deutschland zurück. Es war die Zeit, als sein Vater Constantin bereits im Untergrund tätig war. Haben sich Vater und Sohn darüber unterhalten. „Kaum“, sagt Susanne, „es war gefährlich, wenn man zu viel wusste.“ Constantin habe so die Familie geschützt. Ein Verhalten, dass man in der Zeit des Dritten Reiches bei Oppositionellen oft beobachten konnte.

Bundesverdienstkreuz erhalten

Am 17. Juni 1945 kam Constantin von Dietze wieder in seiner Wahlheimat Freiburg an, wo er sofort seine vormalige Lehrtätigkeit an der Universität aufnahm. Von 1946 bis 1949 arbeitete er als deren Rektor, dann auch Direktor des Instituts für Agrarwissenschaften. 1958 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz, 1961 das Bundesverdienstkreuz mit Stern. Die Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg vergibt seit 1998 den „Constantin-von-Dietze-Preis“ an Studenten bis zu einem Alter von 30 Jahren.

Ein verdienstvoller Mann also, der infolge DDR-ideologischer Geschichtsschreibung in Vergessenheit geriet, nur weil er adeliger Herkunft war.

Susanne von Dietze-Pollak lebt mit ihrem Mann Roni und den Söhnen seit 20 Jahren in Israel. Dort gilt sie als eine Kapazität in der Reitbiomechanik. Sie ist Physiotherapeutin, bildet Dressur- und Springreiter und schreibt Bücher darüber. Jetzt war sie zum zweiten Mal in der Heimat ihrer Vorfahren, die sie besonders ihren Söhnen nahebringen wollte.

Zwei Jahre israelische Armee

„Dass wir jetzt hier sind, war vor allem der Wunsch von Javal“, zeigt sie auf ihren jüngsten Sohn, der 13 Jahre alt ist. Die Jungen scheinen den familiengeschichtlichen Exkurs mit allen Fasern aufzusaugen. Wenn Jaron, der 16-Jährige, mit der Schule fertig ist, muss er in die israelische Armee. Die Dienstzeit dauert zwei Jahre und ist nicht von Pappe. Auf die Frage, ob er gern „zur Fahne“ ginge, denkt Jaron einen Augenblick nach. Dann sagt er knapp: „Man muss seinem Land auch irgendwas zurück geben!“

Ein - für jugendliche deutsche Ohren - kaum nachvollziehbarer Satz, wo die Kultur des Klagens über sein eigenes Land auf hohem Niveau liegt.