Calbe l Als am Mittwoch, 15. Januar 2020, die Temperaturen einen zweistelligen Bereich erreichten, hätten die Honigbienen schon mal einen Ausflug machen können. Der stetig wehende Wind verhinderte, dass die Insekten ihren Bienenstock verließen, sagt der Calbenser Imker Frank Kaina. Mit Sorge beobachtet der erfahrene Imker den Verlauf des aktuellen Winters. „Es ist viel zu warm draußen“, urteilt er.

Normalerweise liegen die Temperaturen viel tiefer. Die Bienen überbrücken diese Zeit, indem sie ihren Stock nicht verlassen. Während der Wintermonate rücken die Insekten dicht zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Etwa 37 Grad Celsius herrschen in einem Bienenstock. Wird es draußen zu kalten, wärmen sich die Insekten gegenseitig, weiß der Imker.

Erhöhter Nahrungsbedarf

Das Leben im Stock ist in den Wintermonaten stark herabgesetzt. Die Tiere sitzen die Kälte in der Regel aus. Sie greifen dabei auf die Nahrungsvorräte zurück, die der Imker ihnen zur Verfügung stellt. In der Natur greifen die Wildbienenvölker auf den Honig zurück, den sie im vergangenen Jahr eingelagert haben. Höhere Außentemperaturen bedeuten aber mehr Aktivität bei den nützlichen Insekten, sagt Frank Kaina. Damit steige auch der Nahrungsbedarf.

Nicht nur die Insekten reagieren auf die hohen Temperaturen. Auch die Pflanzen spüren die Wärme. „Bei mir blühen die Winterlinge schon. Das habe ich Mitte Januar noch nie erlebt“, sagt er.

Angepasst an Jahreszeitenwechsel

Über einen langen Zeitraum haben sich Pflanzen und Tiere an den Wechsel der Jahreszeiten angepasst. Die Insekten spielen gerade für die Pflanzen eine wichtige Rolle. Neben den Honigbienen sorgt eine Vielzahl weiterer Bienenarten dafür, dass die Blüten der Pflanzen im Frühjahr bestäubt werden. Das sorgt nicht nur für viele Früchte, sondern ebenso für einen Austausch der Erbinformationen.

Ändern sich die Umweltbedingungen, müssen sich die Pflanzen und Tiere anpassen. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein länger dauernder, stetiger Prozess. Wie schwer es den Honigbienen dabei fällt, auf die sich ändernde Witterung zu reagieren, erlebten die Imker in den vergangenen Jahren. Zweimal hintereinander waren die Honigerträge sehr gering. Vor allem macht Pflanzen und Insekten der Wassermangel in den Jahren 2018 und 2019 deutlich zu schaffen.

Wassermangel macht sich bemerkbar

Im Frühjahr 2019 sorgte das Wetter dafür, dass praktisch die Obstbäume alle gleichzeitig blühten. Gleichzeitig sank die Temperatur so stark ab, dass die Honigbienen ihren Stock nicht verließen. Die Arbeit an den Blüten hatten die anderen Insekten zu erledigen. Ungewöhnlich lange war außerdem die Rapsblüte zu sehen. Der Wassermangel machte sich dann in der Folge wieder bemerkbar und war in vielen Orten bei der Lindenblüte sichtbar. Die Bäume entwickelten zwar die klassische Blüte. Doch die Blüten blieben trocken, weil den Bäumen das Wasser fehlte. In Calbe gab es deshalb keinen Lindenhonig im vergangenen Jahr.

An anderen Stellen und an anderen Orten waren die Ergebnisse zum Teil besser. Das Klima und seine Veränderungen beschäftigen die Imker im ganzen Land, sagt Frank Kaina. Laut hatten bereits einige Imker schon überlegt, ob sie ihre Insekten während der Wintermonate nicht in ein Kühlhaus stellen sollten, beschreibt er. Bei konstant niedrigen Temperaturen kämen die Bienen hier zur Ruhe und könnten dann ausgeruht die Arbeit im Frühling wieder aufnehmen. Die Idee könnten aber nur Imker umsetzen, die über eine geringe zahl von Völkern verfügen, schätzt er ein. Der Platzbedarf und die damit verbundenen Kosten wären zu hoch.

Krankheiten durch fehlende Ruhe

Fehlt den kleinen Tieren die Ruhepause, werden sie zudem anfälliger für Krankheiten, wissen die Imker. Milben stellen seit einigen Jahren eine große Gefahr dar. Die Hoffnung der Imker liegt auf dem Frühling. Bis dahin wünschen sie sich noch einige kältere Wochen, die die Bienen eng zusammenrücken und zur Ruhe kommen lassen.

Mit der ersten Blüte der Obstbäume in einigen Monaten erwacht das Leben in den Bienenstöcken wieder. Die Insekten werden nicht nur aktiver. Sie beginnen auch wieder jede Menge Nachwuchs zu zeugen. Die Königin legt dann jeden Tag sehr viele Eier, um die Zahl der Bienen zu erhöhen. Innerhalb weniger Wochen wächst so das Volk der Honigbienen drastisch an, um mit der Blütenpracht und dem Überangebot an Nahrung fertig zu werden, wissen die Imker.