Calbe l Normalerweise ist das ruhige Hände-in-den-Schoß-Legen nichts für den agilen Klaus-Dieter Schmidt. Nur zu Informations- und Motivationszwecken wird spätestens ab Sonntag, wenn sich der Blick der Leichtathletik-Weltmeisterschaft auf das Speerwerfen richtet, der Platz vor dem Fernseher angewärmt. Denn üblicherweise treibt es den 77-Jährigen nach draußen. Natürlich in Begleitung seines Speers und mit dem ehernen Ziel, immer wieder seine persönlichen Speerwurfrekorde zu übertreffen.

Einen Rekord hat er jüngst auch übertroffen: 29,63 Meter. Für Albrecht ist es bislang die Zahl des Jahres. „Damit habe ich nämlich meine Jahresdurchschnittsleistung im Speerwurf um mehr als 60 Zentimeter übertroffen. Und das bei der Ende Juli teilgenommenen Europameisterschaft der Senioren in Dänemark.

2018 mit der Bahn in 30 Stunden nach Spanien

Platz 8 - also im Endausscheid der besten Teilnehmer - wurde angestrebt. Platz 7 hat Albrecht schließlich mit nach Hause genommen. Das Mitmachen bei der Weltmeisterschaft 2018 in Spanien hat er sich schon fest vorgenommen. „Bis zum Wettkampfort werde ich 30 Stunden mit der Bahn fahren“, berichtet er über Strapazen, die er gern in Kauf nimmt.

Bilder

Sport gibt Selbstvertrauen

Die Trainingsphase beginnt dann einige Wochen vorher. Anvisiert wird das beste Ergebnis, meint er euphorisch. Der Sport habe ihm in Jugendjahren Selbstvertrauen gegeben. Heute ist es sein Lebenselixier. Sein Ehrgeiz hält ihn fit. Denn, was unter normaler Alltagsbekleidung niemand sieht, ist Albrechts künstliches Hüftgelenk. Vor über 40 Jahren begann Albrecht mit dem Laufen. Dreimal hat er unter anderem Hundert-Kilometer-Läufe absolviert. „Ich habe das gemacht, um Kondition zu bekommen“, sagt er heute.

Nach den vier Jahrzehnten sei allerdings auch seine Hüfte kaputtgegangen, setzt er fort. Danach rückte der Speerwurf wieder ins sportliche Blickfeld des rüstigen Rentners. Seine Beeinträchtigung wirkt sich selbstredend negativ auf seine Wurfweite aus. Denn der Calbenser wirft stets aus dem Stand und nicht mit Anlauf. Ehrgeiz und Leistung scheinen vor diesem Hintergrund noch bewundernswerter.

Aus einer Schublade in seinem Motivationsraum in der eigenen Wohnung zückt Albrecht einen Behindertenausweis. Durch sein Hüftgelenk sei er zu 30 Prozent gehbehindert und könnte an entsprechenden Behindertenwettkämpfen teilnehmen. Das aber macht er nicht mehr. Dafür fühle er sich zu fit, sagt er. Er brauche die Herausforderung bei Wettkämpfen ohne Nachteilskompensation. Einmal errang er bei der internationalen deutschen Behindertenmeisterschaft den ersten Platz. Das genügt. Bei der normalen Weltmeisterschaft 2015 belegte Albrecht den vierten Platz mit 34 Metern. Im Laufe seines Lebens hat der Calbenser bei zahlreichen Meisterschaften mitgemacht. Die Zeugnisse – Pokale, Urkunden und Medaillen – finden sich zu Hunderten im Kellerabteil. Relikte, zu denen auch Schuhe oder Wandbemerkungen gehören, aus ferner und naher Vergangenheit.

Keine Kontaktscheue

Ein Quäntchen mehr noch als die Bestplatzierungen seien aber die einmaligen Erlebnisse auf den Reisen, erzählt der lebensfrohe Senior in unterhaltsamer Manier. Kontaktscheu ist der Sportler nicht. Selbst dann nicht, wenn um ihn herum alles in fremder Sprache steht. „Ich brauche immer wieder Englisch, eine Sprache, die ich nicht beherrsche“, gibt er zu.

Im Bauwagen zum Wettkampfort

In derartigen Situationen aber behelfe er sich mit seinem vorwitzigen Mundwerk. Glücklicherweise komme die Vokabel „Schüchternheit“ nicht in seinem Wortschatz vor, sagt er grinsend. So kommuniziere er mit Händen, Füßen und mithilfe von Bildern oder einzelnen deutschen Worten. „Aber die Dänen sind alle sehr hilfsbereit“, denkt er an den Auslandsaufenthalt Ende Juli zurück.

Das, was Albrechts Blutdruck am Wettkampftag nach oben trieb, war einzig und allein die vergebliche Ausschau nach dem Stadion. Albrecht hat in seiner Not viele angesprochen. Bauarbeiter hätten sein Begehren schließlich verstanden und ihn prompt im Baufahrzeug mitgenommen. „Daran denke ich noch heute, weil ich mich während der ganzen Fahrt neben eine Leiter quetschen musste“, muss Klaus-Dieter Albrecht selbst grinsen.

Durch seine Kontaktfreude hat er zudem mit Jiri Soukup (94) den ältesten Diskus- und Kugelwerfer bei der Europameisterschaft kennengelernt. „Im Bus einfach einmal auf die Schulter geklopft“. Mit einem Lächeln kam letztlich das Gespräch in Gang.

In seinen 77 Jahren hat Albrecht bereits ein sportliches Vermächtnis hinterlassen: So hält er im gesamten Salzlandkreis immer noch den Kreisrekord im Speerwurf mit 61,92 Metern.

Meisterschaftsteilnahme noch mit 80 Jahren

Seine gesteckten Ziele betrachtet der leidenschaftliche Speerwerfer übrigens täglich in seinem Motivationszimmer. Auf gelben Post-its. „Fünf Kilo abspecken - am Bauch“, ist auf dem kleinen Notizzettel zu lesen. Das war der Stand am 1. Januar 2017 - mit einem Ausgangsgewicht von 66,5 Kilogramm. „Die Vorgabe ist aber nach wie vor aktuell“, reibt er über den künstlich nach vorn gewölbten Bauch. Ein Lächeln kann er sich aber auch hier nicht verkneifen. Vor allem, weil das zuvor tägliche Speerwurf- und Konditionstraining die nächsten Monate um die Hälfte reduziert wird.

Mit zunehmendem Alter werde die Wettkampfteilnahme leichter, zwinkert er. Konkret freue er sich wie ein Schneekönig auf die Wettkampfteilnahme ab dem 80. Lebensjahr. Dann, werden seine Augen groß, „kann ich nämlich mit dem erheblich leichteren Kinderspeer antreten“, plaudert er über die Teilnahmebedingungen. Jene würden je nach Altersklasse für die Akteure gelockert.