Schönebeck l Ein großes Loch im mannshohen Zaun am Westende des ansonsten eingemauerten Areals lädt mehrere Rehe zur Zeit geradezu ein, den Westfriedhof zu betreten – und das scheinbar zu fast jeder Tages- und Nachtzeit. So berichtet eine Friedhofbesucherin: „Die Rehe kommen auch, wenn Menschen auf dem Friedhof sind. Die haben gar keine Angst mehr.“

Was die Rehe gerade in der Herbstzeit auf den Westfriedhof lockt, sind die hübschen Blumensträuße, mit denen viele Friedhofbesucher die Gräber ihren verstorbenen Lieben schmücken. Und die Blüten dieser Sträuße scheinen den Rehen besonders gut zu schmecken – zumindest einige.

„Das Problem mit den Rehen ist der Friedhofverwaltung bekannt“, teilt Stadtsprecher Hans-Peter Wannewitz auf Anfrage mit. „Leider gibt es keine Möglichkeit, die Tiere vom Friedhof zu verbannen“, schließlich könne auf dem Friedhof keine Jagd erfolgen. Dass die Rehe im Moment sogar ganz bequem ohne große Anstrengung auf den Friedhof gelangen, liegt an einem Loch im Zaun am hinteren Ende des Geländes, das ansonsten von Backsteinmauern umringt ist.

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Loch wird zeitnah verschlossen

„Das erst vor Kurzem entstandene Schlupfloch wird trotzdem zeitnah wieder verschlossen“, sagt der Stadtsprecher, erklärt aber auch, „Die Zäune stellen keine Hürde dar. Sie werden ohne Probleme überwunden.“

Prinzipiell könnten die Rehe auch über den Seiteneingang des Friedhofs am Hummelberg auf das Areal gelangen. Allerdings nicht in der Nacht. Denn Hans-Peter Wannewitz berichtet: „Der West- und der Ostfriedhof werden durch einen Schließdienst geöffnet und geschlossen. Derzeit schließen die Friedhöfe um 18 Uhr.“

Warum die Rehe den Friedhof gerade im Herbst aufsuchen erklärt Michael Wunschik von der Nabu Ortsgruppe Schönebeck: „Friedhöfe wirken auf manche Wildtiere wie ein willkommenes Buffet – gerade im Herbst, wenn das Futter auf den Feldern knapp wird.“

Rehe sind beim Futter wählerisch

Trotz der hungrigen Rehe wirken die Grabanlagen aber nicht vollkommen abgefressen. Man muss schon genau hinschauen, um die blütenlosen Stiele zwischen den Blumen zu finden, die noch bunte Blüten tragen. Dazu erklärt Michael Wunschik: „Rehe ernähren sich vielseitig, sind aber recht wählerisch. Besonders nahrhafte Pflanzen und Triebe werden herausgesucht, um den vergleichsweise hohen Energiebedarf zu decken: Blätter junger Bäume und von Him- und Brombeeren sowie Kräuter und Gräser.“ Auf dem Friedhof gestaltet sich dieses Gourmetverhalten dann so, dass laut Michael Wunschik besonders Rosen, Primeln, Stiefmütterchen und die Beeren an den Kränzen oder Gebinden beliebt seien.

„Die Rehe gehen hauptsächlich an Rosen“, weiß auch eine Friedhofbesucherin zu berichten, die das Grab ihres Sohnes auf der Grünen Wiese fast täglich besucht. Sie selbst habe kein Problem mehr mit abgefressen Blüten. „Ich stelle nur noch künstliche Blumen hin“, sagt sie und deutet auf den Randbereich der Grünen Wiese, auf dem die Friedhofbesucher Grab- und Blumenschmuck abstellen dürfen.

Die Frau, die namentlich nicht genannt werden möchte, spricht aber noch zwei weitere Probleme an: Insbesondere in den Sommermonaten würden sich Jugendliche am Abend auf dem Friedhof treffen. Außerdem gebe es immer wieder Diebstähle von Sträußen, Grabschmuck, Blumenvasen und sogar Grablichtern. „Die kosten ja mal gerade 59 Cent. Wer klaut denn sowas“, empört sich die Friedhofbesucherin.

Jugendliche vermüllen Friedhof

„Dass sich Jugendliche zu gewissen ‚Feiern‘ auf dem Friedhof aufhalten, ist bekannt, es konnten aber noch keine handfesten Spuren, wie Müll und zerstörter Grabschmuck, festgestellt werden“, erklärt Stadtsprecher Hans-Peter Wannewitz . Im Namen der Stadt rät er: „Unsere Kinder und Jugendlichen sollten seitens ihrer Eltern und Angehörigen mit dem Friedhof als solchem behutsam vertraut gemacht werden. Nur so lässt sich dem zunehmenden Verlust der Trauerkultur entgegenwirken.“

Neben dem Westfriedhof ist auch der Ostfriedhof in Schönebeck von dem Rehproblem betroffen. Das Diebstahlproblem sei der Stadtverwaltung ebenfalls für beide Friedhöfe bekannt.

Insgesamt gibt es in Schönebeck fünf Friedhöfe, die sich in Trägerschaft der Stadt Schönebeck befinden und von den Mitarbeitern des Sachgebiets Grünflächen und Friedhofswesen betreut werden.