Internetleichen

Zahnarzt oder Postfiliale?

Kann man Informationen über die Existenz von Firmen im Internet immer trauen? Zwei Beispiele beweisen, dass Vorsicht geboten ist.

Von Thomas Linßner

Barby l „Ja, er lebt noch!“, könnte man ausrufen, verwundert die Hände in die Luft werfen, als ginge es um den Holzmichel, der wider Erwarten doch noch Vitalfunktionen zeigt. Das Gegenteil bietet so mache Internetseite, die unbetreut in den virtuellen Weiten des World Wide Web herum geistert und deren Inhalte schon lange in die ewigen Jagdgründe entschwunden sind.

Beispiel eins: Peter Müller, (Name ist der Redaktion bekannt, aber in diesem Fall geändert) plagen über das Weihnachtsfest Zahnschmerzen. Wacker hält er durch, bis am Montag nach dem Fest die Zahnärzte wieder öffnen. Zur Notbetreuung wollte er an den Weihnachtsfeiertagen nicht gehen. Man muss auch mal Schmerzen aushalten können, denkt sich Herr Müller tapfer.

Am 28. Dezember bemüht er an seinem Aufenthaltsort im Harzkreis die Suchmaschinen des Internets. Derweil seine Ehefrau noch mutmaßt, dass „zwischen Weihnachten und Neujahr sowieso kein Zahnarzt praktiziert“, bleibt Herr Müller optimistisch. Und hat gleich beim ersten Zahnarzt in der Nähe Glück. Meint er jedenfalls. Hier soll montags bis freitags geöffnet sein. Doch der Anruf ist ernüchternd. „Unsere Praxis ist erst wieder am 4. Januar geöffnet.“ Im Internet steht etwas anderes.

Weiter. Bei Herrn Müller nehmen die Schmerzen zu. Die Telefongebühren auch. Der Frust sowieso. Immer größer werden seine abtelefonierten Radien in der Dentistenszene, die vorgibt geöffnet zu haben. Denn alle Zahnärzte werden in Wirklichkeit erst wieder im neuen Jahr aktiv, wenn man bei ihnen den Anrufbeantworter abhört.

Wir erinnern uns: Obwohl sie laut World Wide Web vorgeben, mit Bohrer, digitalem Röntgen oder Lupenbrille „Gewehr bei Fuß“ zu stehen.

Schließlich gelingt es Peter Müller, von einem Arzt in Magdeburgs Olvenstedter Straße behandelt zu werden. Von acht Kilometern Entfernung ist er bei 80 gelandet.

Beispiel zwei: Peter Meffert möchte in Barby einen Brief aufgeben. Und zwar per Einschreiben, weil der Inhalt wichtig ist. Er weiß, dass man das im Bestell-Shop von Jutta Theiß in der Schulzenstraße 22 machen kann. Weil Herr Meffert aber unsicher ist, wann dort geöffnet ist, bemüht er das Internet. Obwohl er tags zuvor noch an Jutta Theiß’ Laden vorbei radelte und freundliche Betriebsamkeit in ihm wahrnahm, staunt er über den Eintrag unter der Adresse „ÖffnungszeitenPost.de“.

Denn hier heißt es unter der Überschrift „X ENDGÜLTIGE SCHLIEßUNG“: „Da dieses Postamt dauerhaft geschlossen ist, laden wir Sie ein, von dem Ort, den Sie gesucht haben, zum nächstgelegenen Büro zu gehen.“ Als „nächstgelegenes Büro“ wird „SBS Wiesner Bürobedarf“ in der Marktstraße 1 empfohlen. Das wäre das alte Postamt am Markt. Doch Peter Meffert weiß, dass dieser Laden seit Jahren nicht mehr existiert.

Und damit nicht genug. Als Alternative wird ihm der DHL-Shop im „Duponia Markt Glinde“ empfohlen. Das Einzige, was an dieser Angabe stimmt, ist die Entfernung: 5,4 Kilometer. Holzmichel lässt grüßen.

Wobei wir wieder beim erzgebirgischen Schlagerheld wären, der ja angeblich noch leben soll, es aber seit Jahren in Wirklichkeit nicht tut.

Täglich hinterlassen die Menschen in der digitalen Welt zahlreiche kleine und große Spuren. Das geschieht meist unbemerkt. Sie wieder zu löschen, ist eine schwierige Aufgabe. Auch Suchmaschinen wie Google sammeln Daten, die einmal in die Welt entlassen wurden. Es ist nichts Neues, dass das Verhalten der Benutzer genauestens analysiert und ausgewertet wird. Doch was nützt das alles, wenn all jene, die einst Werbung für sich machten, ihre Inhalte nicht aktualisieren oder verschrotten, wenn es nötig wird?

Oder ihre Seiten nicht pflegen, wie im Beispiel von Herrn Müller, der nun an der Informationskompetenz so mancher Zahnärzte zweifelt.

Jutta Theiß aus Barbys Schulzenstraße 22 bleibt auf Volksstimme-Nachfrage gelassen. (Jaaaa, sie lebt noch. Und wie!) Obwohl die Post-Internetseite eigentlich geschäftsschädigend ist, winkt sie nur ab. „Ich bin seit zweieinhalb Jahren Vertragspartner der Post und habe seitdem geöffnet.“ Was manchmal im Internet steht, rege sie nicht weiter auf. „Hauptsache meine Kunden wissen analog, dass es uns noch gibt“, sagt die Barbyerin gleichmütig. Dies solle auch noch eine Weile so bleiben.

Um die Objektivität zu wahren: Andere Internetseiten veröffentlichen die Öffnungszeiten und die Existenz von Jutta Theiß korrekt. Man muss nur wissen, welche.