Glinde l Den Begriff „Kinderheim“ mag Remo Kannegießer, Geschäftsführer des Vereins „Nestwärme“, nicht. Er selbst spricht von einer Einrichtung zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die sich im Sportpark in Glinde befindet. Auch Sozialpädagogin und Leiterin Katja Thieme sagt: „Wir nutzen den Begriff nicht. Unsere Jugendlichen sagen stolz: ,Wir sind im Sportpark‘.“ Der Sportpark in Glinde ist seit dem Mai diesen Jahres an den Träger „Nestwärme“ vermietet. Erst kürzlich wurde der befristete Mietvertrag des Gebäudes auf fünf Jahre verlängert. Die Mitarbeiter freuen sich sehr darüber. „Das gibt uns endlich Planungssicherheit und Struktur“, so Thieme. „Wir hatten hier sehr unruhige Zeiten“, so Thieme, die bereits seit zehn Jahren im Sportpark beschäftigt ist. Im Arbeitsklima sehe man merklich, dass sich die Mitarbeiter durch die Planungssicherheit erleichtert fühlten.

Für die Jugendlichen hat sich bisher an den Strukturen nicht viel geändert. Mit der „Nestwärme“ sind in die Einrichtung allerdings eine Menge neuer Begrifflichkeiten eingezogen. Die in der Einrichtung beschäftigte Sozialpädagogin Susann Schulz erklärt: „Wir nennen uns Respect-Coaches und nicht Sozialarbeiter vor den Jugendlichen“, denn diese hätten oft schon sehr viele Einrichtungen gesehen, und bestimmte Begriffe wären für sie schon vorbestimmt.

Respekt-Training

Es gehe darum, dass die männlichen Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren wieder langsam eingefügt werden sollen. Sie werden in der Einrichtung beschult. Im Moment, auch durch den neuen Träger, ist hierfür sogar eine eins zu eins Beschulung möglich. Die Jugendlichen, so Thieme und Kannegießer, bedürfen besonderer Fürsorge. Oft, so Thieme, seien sie in regulären Schulen in die falschen Klassenstufen gesteckt worden. Der Unterricht in sehr kleinen Gruppen bis hin zur Einzeleinschätzung helfe, diese Falscheinstufung wieder rückgängig zu machen.

Über die Beschulung hinaus, so Schulze, gäbe es jedoch auch ein Respekt-Training, indem gemeinsam Grundwerte gefunden werden. Die Pädagogen arbeiten dabei mit Rollenspielen, Verhaltenstraining und Diskussionen über aktuelle Weltpolitik. Es gehe viel um Selbstwertgefühl für die Jugendlichen, ihnen zuzuhören und ihnen Basics für das Leben in der Gemeinschaft mitzugeben.

Miteinander und geschützter Raum

Mit vielen Jugendlichen ist die Rückführung nach Hause geplant. Sie fahren regelmäßig zu ihren Eltern. Während sie sich aber in Glinde befinden, mischen sie sich unter die Dorfgemeinschaft. Sie sind zum Beispiel in Sportvereinen aktiv oder haben nach einem Sturm schon einmal das ganze Dorf gefegt. „Wir wollen den geschützten Rahmen, aber gleichzeitig die Teilnahme am Dorfleben“, das sagt Katja Thieme. Die Schützlinge gängen in die Bibliothek, auf den Spielplatz, man kenne sich in Glinde. In den Gruppen verfolge man heilpädagogische Ansätze, bei denen auch Bewegung und Ernährung eine Rolle spielen würden.

Die Planungssicherheit, die die Verlängerung des Mietvertrages auf fünf Jahre bringe, werde dabei helfen, mehr pädagogische Konzepte einzubringen. Viel verraten die Sozialpädagoginnen nicht über das Konzept der „Nestwärme“. „Mit Nestwärme verbinde ich etwas Familiäres“, so Thieme. Sie fände es gut, dass der Verein nicht so stark in der Öffentlichkeit stehe. Der Träger „Nestwärme“ ist schnell eingesprungen, als die Kannenberg-Akademie insolvent gegangen ist. Der freie Träger finanziert sich über die Jugendhilfe, so Thieme.

Wenn niemand die Trägerschaft übernommen hätte, hätten die sich bereits in der Einrichtung befindenden Kinder- und Jugendlichen, sie aus dem gesamten Bundesgebiet stammen, aufgeteilt werden müssen. „Es war uns als gemeinnütziger Verein für das Kindeswohl sehr wichtig, dass sich jemand der sozialen Verantwortung stellt“, sagt Kannegießer über den Hauptgrund, warum sein Verein das Objekt weitergeführt hat.