Staßfurt l Unter freiem Himmel riss die Wolkendecke endlich einmal auf. Am sonst viel zu kalten Julitag war das Jackett schließlich zu warm, als die Sonne den Parkplatz vor dem Salzland Center mit Sonnenstrahlen eindeckte. Sie hatte wohl einfach auf den richtigen Moment gewartet, die Sonne. Und die jungen Menschen, die nach draußen strömten, entließen einen Dank und Gruß in den Himmel. Schwarze und gelbe Ballons wurden von 71 Abiturienten erst fest in die Hand geklammert und dann mit einem Jubelschrei auf die Reise geschickt.

Der aufsteigende Ballon symbolisierte dabei auch den Stein, der einigen Absolventen vom Herzen gefallen ist. Denn Erleichterung war eines der nachvollziehbarsten Gefühle der Abiturienten vom Dr.-Frank-Gymnasium in Staßfurt, die am Sonnabend im Salzland Center ihr Abitur überreicht bekamen. War der Jahrgang 2020 doch in besonderem Maße durch die Corona-Pandemie beeinträchtigt und verunsichert. Bange Wochen und Monate zogen sich wie Kaugummi. Die Ungewissheit war manchmal stärker als der Wille. Dass am Ende 71 sehr schmuck angezogene Schulabgänger ins Leben geschubst wurden, war außergewöhnlich und viel bemerkenswerter als in früheren Jahren.

So konnte natürlich auch keine der zahlreichen Reden das ja quasi Unvermeidliche ausklammern. „Vieles ist heute ungewöhnlich, mutet surreal an“, sagte Schulleiter Steffen Schmidt. „Es war lange Zeit nicht klar, ob wir uns zu einer solchen Veranstaltung mit allen Absolventen des Abiturjahrgangs 2020 versammeln würden können.“ Es ging am Ende, weil Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten wurden, weil ein Konzept aufgestellt wurde.

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Schulschließung am 16. März

Die Einschränkungen in Staßfurt begannen am 16. März. An diesem Tag wurden die Schulen geschlossen. „Sie mussten unvorhergesehen früh Ihre Studierfähigkeit unter Beweis stellen und selbstständig arbeiten“, so Steffen Schmidt. Der Tagesablauf musste selbst strukturiert werden, Ziele festgelegt und erfüllt werden. Was selbst manch beruflich erfahrenem Mitbürger seit Mitte März ungemein schwer fiel, forderte die Abiturienten. Trotz aller Einschränkungen wurden mitunter fantastische Notendurchschnitte erreicht.

Beste Absolventin in diesem Jahr war die Rathmannsdorferin Nina Kleemann. Sie erreichte 826 von 900 möglichen Punkten. Das machte einen Notendurchschnitt von 1,0. Genauso wie bei Lucie Kolbe, die mit 823 Punkten knapp dahinter lag. Bei 13 weiteren Absolventen stand ebenfalls eine Eins vor dem Komma.

Weitere Auszeichnungen

Für die beiden gab es noch weitere Ehrungen. Lucie Kolbe durfte sich Glückwünsche für das beste Mathematik-Abitur abholen, Nina Kleemann erhielt die Dr.-Adolph-Frank-Plakette, benannt nach dem Namensgeber des Gymnasiums. Nina Kleemann zeigte sehr gute Leistungen, war Vorbild und vertrat das Gymnasium würdig. Mit besonderer sozialer Empathie hatte sie beispielsweise die im Jahr 2019 von ihr mit zwei Mitschülern gegründete Umwelt-AG „Enfuturement“ geführt. „Ich war total überrascht, ich hatte damit nicht gerechnet“, meinte Kleemann. „Ich habe nur gedacht: Mist, jetzt muss ich wieder auf die Bühne“, sagte sie und lachte. Sie ist die 17. Preisträgerin der Plakette. Nina Kleemann wollte eigentlich nun ein „Work and Travel-Jahr“ in Neuseeland machen. Das fällt wegen Corona natürlich aus. So wird sie wohl früher als gedacht ein Psychologie-Studium in Halle beginnen. Warum Halle? „Halle hat so ein Ökoflair. Das mag ich sehr“, sagt Nina Kleemann.

Robin Schinzel hat ebenfalls einen beachtlichen Abiturschnitt mit 1,3. Er hatte im April Bedenken geäußert, war mit einem flauen Gefühl in die Prüfungen gegangen. Nun sagt er: „Ich bin sehr zufrieden. Am Ende waren die Bedenken ja Lappalien. Das sind Luxusprobleme. Es gibt so viel Übel auf der Welt.“ Er will eine Ausbildung zum Rettungssanitäter machen, danach sich ein Jahr bei der Umweltschutzorganisation „Sea Shepherd“ verdingen. Im Anschluss will er ab 2022 Medizin studieren.

Trotz besonderer Umstände ist vieles gut geworden. Erst am Donnerstag war die letzte Prüfung absolviert worden. 71 von 76 Schülern haben ihr Abitur bestanden. „Wir sind ein legendärer Jahrgang“, so formulierten es auch die Schülervertreter in ihren Reden. Nicht nur wegen Corona. Aber auch wegen Corona. Auch ohne Abiball, der vielleicht im November oder Dezember nachgeholt wird. Wenn es denn in schwierigen Zeiten möglich ist.