Staßfurt l „Wir als regionaler Dienstleister, Trinkwasserver- und Abwasserentsorger wollen nicht zu spät kommen“, sagte WAZV-Geschäftsführer Andreas Beyer vor dem symbolischen Spatenstich in Anlehnung an die mahnenden Worte des damaligen sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow im Herbst 1989 in Berlin. Damit bezog sich Beyer auf die zu erwartenden Kostensteigerung bei der Abwasserentsorgung.

„Die schwarz-rote Bundesregierung hat mit dem Koalitionsvertrag den Ausstieg aus der landwirtschaftlichen Klärschlammentsorgung de facto beschlossen. Eine Verabschiedung in der bisher geplanten Form würde für 95 Prozent der Aufgabenträger den sofortigen Ausstieg aus der landwirt-schaftlichen Verwertung des Klärschlamms hin zur Verbren-nung bedeuten. Dies betrifft auch den WAZV ,Bode-Wipper‘ und hätte eine Verdoppelung der Entsorgungskosten für Klärschlamm zur Folge.

Steigende Energiekosten

Auch die weitere Verschärfung von Grenzwerten unter anderem seit 1. Januar 2015 sowie die mögliche Pflicht zur Phosphorrückgewinnung ab 2025 sind weitere Kostentreiber in der Abwasserentsorgung“, sagte Beyer. Darüber hinaus kennen auch die Energiekosten unter anderem durch die ständig steigende EEG-Umlage, Strom- und Umsatzsteuer seit Jahren nur noch eine Richtung und zwar die nach oben. Mit diesem Pilotprojekt einer energieautarken Kläranlage in Staßfurt wolle der Verband den unvermeidlichen Kostenanstieg dämpfen.

„Darüber hinaus leistet der WAZV mit diesem Projekt einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz, denn auch die regenerativen Energiequellen wie Wasserkraft, Sonne und Wind finden in unserem Gesamtkonzept, welches nicht nur für das Land Sachsen-Anhalt einmalig ist, umfassende Berücksichtigung“, sagte der Geschäftsführer. Die notwendigen Fördermittel dafür seien beim Land beantragt worden. „Der Antrag wird derzeit geprüft“, sagte Referatsleiter Hans Peschel vom Umweltministerium.

Jens Saborowski vom Planungsbüro AREQUA Nordhausen stellte das geplante Vorhaben, das eine Investitionssumme von rund 3,8 Millionen Euro darstellt, vor. „Das wird dem Verband einen durchschnittlichen Kostenvorteil von rund 220 000 Euro pro Jahr bringen. Und die ursprüngliche Kostenverdoppelung durch die Steigerung der Energie- und Entsorgungskosten wird um mindestens zehn Jahre verzögert“, ist Saborowski überzeugt. Dieser Effekt soll durch den Aufbau einer eigenen Energieversorgung zur Nutzung der Wind- und Wasserkraft und der Photovoltaik sowie durch eine stoffliche und energetische Verbrauchssenkung in Folge einer Verfahrensoptimierung erreicht werden.

Neueste Technik

Dazu sollen auf dem Klärwerksgelände neben den Energiegewinnungsanlagen eine Trübwasserbehandlung, ein Zwei-Phasen-Faulturm mit einer Maschinenhalle, ein Schlammspeicher, zwei Gasspeicher und eine Primaärschlammsiebung gebaut werden, sagte Saborowski. Bei letzterer handelt es sich um eine brandneue Technik aus Bayern.

Die 1997 fertiggestellte Kläranlage ist technisch auf dem neuesten Stand. Sie reinigt das Abwasser von rund 40 000 Einwohnern im Raum Staßfurt und Güsten. Die 1,5 Millionen Kubikmeter Schmutzwasser, die dort pro Jahr zusammen kommen, werden über rund 230 Kilometer lange Leitungen geliefert. Der Anschlussgrad in diesem Gebiet beträgt 98 Prozent, so Beyer.