Westdorf l Im kleinen Westdorf bei Aschersleben sitzt der „Racheprofi“ an seinem Pool unter einem Sonnenschirm, mit einem genüsslichen Grinsen im Gesicht. Alles was Thomas Wiele, in der Volksstimme als „Ameos-Detektiv“ bekannt, für die Organisation der Rache braucht, hat er hier – ein Handy und einen Laptop.

„2012 habe ich im Frühstücksfernsehen einen Bericht über eine Alibi-Agentur gesehen“, erzählt er entspannt zurückgelehnt. „Dann bin ich auf das Thema Rache, auf die negativen Gefühle gekommen, die ein Großteil der Menschen irgendwann mal mit sich herumträgt“, sagt der 37-Jährige, der in Aschersleben geboren wurde. 2013 hat er probehalber eine Webseite mit Angeboten zur Rache online gestellt, es kamen Anfragen und ein Radiosender in Nordrhein-Westfalen berichtete.

Also startete Thomas Wiele 2014 die Webseite www.racheprofi.de. „Beim Finanzamt ist die Agentur als Detektei eingetragen, denn unter irgendetwas muss sie ja geführt werden“, erklärt Wiele. Er arbeitet selbständig, ist sein eigener Chef und hat heute zwei Assistenten, die ihm bei der Organisation helfen.

1015 „Racheakte“ haben Wiele und Kollegen bis heute umgesetzt. „Etwa 85 Prozent meiner Kunden sind betrogene Ehefrauen, die sich an ihrem Mann für eine Affäre rächen wollen“, sagt er. Der Rest sind gekränkte Familienmitglieder, ums Vermögen Geprellte oder Mobbingopfer. Auch Firmen wollen sich an ehemaligen Mitarbeitern rächen, die etwa zur Konkurrenz gegangen sind.

Im Osten hat der Racheprofi nur vereinzelt Kunden, dafür läuft es in Westdeutschland umso besser. „Da ist Geld für solche Dinge da“, meint er. Regelmäßig besucht er Kunden und vor allem Kundinnen in Frankfurt am Main, Dortmund, Essen oder Nürnberg– zu Vorgesprächen und Strategieplanungen. Allein die Vorbereitung kostet mehrere hundert Euro, eine ganze Aktion mehrere Tausend Euro.

Nicht alle Fälle werden angenommen

Seine Kunden und Auftraggeber wenden sich meist in Momenten der größten Enttäuschung an ihn. „Da gibt es so viel Hass, dass ich regelrecht bremsen muss.“ Er sortiert zunächst anhand seiner massenhaften E-Mail-Anfragen aus. Wo steckt wirklich etwas dahinter, womit kann man arbeiten? Was sind ernst gemeinte Anfragen? Wer will sich einfach nur aussprechen? Manche Fälle verweist er auch an Psychologen oder Beratungsstellen.

Wiele macht seinen Kunden immer deutlich: Alles muss legal sein. Es wird nicht gestalkt und nicht einmal im Kleinen gegen das Gesetz verstoßen. Für seine Aktionen lässt sich Wiele immer von einem Rechtsanwalt beraten. Und er gibt seinen Kunden keine Garantie auf Erfolg.

Die Racheaktion soll nicht auf den Auftraggeber zurückgeführt werden können. So ist es bei der betrogenen Ehefrau nicht das Ziel, dass ihr Ehemann erfährt, dass sie hinter allem steckt, sondern einzig und allein ihre persönliche Genugtuung.

Dabei erkennt Wiele bei den betrogenen Ehefrauen immer das gleiche Raster: Ab 40 plus bekommen Männer ihre Midlife-Crisis, nehmen sich eine jüngere Geliebte und zurück bleibt die Ehefrau. „Die Frauen wollen einfach, dass die Affäre aufhört“, erklärt er. Einige wollen ihren Ehemann wieder an sich binden, andere brauchen ein triumphales Ende des Rosenkriegs. Der Rachedurst dränge die betrogenen Ehefrauen regelrecht, aktiv zu werden. „Viele wollen, dass ein Schlusspunkt unter die Affäre gesetzt wird oder die neue Beziehung kaputt geht.“

Über einen Katalog mit 30 Fragen wird die Geschichte der Ehe und Affäre sowie Lebenslauf, Hobbys und Alltag des Mannes erkundet: Dienstags ist er zum Beispiel immer im Tennisclub, donnerstags in der Kneipe.

Es braucht Statisten und Schauspieler

Dann greift Wiele auf sein Netzwerk an vor allem weiblichen Schauspielerinnen zurück. Durch Anzeigen und ein Bewerbungsformular seiner Agentur, durch Beiträge im Radio, Fernsehen und der BILD-Zeitung, aber auch seiner eigenen Teilnahme am Big Brother 2015, hat er europaweit Tausende Statisten, auf die er zurückgreifen kann. „Meine Aufträge werden sehr gut bezahlt“, sagt er. Die „Mädels“, wie er sie nennt, verdienen sich gutes Geld dazu.

Dann spinnt Wiele eine Geschichte zusammen. Um Qualität statt Masse zu liefern, nimmt die Agentur nur zehn bis 15 ausgewählte Aufträge pro Monat an. Er setzt eine der Damen auf das Opfer, den Ehemann, an. Sie spricht ihn wie durch Zufall im Tennisclub oder in der Kneipe an.

Wirklich jeder Mann springt laut Wiele auf die Falle an: „Die Männer können es vor Glück kaum glauben und denken, sie erleben einen zweiten Frühling. Tatsächlich denken Männer oft nur von der Wand bis zur Tapete“, meint Wiele, der mittlerweile ein ernüchterndes Männer-Bild hat. Jedes Opfer hat sich bisher auf die Avancen eingelassen.

„Männer sind ganz klar Schweine. Sie können nicht alleine sein. Anstatt die Beziehung mit der Frau, die ihm ihr ganzes Leben gewidmet hat, sauber zu beenden, gehen sie den einfachsten Weg“, weiß der Racheprofi. Eine Affäre fände erst ihr Ende, wenn die Geliebte Schluss mache.

Meist sind es etwa zehn Jahre jüngere Frauen, die Wiele auf die Opfer ansetzt: „Es muss passen und realistisch sein. Eine sehr viel jüngere Frau würde sich nur durch ein sehr großes Vermögen seinerseits erklären lassen.“

Bis zu einem halben Jahr

Der Mann, der neben seiner Ehefrau ja noch eine Geliebte hat, trifft sich nun also auch noch heimlich mit der dritten Frau, der Schauspielerin. Es gibt hier mal eine Verabredung zum Abendessen, da mal einen Ausflug und natürlich verspricht er ihr – auch in Nachrichten auf dem Telefon oder auf Whatsapp – das Blaue vom Himmel. Nicht selten ist die Rede von der großen Liebe. Bis zu einem halben Jahr dauern manche solcher Geschichten. Wegen Corona wurden aktuell übrigens viele Aufträge verschoben.

Sobald genug Beweise vorliegen und das sind meistens Nachrichten auf dem Telefon, geht es an das dramatische Ende der Story: Die dritte Frau, die Schauspielerin, steht tränenüberströmt vor der Tür der Geliebten, denn sie hat von der anderen Frau – der ersten Geliebten – erfahren oder ahnt etwas. Sie zeigt ihr die Nachrichten von ihm oder sie ruft ihn in ihrer Anwesenheit an. Auch hier merkt das Gegenüber nichts von einer Inszenierung.

Je nach Situation wird das „Auffliegen“ der neuen Affäre auch komplexer gestaltet: Eine weitere Schauspielerin, die zum Beispiel die Schwester der dritten Frau ist, hat die Sache herausbekommen und informiert nun die Betrogene.

Es kommt zum großen Eklat. Die erste und die zweite Affäre des Opfers sind auf einen Schlag beendet. Die Genugtuung der Ehefrau hierbei: Siehe da, der werte Ehemann betrügt auch die Geliebte! Niemand außer der Auftraggeberin wird je etwas über den wahren Hintergrund des Endes der Affären erfahren.

Anzeigen schaffen keine Befriedigung

„Negative Gefühle erreichen uns alle mal im Leben“, sieht Wiele keine moralischen Bedenken bei seinen Racheaktionen. „Die betrogenen Ehefrauen scheinen weder über Anwälte noch Gerichte das Gefühl echter Gerechtigkeit zu erfahren.“ Er selbst meint, dass auch Anzeigen bei der Polizei oder Privatklagen heute kaum noch Befriedigung verschaffen.

Mit seinen Opfern hat der Racheprofi kein Mitleid: „An einer Beziehung muss man eben arbeiten. Eine Affäre ist der schnelle Kick mit dem Reiz des Abenteuers, des Verbotenen.“ Die Männer stünden mitten im Leben und müssten es eigentlich besser wissen. Aufträge von Männern gebe es übrigens nie.