Staßfurt l „Wie sich der Arbeitgeber zeigt, wird es ein langer Streik werden“, sagt Simone Bovensiepen. Die Gewerkschaftssekretärin steht seit dem frühen Montagmorgen mit einem Dutzend Schwestern vorm Staßfurter Haus des Schweizer Ameos-Konzerns. „Aber wir haben einen langen Atem. In Niedersachsen hat der Streik vor vier Jahren auch sehr lange gedauert.“

Und hat am Klinikum Hildesheim nach zwölf Wochen zum Ziel geführt. Nämlich, zu einer Bezahlung, angelehnt an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes.

Kündigungen schüchtern nicht ein

„Die Kollegen lassen sich nicht einschüchtern durch die erfolgten Kündigungen“, freut sich Bovensiepen. Auch die Rücknahme der bisherigen Kündigungen stehe auf der Liste der Forderungen. Und die ist so lang nicht. „Wir hoffen einfach nur auf Einsicht bei Ameos, dass die Kollegen nicht zum Kaffeetrinken auf Arbeit kommen.“

„Wir fordern nichts Ausverschämtes, sondern nur, was uns zusteht“, sagt Kathrin Unger bestimmt. Seit 36 Jahren ist sie Krankenschwester, inklusive Ausbildung. 600 Euro fehlen hierzulande am Lohn, den andere Klinikbetreiber nach Tarif bezahlen.

Margitta Lepka steht schon seit 43 Jahren im Dienst der Gesundheit. „Um die Notversorgung unserer Patienten haben wir uns selbst gekümmert“, erklärt die Krankenschwester und wird durch die Gewerkschaft bekräftigt.

Fahrt ins Streiklokal

Während sich die Streikenden auf dem Parkplatz zur Fahrt nach Aschersleben ins Streiklokal vorbereiten, kommt eine Kollegin, zeigt entsetzt auf das Klinikgebäude und informiert ihre Mitstreiterinnen, dass da eine Zeitarbeitsfirma gerade um Leihpflegekräfte werbe.

Wer gestern mit Demo und Kundgebung in Staßfurt gerechnet hatte, wartete übrigens vergebens. Man habe sich spontan dazu entschieden, nicht zum Sperlingsberg zu marschieren, sondern zum Rathaus, erklärt die Gewerkschaftssekretärin. Auch weil das Ordnungsamt des Salzlandkreises signalisiert habe, dass keine personellen Kapazitäten vorhanden seien.

„Am Dienstag sind wir aber wieder hier zwischen 6 und 7.30 Uhr. Und danach geht‘s zur Steinstraße“, versichert Simone Bovensiepen und lädt die Bürger ausdrücklich dazu ein. „Wir hätten es gern, dass auch die Bürger mit uns wieder auf die Straße gehen wie vor zehn Jahren, als es um die Wiedereröffnung des Staßfurter Krankenhauses ging“, unterstreicht Kathrin Unger. 2010 wurden 6000 Bürger in Staßfurt gezählt, die für den Erhalt des Standorts hier demonstrierten.

Kundgebung geplant

„Wir werden mehr“, ist sich die Gewerkschaftssekretärin sicher. Und voraussichtlich Anfang Februar werde man auch nach Magdeburg fahren, um dort gemeinsam mit Beschäftigten der anderen Ameos-Kliniken zu demonstrieren, teilt sie noch mit, bevor sie und die Streikenden in ihre Autos steigen und nach Aschersleben fahren. Dort findet um die Mittagszeit auf einem Platz unterhalb des Krankenhausgeländes eine Kundgebung statt. Bernd Becker, Verdi-Landesfachbereichsleiter für Mitteldeutschland, schätzt etwa 120 Teilnehmer. Dass nur etwa ein Dutzend Streikende aus Staßfurt darunter sind, liege einfach daran, dass das Haus an der Bode nicht mehr so viele Beschäftigte hat.

Die Notversorgung entspreche dem „klassischen Feiertags- und Sonntags-Dienst“, beschreibt Becker. In Staßfurt seien das etwa zehn Beschäftigte im Pflegebereich.

Was Staßfurter sagen

Dass die Notversorgung auch funktioniert, hoffen derweil die Bürger. „Ich bin auch für eine gerechte Entlohnung. Die Patienten dürfen nur nicht unter dem Streik leiden“, erklärt Jana Bannath. Sie habe selbst erfahren können, was in der Küche der Bernburger Ameos-Klinik verdient wird – und kündigte.

„Ich drücke ihnen den Daumen“, sagt Günter Taube mit Blick auf die Streikenden. „Die Leute arbeiten unter Tarif. Hoffentlich bringt der Streik was“, wünscht der Staßfurter.

„Wenn‘s nicht anders geht, soll jeder zu seinem Recht kommen“, finden die Ameos-Mitarbeiter auch die Zustimmung von Janine Pagels, „Wichtig, dass die Notversorgung der Patienten gewährleistet ist.“

Für Heidrun Wenig ist es derweil „eine Katastrophe, dass es so weit kommen musste.“ Seit dem die Bürger vor zehn Jahren auf die Straße gegangen und für das Staßfurter Krankenhaus gekämpft hatten, sei leider schon sehr viel kaputt gegangen. Damit meint die Staßfurterin hier geschlossene Stationen und Personalabbau. „Ich habe auf jeden Fall Verständnis, dass gestreikt wird.“

Und auch Janett Köhler versteht die streikenden Ameos-Mitarbeiter. „Die Bezahlung muss gerade im Pflegebereich angemessen sein. Das ist teilweise Knochenarbeit. Hinzu kommt die große Verantwortung.“ Die Staßfurterin findet es richtig, dass die Betroffenen mal auf die Straße gehen.