Rathmannsdorf l Die Orgel in der Rathmannsdorfer Pauli-Kirche ertönt noch. Aber wenn Birgit Wassermann beim sonntäglichen Gottesdienst in die Tasten greift, muss die Kirchenmusikerin viel Improvisationstalent mitbringen. Nicht in musikalischer Hinsicht, das beherrscht die Organistin unbestritten. Vielmehr muss sie an Manualen und Pedalklaviaturen Tücken des Instrumentes „umspielen“, damit sie den Gemeindegesang einigermaßen kunstvoll begleiten kann.

Störungen

Die Orgel, genauso alt wie das 1883 eingeweihte Gotteshaus, ist in die Jahre gekommen. Teile sind verschlissen. Eine Sanierung ist dringend notwendig. „Die Schäden machen sich seit Jahren bemerkbar“, sagt Birgit Wassermann. Immer wieder bleiben Töne hängen. Einige Register, die verschiedenen Klangfarben also, die eine Orgel ausmachen, sind vom Spieltisch aus nicht mehr oder nur teilweise ansteuerbar. Dann ist kein Ton zu hören. Gravierend ist besonders, dass der Orgel der richtige Atem fehlt. Hinter dem Pfeifenwerk, in einer Turmkammer, stehen zwei mächtige Bälge, die für den Wind sorgen, der in die Pfeifen strömt. „Die Bälge sind mit Leder bezogen. Alles ist geleimt. An einigen Stellen ist das Material porös. Es besteht die Gefahr, dass es zu Rissen kommt.“ Schon jetzt entweiche Luft, die beim Spielen fehle, so dass einige Pfeifen - atemlos - gar nicht mehr richtig ansprechen. Einer der Bälge ist wenig funktionstüchtig und füllt sich nur noch marginal.

Hinzu kommt, dass die Kirche in den vergangenen Jahren umfangreich saniert wurde. Bei der Neuausmalung des Schiffes ist die Orgel zwar geschützt gewesen. Trotzdem haben die Arbeiten der empfindlichen Anlage, in der alle Teile wie in einem Uhrwerk ineinander greifen, zugesetzt.

Bilder

Seit Jahren kennen Gemeinde, Pfarrer und Musiker die Probleme. Jetzt wollen die Verantwortlichen umfangreiche Sanierungsmaßnahmen in Angriff nehmen, damit die Orgel zu ihrer ursprünglichen Strahlkraft zurückfindet. Birgit Wassermann nennt zwei Gründe, weshalb diese Reparatur wichtig ist. Zum einen werde das Instrument regelmäßig genutzt. Die Gemeinde singt im Gottesdienst und die Orgelbegleitung gehöre dazu.

Besonderer Klang

Darüber hinaus hat die Orgel durchaus ihren Denkmalwert. Sie wurde von der Orgelbauanstalt Wilhelm Rühlmann aus Zörbig als Opus 49 gebaut. Der Meister sorgte für viele Instrumente in den Kirchen der Region. Die Besonderheit in Rathmannsdorf allerdings ist die technische Anlage. Experten erkennen sofort, dass sie rein mechanisch ist: Drückt der Organist eine Taste, wird wie über einen Hebel das Ventil unter der Pfeife direkt angespielt. Rühlmann hat in seinen frühen Jahren so gebaut, sich aber später anderen technischen Varianten der Ton- und Registersteuerung zugewandt. „Insofern ist diese Orgel eine Besonderheit“, sagt die Kantorin. Birgit Wassermann vergisst darüber hinaus nicht, darauf hinzuweisen, dass Instrumente dieser Zeit auch klanglich herausragend sind. „Ausgehend vom Klangempfinden der Epoche sind die Orgeln sehr grundtönig, eher warm und voluminös - nicht so hell klingend wie etwa Orgeln der Barockzeit.“ Wunderbare Register wie „Liebliche Flöte“ oder „Himmelstimme“ sorgen für einen nahezu ätherischen Klang.

Das alles zu bewahren, ist Anliegen der geplanten Sanierung. Nach 135 Jahren ist die Frischekur überfällig. Die Gemeinde hat sich Kostenvoranschläge von drei Fachfirmen eingeholt. Die Orgelbauer haben alles auf Herz und Nieren geprüft. Rund 25.000 Euro werden die Arbeiten kosten. Allein die Hälfte dieser Summe wird die Erneuerung der Balganlage in Anspruch nehmen. Vom Rest sollen die Pfeifen klanglich überarbeitet werden. „Das ist eine echte Herausforderung für die Kirchengemeinde“, sagt Ilona Repplinger vom Gemeindekirchenrat.

Jetzt soll damit begonnen werden, Spenden zu sammeln. Die Rathmannsdorfer hoffen auf Unterstützung der Landeskirche Anhalts. Hier läuft bis September eine Aktion, dass jeder eingeworbene Spenden-Euro verdoppelt wird. „Wenn wir viel zusammentragen, haben wir einen guten Grundstock für die Sanierung“, so die Kirchenälteste. Die Kirchengemeinde sucht bewusst die Öffentlichkeit. „Orgeln und Orgelmusik entfalten über das gottesdienstliche Leben hinaus eine Anziehungskraft, die viele anzieht. Vielleicht wird das Orgelprojekt auch für Menschen außerhalb der Gemeinde eine Herzensangelegenheit“, sagt Pfarrer Kornelius Werner.

Nutzung

Ilona Repplinger sagt, dass das erneuerte Instrument noch mehr Einsatzmöglichkeiten eröffne. Die Orgel erklinge schon jetzt bei den Adventsmusiken in Rathmannsdorf, bei denen vor allem junge Musiktalente mit ihrem Können die Zuhörer wunderbar auf das Fest einstimmten. Zukünftig könne sie auch Teil des Internationalen Rühlmann-Orgelfestivals sein, in dessen Mittelpunkt seit 13 Jahren die Werke des Meisters stehen.

In diesem Jahr findet das Festival von August bis Oktober statt. Rathmannsdorf wird noch nicht dabei sein. Wenn die Gemeinde schnell genügend Geld beieinander hat, sollen die Arbeiten an der Orgel im kommenden Jahr beginnen. Ganz sicher erklingt das Instrument dann wieder wie einst und Birgit Wassermann kann neben dem Vortrag alter Meister auch improvisieren - dann aber richtig - nämlich künstlerisch.

Spenden

Spendenkonto: Inhaber: Evangelische Kirchengemeinde Rathmannsdorf / IBAN: DE10 3506 0190 1565 8000 15 / Verwendungszweck: „Orgel"