Förderstedt l Wer Peter Rotter schon öfter beobachtet hat, der kennt diese Gestik. Jetzt weiß man: Es gibt Kritik. Der Oberkörper des Förderstedter Ortsbürgermeisters (CDU) wippte leicht nach vorn, danach drehte er seine Schultern etwas rückwärts. Immer sieht es so aus, als würde er sich innerlich etwas strecken. Vor allem, wenn er verbal ausholen will.

Nun richtete Rotter im Ortschaftsrat Förderstedt sich direkt an Johann Hauser (FDP). Und kritisierte ihn direkt. „Lieber Johann Hauser. Wir sitzen seit Jahrzehnten zusammen in verschiedenen Gremien. Du hast immer wieder gesagt: Kapital ist ein scheues Reh. Was wir hier aber machen, ist Rehe verschrecken. So kann es nicht weitergehen.“

Was war passiert? Stadtrat und Ortschaftsratmitglied Johann Hauser (FDP) hatte im August und September Kritik am Investitionsvorhaben der Förderstedter Entwicklungsgesellschaft geübt. Diese möchte in Förderstedt in der Bobie ein Zentrum für Betreutes Wohnen entstehen lassen (siehe unten). Hauser hat mehrere Bedenken und Fragen. Ausschlaggebend sei, dass die Investoren Detlev Kiel und Remo Kannegießer den Kauf von Häusern der Wohnungs- und Baugesellschaft mbH Staßfurt (Wobau) in der Bobie in drei Raten ableisten. „Das ist dubios, weil die Unterlagen für den Notar nicht fertig sind. Es ist unnormal und unlogisch, das so zu machen.“

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Ohne Fördermittel

Weil die Investoren ohne Fördermittel arbeiten wollen, fragte sich Hauser zudem: „Wo soll das Geld herkommen?“ Es sei ebenfalls unlogisch, ohne Fördermittel zu arbeiten. Hauser misst die Investoren zudem an der Ankündigung aus dem März dieses Jahres, dass bis Ende des Jahres die erste Vorzeigewohnung fertig sein könnte. „Bis jetzt ist noch nichts passiert“, so Hauser.

Peter Rotter fand die Kritik unverständlich. „Herr Hauser sollte sich aus Unternehmensangelegenheiten heraushalten. Mit welchem Kenntnisstand mischt er sich ein? Das geht ihn nichts an. Er kann nicht wissen, ob das Unternehmen in der Lage ist, das Projekt zu stemmen. Dafür gibt es auch kein Indiz“, so der Ortsbürgermeister. „Das Unternehmen ist vertragstreu. Wir haben als Politiker nur zu beurteilen, ob das Konzept schlüssig ist. Und das ist es. Ich bin es leid, über so etwas diskutieren zu müssen, wenn es mehr Skepsis als Unterstützung gibt. Ich halte das Projekt für eine super Sache.“

Im nichtöffentlichen Teil des vergangenen Stadtrats wurde darüber abgestimmt, ob die Investoren das alte Feuerwehrgerätehaus von der Stadt kaufen dürfen. Das dürfen sie. Der Stadtrat stimmte zu. Peter Rotter hatte dabei hingegen Mitwirkungsverbot angezeigt und nicht mit abgestimmt. Schließlich ist Rotter der Schwager von Detlev Kiel, einem der Geschäftsführer. Rotters Tochter ist beim Verein Nestwärme Schönebeck angestellt. Geschäftsführer ist Remo Kannegießer, der auch einer der Geschäftsführer der Förderstedter Entwicklungsgesellschaft ist. Ist Peter Rotter befangen? „Natürlich bin ich das. Aber als Ortsbürgermeister“, sagt er. Dass persönliche Interessen hingegen eine Rolle spielen würden, verneint er.

Investoren nehmen Kritik nicht persönlich

Remo Kannegießer nahm die Kritik nicht persönlich. „Grundsätzlich ist Streitkultur positiv. Dafür sind die Räte da. Was mich zum Nachdenken bringt, ist die Kritik, dass wir das alte Feuerwehrgerätehaus kaufen. Wir stellen es dem gemeinnützigen Verein des Fördervereins der freiwilligen Feuerwehr kostenlos zur Verfügung. Dass ich mich dafür rechtfertigen muss, verstehe ich nicht. Diese Verstimmung kann ich nicht nachvollziehen.“ Es sei dabei auch nicht Aufgabe der Gesellschaft, Fördermittel abzugrasen.

In der aufgeheizten Stimmung im Ortschaftsrat sagte Günter Döbbel (FDP): „Ich bin erstaunt über die gereizte Stimmung. Ich bitte um Konstruktivität. Wenn das im nichtöffentlichen Teil so weiter geht, stehe ich auf und gehe.“

Die Unterstützung aus dem Ortschaftsrat gibt es dabei im Großen und Ganzen. So auch von Gunter Schmidt (CDU): „Das Interesse der Bevölkerung ist da. Ich wünsche den Investoren viel Glück. Hoffentlich schaffen wir es in weniger als zehn Jahren.“

Allgemein sagte Kannegießer: „Mir ist es noch nicht passiert, dass die Emotionen so hochkochen, wenn man investieren will.“ Ein scheues Reh sind Kannegießer und Kiel hingegen nicht. Sie wollen bauen. Das ist ihr fester Entschluss. „Der Investor ist ein scheues Reh, aber auch standhaft“, sagte Kannegießer.

Kein Umbau

Im nichtöffentlichen Teil im Ortschaftsrat Förderstedt sowie im Staßfurter Stadtrat wurde beschlossen, dass das alte Feuerwehrgerätehaus in der Bobie, das bisher der Stadt gehörte, an die neue Förderstedter Entwicklungsgesellschaft verkauft wird.

Das Gebäude wird dabei nicht umgebaut. Es wird weiter dem Feuerwehrförderverein als Versammlungsort dienen können. Dem Verein ist für zehn Jahre Mietfreiheit garantiert. Die Förderstedter Entwicklungsgesellschaft kommt dabei für alle Kosten auf, die anfallen. Warum die Gesellschaft das Haus kauft, obwohl sie es nicht selbst nutzt? „Uns geht es um Planungssicherheit“, sagt Geschäftsführer Remo Kannegießer. Die Gesellschaft möchte nicht, dass das Gebäude eine andere Nutzung erfährt.

Dazu sind die Bobie 3,4, 6 und 7 in den Besitz der Gesellschaft übergegangen. Die Hausnummer 7 (alte Villa) befindet sich an der Straße rechts vor dem Durchgang zum Hof am alten Gerätehaus. Die Villa (Nummer 6) gehört dazu, genauso wie der Flachbau (Nummer 4) daneben. Dazu das kleine Haus Nummer 3 daneben. Im Hof soll die Bobie 5 umgebaut werden. Besser gesagt: „Das Haus wird abgerissen“, so Kannegießer. Ein Neubau soll hin. Kannegießer rechnet damit, dass der Baustart nicht vor Herbst 2021 erfolgt. Es müssen verschiedene Anträge gestellt und genehmigt werden. Bis dahin sind schon sechsstellige Summen investiert. Danach geht es in den Ausbau, der bis zu zwei Millionen Euro kosten kann. „Im schlimmsten Fall dauert es zehn Jahre, optimal wären fünf bis sechs Jahre“, sagt Kannegießer.

Eigenkapital für den Bau

Wie wird das Zentrum für Betreutes Wohnen finanziert? Mit Eigenkapital der Gesellschaft. Auf Fördermittel verzichten die Bauherren. 40 Wohnungen sollen entstehen. Wer könnte einziehen? „Jeder, der Bedarf hat“, sagt Kannegießer. Die gemeinnützige Gesellschaft, die Anfang des Jahres gegründet wurde, setzt die Altersgrenze beim Kind an. „Wer Hilfe benötigt, bekommt sie. In der Pflege wird nicht nach Alter, sondern Beeinträchtigung unterschieden.“ Nicht nur Wohnungen sollen hergerichtet werden. Dazu natürlich auch der Pflegedienst oder eine Physiotherapie.

Die Gesellschaft will in Förderstedt ein „holländisches Modell“ umsetzen. Damit ist die Pflege im eigenen Ort gemeint. Das Zentrum soll also in Förderstedt für Förderstedter sein. „Das ist eine Perspektive für die älter werdende Bevölkerung, dort den Lebensabend zu verbringen, wo man das ganze Leben gelebt hat“, sagt Ortsbürgermeister Peter Rotter (CDU). „In der Gesundheitsversorgung ist Förderstedt bisher ein weißer Fleck“, sagt Geschäftsführer Detlev Kiel. „Bisher gab es für Pflegebedürftige in Förderstedt keine Möglichkeit, im Ort zu bleiben.“

Die Wahl auf die Bobie für den Ausbau sei dabei ursprünglich von Gunter Schmidt aus dem Ortschaftsrat gekommen. „Eigentlich ist die Bobie kein Ort, wo man gern hingeht“, so Kiel. Aber als zentraler Ort sehr gut geeignet. Mehrere Häuser müssen abgerissen werden. Die Abrissgenehmigung sei beantragt und genehmigt.