Neundorf l „So hätte ich kein Auto auf meinen Hof gekriegt“, sagt Roy Riedel. Der Kfz-Schlosser, der seine Werkstatt in der Rathmannsdorfer Straße in Neundorf hat, wurde Mitte Februar von den neuesten Entwicklungen überrascht, auch wenn er mit der Baustelle in seiner Straße schon seit August 2018 lebt. „Ich war im Urlaub und dann bekomme ich so ein Foto geschickt“, erzählt er. „Am nächsten Tag sollte ich den TÜV bei jemandem machen.“

Auf dem Foto ist deutlich zu sehen: Die Baufirma hat den Bord zum neuen Gehweg so hoch gesetzt, dass es etwa 15 Zentimeter Höhenunterschied zur Einfahrt von Roy Riedel sind. „An der Palette, die dahin gelegt wurde, kann man den Unterschied gut sehen“, sagt er. „Da hätte man mit einem Auto nicht darüberfahren können.“

Beschwerde bei Bauberatung

Am nächsten Tag, 15. Februar, war wie jede Woche Bauberatung in der Rathmannsdorfer Straße. Dabei treffen sich Verwaltungen, Architekt und Baufirma, um den aktuellen Stand zu besprechen. Bei dieser Baustelle arbeiten der Salzlandkreis, der die Straße saniert, und die Stadt Staßfurt, die die Gehwege, Borde und Einfahrten erneuert, zusammen. Um die zwölf Anwohner kamen an dem Tag zur Bauberatung, um sich zu beschweren.

Bilder

Unter ihnen war auch Ralf Riemeyer, der den neuen Bordstein vor seinem Haus in der Rathmannsdorfer Straße auch als zu hoch empfand. „Das kann doch nicht sein, dass man solche Höhenunterschiede setzt“, empört er sich. Er hätte es mit seinem Rollstuhl nicht mehr auf den Gehweg geschafft. Der Hausbesitzer hätte seine Einfahrt durch eine Firma anpassen lassen müssen und befürchtete zusätzliche Kosten.

Bei Ralf Riemeyer waren es acht Zentimeter Höhenunterschied zwischen Fußweg und seiner Einfahrt. Auch mit dem Behindertenparkplatz, der vor seinem Haus entsteht, gab es Probleme: „Drum herum waren hohe Borde gesetzt. Da wäre ich nicht an mein Auto rangekommen, sondern hätte erst auf die Straße gemusst, um ins Auto einzusteigen“, erzählt Ralf Riemeyer. Auch den Rollstuhl hätte er schlechter verladen können.

Anwohner finden Neigung zu hoch

Was Ralf Riemeyer am Schlimmsten fand: „Bei der Bauberatung hat man es einfach nicht eingesehen, dass die Neigung für uns Anwohner zu hoch ist“.

Am nächsten Tag aber korrigierte die Baufirma die Höhenunterschiede an manchen Einfahrten. Die hohen Borde wurden weggenommen und später die Gehwege doch tiefer gesetzt. Aber nicht bei jedem Hausbesitzer, der seinen Gehweg als zu hoch empfindet. Nachgebessert wird aktuell noch an den Einfahrten von neun Häusern in der Rathmannsdorfer Straße.

„Es kam dann bald ein Schreiben von der Stadt“, erzählt Ralf Riemeyer. In dem Brief erklärte die Stadtverwaltung, dass nicht jeder Anspruch auf eine Nachbesserung hat.

Ausgleich per Gesetz

Oberbürgermeister Sven Wagner erklärt auf Nachfrage: „Ein Ausgleich der Nachteile, die durch solche Baumaßnahmen entstanden sind, steht Anwohnern laut Gesetz erst ab zehn Zentimetern Höhenunterschied zu.“ Dabei kann die Stadt den Anwohnern entweder eine Entschädigung zahlen oder sie lässt die Baufirma direkt nachbessern und zahlt selbst.

Für die Rathmannsdorfer Straße hat man bei den neun betroffenen Grundstücken die zweite Variante gewählt. „Die Stadt zahlt das jetzt komplett“, so Sven Wagner. In etwa 7000 Euro fallen für diese Nachbesserungen an.

Von einem Planungsfehler oder Baufehler könne man in dem Fall aber nicht reden, betont der Stadtchef. Die Grundstücke der Anwohner seien auf verschiedenen Höhen gebaut. „Es ist logisch, dass es nicht überall passt“, sagt der Oberbürgermeister. „Das passiert öfter bei Straßenbaumaßnahmen und Neundorf ist da keine Einzelfall.“

Nach der Bauberatung, als die Anwohner ihre Probleme angesprochen hatten, habe die Stadt nochmal eine planerische Prüfung durchgeführt, so Sven Wagner, und sich entschieden, die Höhenunterschiede „so gering wie möglich“ zu halten: Deswegen kamen Borde mit über zehn Zentimetern Höhenunterschied weg. Das Gefälle der Gehwege wurde auf das Minimum gesenkt.

Nicht alle haben Anspruch

Die restlichen Anwohner müssen Höhenunterschiede von bis zu neun Zentimetern hinnehmen. Wer es passend haben möchte, muss seine Einfahrt selbst höher setzen lassen. Roy Riedel hat jetzt nur noch drei Zentimeter Unterschied zum Gehweg, trotzdem pflastert er jetzt alles selbst neu. Auch etliche weitere Hausbesitzer in der Rathmannsdorfer Straße passen ihre Vorgärten und Einfahrten jetzt an.

Ralf Riemeyer, der mit Ach und Krach seine neuen, drei Zentimeter Höhenunterschied im Rollstuhl überwinden kann, hatte Glück: „Die Bauleute haben gleich Schotter für mich aufgefahren.“ So konnte er in seinem Rollstuhl sofort wieder auf den Gehweg fahren. „Die Bauarbeiter haben mir sowieso während der ganzen Zeit immer ganz klasse geholfen.“