Staßfurt l Die Arme und Türe sind immer offen. Mathilda und Erik schleichen schüchtern herein, wissen nicht so recht, wohin und starren mit großen Augen nach vorn, wo die Frau mit den dunklen Haaren bereits in ihrem Element ist. „Ihr wollt mitmachen, stimmt‘s“, sagt Alin Rossi und lächelt. Die sechsjährige Mathilda und der siebenjährige Erik nicken. „Nehmt euch ein Kissen, setzt euch hin.“

Einmal greifen die beiden Kinder nach rechts zum Stapel, schieben sich das runde Kissen unter den Popo und nehmen Platz in den Räumen der Kinderabteilung der Stadt- und Regionalbibliothek Staßfurt. Alin Rossi ist die Leiterin der Kinderbibliothek. Winterferien! Die gab es auch in Staßfurt vergangene Woche. In den Räumen der Bibliothek hatte Rossi passend zur Mitmach- und Mithörveranstaltung eingeladen mit dem Titel: „Block für Block. Minecraft-Veranstaltung in der Bibliothek.“

Das sind neue Töne und neue Projekte. Bibliothek heißt im Jahr 2020: Offen sein, modern sein, neue Wege gehen. Neue Zielgruppen erschließen, dabei aber die Wurzeln nicht vergessen. Denn Minecraft ist ein Videospiel, das vor zehn Jahren ursprünglich für den PC programmiert wurde, heute aber auch auf dem Handy spielbar ist. Höhlen werden durch verschiedene Spielwelten erkundet, Gebäude werden errichtet, Rohstoffe abgebaut. Und es wird natürlich gekämpft. Gegen Monster. Klingt nach kindgerechtem Abenteuer, das fasziniert und elektrisiert.

Ein Fernseher ist aufgestellt, zu späterer Stunde werden die Kinder dort Minecraft spielen, vorher tauschten sich die Kinder mit Alin Rossi über das Spiel aus. Dazu wurde viel gelesen und gebastelt. Rundherum war es also ein breit gefächerter Aktionsnachmittag, der nicht mehr viel mit dem angestaubten Charme einer Bibliothek zusammenpassen will. „Ich habe 10.000 Veranstaltungen im Kopf“, sagt Alin Rossi. Seit knapp einem Jahr ist die 25-jährige Leipzigerin in der Staßfurter Bibliothek angestellt und hat seitdem die Kinderabteilung auf links gedreht. Was die Chefin gut findet. „Wir dürfen nicht stehenbleiben und müssen uns neuen Gegebenheiten stellen. Es geht nicht anders. Wir müssen neue Formen installieren“, sagt Bibliotheksleiterin Susanne Sulek.

Alin Rossi selbst ist ja mit den digitalen Medien und dem Internet mit seinen Möglichkeiten aufgewachsen. Natürlich liebt sie Bücher. Sie liebt aber auch Serien und Filme, sie liebt Spielkonsolen. Rossi ist in der Popkultur tief verankert. Sie weiß, wie Heranwachsende so ticken, womit sie sich beschäftigen. Ihre alltäglichen Passionen transferiert sie in ihre Arbeit und kombiniert so Hobbies mit dem Beruf.

Nintendo Switch

Gerade bei Kindern gibt sich die Bibliothek viel Mühe, diese zu begeistern. Mit dem japanischen Erzähltheater „Kamishibai“ oder dem animierten Bilderbuchkino „Onilo“ werden Sprachförderung und Fantasie angeregt. Und die junge Alin Rossi bietet Kindern neue Anlaufpunkte. Seit Oktober 2019 gibt es jetzt eine Nintendo Switch plus Spiele. Eine Konsole des bekannten japanischen Herstellers, die als Nachfolger der Wii U klassisch am Bildschirm gespielt werden kann, aber auch als Handkonsole dient. „Die Bibliothek entwickelt sich zu einem dritten Ort“, so Bibliotheksleiterin Susanne Sulek. Neben dem Zuhause und der Schule. „Es ist ein Freizeitangebot. Hier können Freunde getroffen werden. Hier kann Zeit verbracht werden, wenn die Kinder auf den Bus warten.“ Es kommen mehr Kinder und sie beschäftigen sich anders. „Das ist dem Zeitgeist geschuldet“, sagt Sulek. „Trotzdem ist das Buch noch immer der Mittelpunkt. Das wird auch immer so bleiben.“

Das merken die Kinder auch bei der Ferienveranstaltung mit dem Spiel „Minecraft“. Alin Rossi liest aus einem Buch zum Spiel und muss dann ein Kind ermahnen, das nicht so richtig zuhört. Das Statement ist klar: Die Bibliothek ist offen für Neues, wird die Kernkompetenzen aber nie vernachlässigen. Neuerwerbungen werden dabei auch aus Fördermitteln des Landes getätigt.

Bei den Ausleihen von Spielen funktionieren Sport- und Simulationsspiele sehr gut, aber auch klassische Jump ’n’ Run-Spiele mit Mario, dem bekanntesten Klempner der Welt. Unbegrenzt zocken geht aber nicht. Es gibt eine Sicherheitsapp auf der Switch, das Spiel wird nach einer bestimmten Zeit automatisch pausiert.

Weitere Ideen sind in Arbeit oder wurden bereits umgesetzt. Seit September 2019 gibt es zum Beispiel eine Medien-AG mit der fünften und sechsten Klasse der Gemeinschaftsschule Hermann Kasten in Staßfurt. Mit dieser wird eine digitale Rallye durch die Bibliothek entwickelt. Grundlage ist dabei die Multimedia-App „Actionbound“. „Das ist ein großes Projekt. Die Kinder überlegen sich Fragen und Bilder, mit denen Besucher mit Hilfe der App durch die Bibliothek geleitet werden“, erklärt Alin Rossi. Ende Februar/Anfang März wird es mit Hilfe digitaler Medien auch ein Recherchetraining für neunte Klassen geben.

Weil (fast) jedes Kind sowieso schon ein Smartphone hat, bietet die Bibliothek seit kurz vor Weihnachten auch die Möglichkeit an, sich mit einer kostenlosen App und einer VR-Brille auf dem Kopf sich in fremde Welten entführen zu lassen. Ein Buch, das auf dem ersten Blick normal erscheint, bietet beim Blick durch die Brille dann völlig neue Möglichkeiten. Dinos werden lebendig, Vulkane spucken Feuer. Und immer wieder gibt es kleine Erklärvideos. Per kostenlosem WLAN loggen sich Kinder immer wieder ein.

Hörbuch-Ersatz

Der neueste Schrei sind auch die sogenannten „Tonieboxen“. Das ist eine quadratische etwa faustgroße Box mit einem Lautsprecher. Obendrauf wird eine Figur (ein „Tonie“) gestellt, dann startet eine Vorlesegeschichte. „Das ist eine Art Hörbuch-Ersatz“, erklärt Rossi. „Und sehr spielerisch zu bedienen.“ Sie sagt es und macht es vor. Sie klopft auf die Seite, es wird vorgespult. Auch kippen geht. Die Geschichten werden einfach per WLAN heruntergeladen und sind danach auch offline verfügbar. Es gibt die Sendung mit der Maus, Bibi und Tina, Wickie der kleine Wikinger. All das eben, was Kinder lieben. Seit November können sich „Tonies“ in Staßfurt ausgeliehen werden.

„Wir wollen, dass Kinder gern in die Bibliothek kommen und sich hier aufhalten. Es gibt so viele schöne Projekte und Ideen“, meint Rossi. Ihr Antrieb ist es, diese in der kleinen Bibliothek umzusetzen. „Wir sind kein Schlusslicht mehr in der Modernisierung“, sagt Susanne Sulek augenzwinkernd. Staßfurt hält jetzt mit. Und schreitet selbst voran.