Volksstimme: Welche Veränderungen bei den Abwassergebühren sind ab 1. Januar 2020 geplant?

Andreas Beyer: Im Gebiet II wird die Grundgebühr von 9 auf 13 Euro pro Monat und Wohneinheit angepasst. Die Mengengebühr, die für den konkreten Abwasserverbrauch in den Haushalten anfällt, wird von 3,31 Euro auf 2,97 Euro/m³ gesenkt. Der Verband kalkuliert die Gebühren alle drei Jahre neu. 

Wer entscheidet, wie hoch die neuen Gebühren ausfallen?

Die Bürgermeister und Vertreter der Gemeinden in der Verbandsversammlung, die die wichtigsten Entscheidungen treffen, haben sich bei einer Arbeitsberatung Ende November für diese Variante entscheiden. Ihnen wurden vier Varianten zur Auswahl gestellt, mit je unterschiedlich hohen Grundgebühren und entsprechend unterschiedlichen Mengengebühren. Endgültig beschlossen werden soll das neue Gebührenmodell in der Verbandsversammlung am 17. Dezember.

Wie werden sich die neuen Gebühren auf die Verbraucher auswirken?

Das neue Gebührenmodell war keine leichte Entscheidung. Wir haben uns für diese Variante entschieden, weil sie die sozialste ist und 84 Prozent der Haushalte dadurch im geringstmöglichen Umfang höhere Gebühren zahlen müssen. Kunden mit einem Verbrauch von 30 bis 60 m³/Jahr, statistisch gesehen ein Zwei- bis Dreipersonenhaushalt, werden in etwa gleich stark belastet. Mehr als die Hälfte der Haushalte, also jene mit einem Verbrauch ab 60 m³/Jahr, werden entlastet. Kleinstverbraucher, meist Einpersonenhaushalte mit einem Verbrauch bis zu 30 m³/Jahr, trifft die Veränderung am stärksten. Sie machen aber nur 16 Prozent der privaten Kunden aus.

Wie werden die Gebühren für das Abwasser berechnet?

Als öffentlicher Versorger sind wir verpflichtet, kostendeckend zu arbeiten. Die Vergangenheit in der Bodeniederung hat uns gezeigt, dass diese Pflicht zwingend umgesetzt werden muss. Die Grundgebühr soll die Fixkosten des Verbandes decken, die mit zirka 75 bis 80 Prozent den Großteil unserer Ausgaben ausmachen. Ab 2020 werden wir 60 Prozent der Fixkosten über die Gebühren einnehmen. Wir könnten sogar eine Grundgebühr bis zu 22 Euro verlangen. Je nach dem wie niedrig oder hoch wir die Grundgebühr festsetzen, desto höher beziehungsweise niedriger wird die Mengengebühr. Egal, welche Variante man wählt, es werden immer einzelne Typen von Verbrauchern bevorzugt oder benachteiligt. Wären wir bei neun Euro Grundgebühr geblieben, hätten wir den Großteil unserer Kunden, also Mehrpersonenhaushalte, wesentlich stärker belasten müssen.

Warum steigen die Gebühren?

Unsere Ausgaben steigen wie in allen anderen Branchen auch. Strom, Rohöl, Baukosten, Personal und die Inflationsrate sind Kostentreiber. Dazu kommt, dass die Kosten für die Klärschlammverwertung extrem, um 280 Prozent, steigen. Wir haben zwar mit Steigerungen gerechnet, aber nicht in den heutigen Dimensionen. Es wird übrigens gern vergessen, dass wir die Gebühren seit 2011 mehrfach kontinuierlich gesenkt haben. Auch die Gebühren für 2020 bis 2022 werden noch geringer sein als 2011.

Wie kann der Verband die hohen Kosten der Klärschlammentsorgung reduzieren?

Die Kosten für die Kläranlage in Hecklingen, die von der WTE Betriebsgesellschaft für uns betrieben wird, steigen für 2020 um rund 360 000 Euro. Dort wird das gesamte Abwasser aus dem Gebiet II behandelt. Bis der Betreibervertrag mit der WTE 2023 ausläuft, haben wir wenig Einsparmöglichkeiten. Ab 2024 übernehmen wir den Betrieb der Anlage und das Kanalnetz. Wir prüfen zurzeit, ob wir dann den Klärschlamm aus Hecklingen im neuen, gemeinsam Klärschlammzentrum bei Hohenerxleben mit verwerten. Dort könnten ab 2025 durch neue Techniken Entsorgungskosten eingespart und sogar Energie gewonnen werden.

Wie hat sich der Verbrauch der Kunden entwickelt?

Obwohl sich die Einwohnerzahl immer weiter reduziert – 23 549 sind es 2019 im Gebiet – verbrauchen die einzelnen Haushalte seit 2011 zirka 13 Prozent mehr.

Was unternimmt oder hat der Verband unternommen, um Kosten zu sparen?

Wir werden zum Ende des Betreibervertrages im Jahr 2023 seit 2013 rund 18,3 Millionen Euro Verbindlichkeiten abgetragen haben, die aus dem Bau der Kläranlage in Hecklingen und dem Kanalnetz resultieren. Das haben wir unter anderem durch eine Sondertilgung in 2013 geschafft. Davon und auch von niedrigeren Zinsen seit 2014 und wohl auch ab 2024 werden die Kunden erheblich profitieren. Wir haben durch die Umsetzung eines Personalentwicklungskonzeptes die Anzahl der Mitarbeiter reduziert, von 64 in 2016 auf 61 in 2020, was angesichts der Zunahme von Aufgaben und gesetzlichen Vorgaben nicht einfach war. Außerdem wollen wir Synergieeffekte schaffen, indem die Gebiete I und II in Zukunft noch enger zusammenarbeiten und Ressourcen gemeinsam nutzen. Die Zweckverbände im Land Sachsen-Anhalt fordern allerdings auch seit 2017 Gesetzesänderungen ein, um deren Unterfinanzierung zu vermeiden. Aber das findet beim Innenministerium bisher kein Gehör.

Wann ist das Gebiet I an der Reihe?

In einem Jahr werden die Abwasser- und die Trinkwassergebühren dort für 2021 bis 2023 neu festgelegt.