Staßfurt/Schönebeck l Das Terminchaos ist noch nicht beseitigt. Immer wieder erreichen die Redaktion Anrufe. Vor allem ältere Menschen fragen sich, warum sie keinen Termin zum Impfen gegen das Coronavirus bekommen. Die Impfbereitschaft scheint gerade in der Altersgruppe der über 80-Jährigen groß zu sein. Derzeit gibt es ja nicht genug Impfstoff. Sollte dieser wieder genügend vorrätig sein, stellt sich auch die grundsätzliche Frage, wo geimpft werden soll. Derzeit geht das nur in den installierten Impfzentren – im Salzlandkreis ist es in Staßfurt – und über die Impf-Teams, die mobil derzeit vor allem in den Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden.

In Zukunft soll es auch andere Wege geben. „Der Salzlandkreis setzt dabei auf ein 3-Säulen-Modell. Neben den bereits seit Ende Dezember im Einsatz befindlichen mobilen Impfteams und dem Impfzentrum sollten nach der Überzeugung des Landrats die Hausärzte in die Impfkampagne einbezogen werden“, teilt der Salzlandkreis mit. Erste Gespräche seien bereits geführt worden. „Wir haben engagierte Hausärzte. Die Bereitschaft ist vorhanden“, sagt der Landrat Markus Bauer.

Anfragen von der Kassenärztlichen Vereinigung

Wie stehen die Hausärzte dazu? Generell herrscht große Bereitschaft im Salzlandkreis, dabei zu helfen, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Dr. Ute Heubert aus Löderburg zum Beispiel ist schon im Einsatz. „Ich bin als Impfarzt in Heimen bereits dabei“, sagt sie. So habe sie zum Beispiel beim Altenpflegeheim Otto-Geiss-Haus von der Stiftung Staßfurter Waisenhaus Bewohner geimpft. „Es gab keine großartigen Nebenwirkungen“, sagt sie.

Auch in ihrer Praxis würde sie impfen, wenn es denn umsetzbar ist. „Wir impfen sowieso viel“, sagt Heubert. „Ich finde die Idee gut. Das Impfzentrum allein wird das auch gar nicht schaffen, alle zu impfen.“ Sie berät schon jetzt viel und erklärt. Eine Anfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) habe es bereits gegeben, ob sie sich beteiligen würde. „Viele Ältere wollen sich impfen lassen, jüngere sind noch vorsichtig.“ Heubert gibt aber zu bedenken, dass der Aufwand groß wäre. „Der Platz in der Praxis ist knapp. Es ist ein logistisches und zeitliches Problem.“

In Schönebeck ist Dr. Axel Hübner angetan. „Ich bin ein großer Impffreund“, sagt er. Auch er habe eine Anfrage von der KVSA bekommen. Er wäre grundsätzlich bereit, gegen das Coronavirus zu impfen. „Viele ältere Patienten fragen nach Terminen und wissen zum Beispiel nicht, wie sie zum Impfzentrum nach Staßfurt kommen sollen.“

Unter den Älteren wäre die Impfbereitschaft auch groß. „Allerdings habe ich nur drei Schwestern und der normale Betrieb muss fortgesetzt werden. Ich kann nicht große Massen impfen. Zudem kann ich den Impfstoff auch nicht bei -70 Grad lagern. Es gibt große organisatorische Fragen“, so Hübner. Trotzdem rät er ausdrücklich zum Impfen. „Die Grippesaison läuft im Februar an. Wenn man Grippe und Covid-19 bekommt, kann das zu einem gesundheitlichen Problem werden“, sagt er.

Vertrauensverhältnis zum Hausarzt

Für Landrat Bauer gibt es einige gute Gründe für eine strategische Ausweitung beim Impfen. „Die Hausärzte kennen ihre Patienten am besten. Dieses Vertrauensverhältnis ist gerade bei einem neuen Impfstoff von großer Bedeutung“, sagte er. Daneben müsse man auch die Ressourcen im Impfzentrum in Staßfurt im Blick behalten.

Bereits im November hat die KVSA alle ambulant tätigen Ärzte und bereits im Ruhestand befindlichen Ärzte angeschrieben und um Unterstützung bei der Durchführung von Impfungen in Pflegeheimen und Impfzentren gebeten. „Für den Salzlandkreis haben 85 tätige Ärzte und 13 Ärzte im Ruhestand ihre Bereitschaft erklärt, sich an den Impfungen zu beteiligen“, teilt KVSA-Pressesprecher Bernd Franke mit.

Dabei waren bisher 25 ambulant tätige Ärzte im Einsatz. Zum jetzigen Stand haben bereits 35 Ärzte Dienste im Impfzentrum in Staßfurt übernommen, teilt Franke weiter mit. „Die Anzahl der Ärzte wird sich sicherlich in Zukunft erhöhen, je weiter die Planung fortschreitet. Derzeit arbeiten jeweils zwei Ärzte parallel im Impfzentrum.“ Die KVSA koordiniert die Einsätze der Ärzte bei den Impfungen in den Pflegeheimen und den Impfzen-tren in enger Abstimmung mit dem jeweiligen Landkreis.

Dr. Hans-Jürgen Groh praktiziert in Atzendorf seit über 56 Jahren. In dem kleinen Ort ist der 84-Jährige die gute Seele. Corona? „Es gibt hier nicht viele Nachfragen“, sagt er. Generell hält er es so: „Grundsätzliche sind Impfungen richtig und wichtig. Ich impfe selbst seit fast 60 Jahren.“ Aber es gibt ein Aber. „Ich halte mich aktuell zurück. Mir fehlen noch wissenschaftliche Informationen bei der Wirkung. Mir ist da die Faktenlage noch zu dünn.“ Und außerdem: „Ich habe nur zwei Angestellte. Logistisch ist das nicht umsetzbar für mich.“

Keine Impfung bei niedrigen Infektionszahlen?

Diplom-Mediziner Simon Feldbach aus Schönebeck ist uneingeschränkt für das Impfen beim Hausarzt. „Ich begrüße das sehr“, sagt der Hausarzt. „Wir könnten das auch stemmen in der Praxis. Ich habe qualifizierte Schwestern und Räumlichkeiten.“ Er regt an, das Impfen mit Besuchen in Pflegeeinrichtungen zu verbinden. „Ich habe oft Patientenbesuche in Altersheimen. Da habe ich in der Grippesaison auch immer den Impfstoff dabei. So könnte man es auch beim Coronavirus machen. Dann wäre es nur ein Besuch.“

Feldbach berichtet, dass die Impfbereitschaft unter seinen Patienten nicht so ausgeprägt ist. „Ich schätze, dass 30 bis 40 Prozent der Älteren unentschlossen sind“, sagt er. „Das könnte sich aber ändern, wenn das Impfen beim Hausarzt möglich ist. Viele Patienten schrecken auch vor dem bürokratischen Monster in Staßfurt zurück. Vor Ort in der Praxis würden sich viel mehr impfen lassen.“ Weil Patienten ihrem Hausarzt eben vertrauen.

Etwas differenziert betrachtet es Diplom-Medizinerin Elke Seidenberg aus Hecklingen. Die Hausärztin hat bisher keine Anfrage von der KVSA bekommen. Ob sie zum Impfen rät? „Das ist die individuelle Entscheidung jedes Einzelnen. Wer geimpft werden möchte, den würde ich impfen“, sagt sie. Eine absolute Notwendigkeit sieht sie nicht aufgrund der sehr geringen Infektionszahlen in Hecklingen. „In meiner Praxis gab es bisher kaum Infizierte und schwere Krankheitsverläufe“, sagt Seidenberg. „Das ist aber natürlich allein meine Erfahrung. Ich spreche nur für meine Praxis.“

Im Moment stelle sich zudem die Frage gar nicht, ob sie impfen sollte, weil es keinen Impfstoff vorrätig gibt. „Bei -70 Grad kann ich den Impfstoff auch nicht kühlen. Grundsätzlich kommt es auf die Menge der Patienten an, die geimpft werden wollen.“