Rathmannsdorf l „Finja, was hast du geschrieben?“ – „Mika, lies bitte vor!“ Wer die Augen schließt, wähnt sich im ganz normalen Unterricht. Alec meldet sich mit Namen und liest: „Die Amsel legt kleine Eier ins Nest.“

Ja, anfangs gab‘s schon einige Vorbehalte, räumt Ute Ellert ein. Doch wie der Unterricht seit Dienstag „über den Äther“ funktioniert, begeistert mittlerweile alle Eltern. Selbst Außenstehende, die mit moderner Medientechnik noch etwas fremdeln, sind fasziniert. Und nicht zuletzt natürlich die Erstklässler sind voll und ganz bei der Sache – von Anfang an.

Täglich eine Stunde

Dieser Eindruck ist jedenfalls beim Besuch im Klassenzimmer-(Studio) zu gewinnen. Die Lehrerin steht quasi nach wie vor direkt vor den Kindern. Genauer: vor einer Webcam, und sie tut nichts anderes, als säßen die Schüler leibhaftig vor ihr im Raum. Täglich von 9 bis 11.30 Uhr: eine Stunde Deutsch/Sachkunde, eine Stunde Mathe. Mit Pausen versteht sich.

Zum Schluss gibt‘s noch Hausaufgaben per Mail an die Eltern.

Während die Lehrerin nur sieht und hört, ob die Kinder das Mikro an ihren Computern oder Laptops eingeschaltet haben, können diese ihre Frau Ellert auch sehen.

Strukturiert lernen

„Damit können wir weiter strukturiert lernen. Nach Mittagessen und Freizeit sind am Nachmittag Hausaufgaben zu erledigen“, ist die Schulleiterin heilfroh über diese Möglichkeit. „So versuchen wir, uns rüberzuretten und damit die Lerninhalte weiter ordentlich zu vermitteln.“

In der ersten Woche der Schulschließung hatte Ute Ellert ganz große Hilfe beim „Zusammenbasteln“ der Technik – durch ihre Tochter Josephine und deren Freund. Hochachtung auch deshalb, weil sie sich gerade auf ihr Abitur vorbereiten, auch wenn die Prüfungstermine verschoben wurden. Am Wochenende erfolgte der Probelauf, nachdem sich die Eltern am häuslichen Ende der Verbindungen mit ihrer Technik „eingestöpselt“ hatten.

Dass die Technik und vor allem die Übertragungswege das alles hergeben, da wundern sich alle Beteiligten selbst. Auch wenn bei Verbindungen nach Hohenerxleben haken manchmal die Bilder und man meinen könnte, Lehrerin und Schüler würden jeweils aus dem Weltraum miteinander kommunizieren. Dabei sind sie lediglich vier Kilometer voneinander entfernt...

Eine Chance

Bei allen Herausforderungen, die gemeistert werden müssen, sieht Ute Ellert auch einige positive Seiten: „Wir werden dadurch quasi gezwungen, uns auf die Digitalisierung einzustellen. Das sehe ich als Chance.“ Zudem versuche man, die Kinder zu einer hohen Selbstkompetenz an der modernen Technik zu bringen. Nicht zuletzt, damit sich die Eltern während der Unterrichtszeit zu Hause auch mal um Geschwisterkinder kümmern können, falls vorhanden.

„Kinder ,fuchsen sich‘ jedenfalls viel schneller rein“, stellt die Lehrerin fest und nehmen dabei ganz sicher auch hier und da Mama oder Papa mit. Die finden den Unterricht per Skype „eine Supersache“, wie zum Beispiel Stefanie Klein bestätigt. Das vielfache Echo via Skype erzeugt einen ähnlich lautenden Tenor. Und die Abc-Schützen muss man eigentlich gar nicht fragen, wie ihnen diese Art Unterricht gefällt. „Ich finde das toll über den Computer“, meldet sich Eric und alle fallen ein in den Chor: „Toll!!!“.

Lediglich ein Kind der Klasse kämpft noch etwas mit seiner besonderen Situation. Nina war am Dienstag die einzige Schülerin, die von ihrer Lehrerin persönlich betreut wurde. Das Mädchen würde natürlich liebend gern wieder „ganz richtig“ und bald mit ihren Klassenkameraden zusammen in einem Zimmer lernen.

Nicht sorgenfrei

Ab Donnerstag teilt sie aber ihr „Schicksal“ mit zwei weiteren Kindern, deren Eltern das Notbetreuungs-Angebot vor Ort in Anspruch nehmen dürfen.

Als „äußerst lobenswert“ weiß unterdessen der Geschäftsführer des Trägervereins BBRZ e.V. das persönliche Engagement der Lehrer zu schätzen. Sorgenfrei ist Michael Kogel dennoch nicht. Ganz im Gegenteil, wenn er auf die allgemeinen Finanzzuweisungen für freie Schulen durch das Land blickt.

Das beginnt schon bei der Unterstützung technischer Anschaffungen im Rahmen des Digitalpakts. Denn in den ersten drei Jahren ihres Bestehens hat die Rathmannsdorfer Schule auch darauf keinen Anspruch (siehe unten).

Die Gerätschaften, die den Unterricht hier derzeit am Laufen halten, stellt überwiegend Ute Ellerts Familie zur Verfügung...