Staßfurt l Die Zeit der Wende – oder anders gesagt der Mauerfall vor 30 Jahren – ist Dreh- und Angelpunkt an diesem Abend im historischen Kellergewölbe.

Jens Schöne (49) liest etwas widerwillig aus seinem Werk „Die DDR – eine Geschichte des Arbeiter- und Bauernstaates“. Von bekannten Eckdaten wie dem „Revolutionsbeginn“ (Wahlfälschungen vom 7. Mai 1989), von „Gänsehaut-Zitaten“ Genschers (in der Prager Botschaft) und Günter Schabowskis (zum Start der Reisefreiheit in einer live übertragenen Pressekonferenz am 9. November).

Nicht Stasi-unterwandert

Schöne hat aber auch Episoden bei der Hand, die die offizielle Geschichtsschreibung nicht kennt. Er berichtet von einer resoluten Ärztin, die den Grenzübergang Marienborn passiert, bevor sich die angeblich erste Schranke in der Bornholmer Straße in Berlin öffnet.

Der Mitarbeiter der Humboldt-Uni Berlin doziert lieber, möchte schnell mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Was funktioniert. „Das war nicht viel Unbekanntes“, bemerkt Peter Beyer spitz, „aber gut, daran zu erinnern.“ Er sei jedenfalls nicht gleich begeistert gewesen über die Grenzöffnung. Auch in der Ungewissheit, was da jetzt Neues komme.

Jens Schöne fängt den Ball auf: „Als Berufshistoriker kann ich sagen, wir wissen nicht alles. Erstaunlich – 100.000 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi wissen im Sommer 1989, dass es 600 Staatsfeinde gibt. Warum hat man die nicht weggefangen?“ Ein anderer Zuhörer meint: „Dieses System ist doch bestimmt noch nicht 100-prozentig abgeschlossen!?“ Schöne entgegnet, dass bei Prozessen immer mal noch was hochkomme mit SED-Geldern zum Beispiel. „Ich glaube aber nicht, dass unsere Gesellschaft Stasi-unterwandert ist, was Demokratie-gefährdend wäre.“

Nicht alles richtig gemacht

Treuhand und Arbeitslosigkeit kommen in persönlichen Erinnerungen weiterer Besucher auf. „Die Treuhand hat nicht alles richtig gemacht“, sagt der Historiker. „Koreaner kommen auch zu uns und fragen wie es bei uns war, damit sie vorbereitet sind, wenn es dort mal so kommt wie bei uns.“ „Viel Industrie ist kaputt gegangen“, erklärt ein Zuhörer, viel sei man aber auch selbst Schuld gewesen. Eine ältere Dame ergänzt: „Gefreut haben wir uns alle, als die Grenze offen war, aber dann wurden wir auch überrumpelt.“ Jens Schöne gibt ihnen Recht: „Es war nicht alles eine Erfolgsgeschichte. Es ging auch um Märkte und Gewinne.“ Ob Kohl naiv war oder ein Machtspiel getrieben habe mit seiner Aus- sicht auf bald „blühende Landschaften“...? Peter Beyer erinnert sich an Dispute mit Kollegen mit „unzerbrüchlichem Klassenstandpunkt“, der plötzlich nichts mehr Wert war.

Der Gast kommt nach einer guten Stunde zum Schluss: „Die DDR war eine klassische Diktatur.“ Ihr fehlte Pressefreiheit und dergleichen. „Diktatur des Proletariats“ habe man doch gelernt. „Das war aber nicht alles.“ Er müsse heute oft noch erklären: „Es war nicht alles grau. Es gingen nicht alle gebückt. Und es stand auch nicht hinter jedem Baum ein ,Stasi‘.“ Er sei froh, „dass wir zu einer Versachlichung kommen“. Auch, weil eine neue Generation nachwachse. „Wir sollten endlich mehr miteinander reden“, zitiert Schöne seine Frau – die im übrigen aus Frankfurt/Main stammt – das helfe.

„Das Thema DDR interessiert noch immer, erlebe ich gerade jetzt,“ stellt der Historiker fest, „Wir müssen nur die richtigen Wege finden.“

Und gerade über die Geschichte des ländlichen Raums – was angekündigt war und nun doch noch zur Sprache kommt – sei in den letzten Jahren der DDR nicht viel geschrieben worden. Über die 1980-er Jahre gebe es so gut wie kein Buch dazu. Nur Berlin, Dresden und Leipzig hätten eine Rolle gespielt. „Das hat die DDR schon nicht geschafft. Aber New York ist auch nicht die USA“, vergleicht Jens Schöne und bestärkt jeden, „seine Erinnerungen aus dieser Zeit aufzuschreiben“. Auch Literatur über „die Transformationsphase der Landwirtschaftsbetriebe“ fehle, aber vielleicht nicht mehr lange.