Staßfurt l Die Wichtigkeit eines Anliegens bei Pressekonferenzen wird gemessen an der Anzahl der Vertreter, die sich der Öffentlichkeit stellen. Nun ist der Salzlandkreis keine pulsierende Region, in der so etwas wöchentlich nötig wäre. Vieles wird auf kurzem meist digitalen Wege geregelt.

Es war also bemerkenswert, dass der Salzlandkreis am Montagnachmittag in Staßfurt zu einem Termin eingeladen hatte, bei dem den Pressevertretern gleich fünf Vertreter gegenübersaßen, die sich zu einem neuen Modellprojekt des Kreises äußern wollten.

„Der Türöffner zur digitalen Welt. Landrat treibt Modernisierung der Region weiter voran“, heißt es. Seit anderthalb Jahren bastelt der Kreis in seinen Bürostuben an einer Idee, die nun spruchreif ist und am 16. Oktober auch dem Kreistag vorgestellt wird. „Salzlandkarte“, heißt das Plastikkärtchen, das wie eine normale Bankkarte aussieht, einen auslesbaren Chip hat und mit Namen versehen ist.

Ticket für den Bus zur Schule

Die Idee: Eine Karte auf den Markt bringen, in der in naher Zukunft bargeldloses und kontaktloses Bezahlen in allen möglichen Einrichtungen und Läden möglich ist. Dafür gibt es bereits zwei Partner. Die technologischen Voraussetzungen hat das Kreditkarten-Unternehmen Mastercard bereitgestellt. Die Salzlandsparkasse will die Technologie nutzen, damit ihre Kunden einen einfacheren Zugang zu öffentlichen Angeboten haben. Verantwortlicher Projektkoordinator beim Kreis ist Dirk Helbig.

Das ist alles groß gedacht. Und weil auch Rom nicht an einem Tag erbaut wurde, fängt der Kreis im Kleinen an. Mit einem allerersten Schritt. „Wir sehen den Weg bis dahin als Treppe“, sagt Landrat Markus Bauer (SPD). Nun wird der metaphorische Fuß auf die erste Stufe gesetzt.

Wo gibt es Probleme? Wo kann eine solche Karte zügig helfen? Welche Personengruppe könnte schnell profitieren und ist zugänglich? Hier kommen die über 6150 Schüler ins Spiel, die täglich mit dem Bus zur Schule fahren. Die „Salzlandkarte“ soll hier den bisher üblichen Schülerfahrausweis ersetzen. Möglich sein soll auch das Aufladen der Karte mit Geld, damit die Kinder in ihrer Freizeit oder in der Kantine mit der Karte bezahlen können.

Ab dem zweiten Schuljahr 2020/2021 soll das Pilotprojekt an drei Schulen im Kreis starten. Diese stehen noch nicht fest. Es werden aber drei Schulen aus drei unterschiedlichen Regionen sein. „Wir wollen uns trauen, Vorreiter zu sein“, sagt Bauer. „Innovation hat keine Grenze.“ Deutschlandweit sei das Projekt einmalig. Vorbild ist die tschechische Stadt Kolín östlich von Prag. Dort funktioniert diese Karte.

Warum sich die Salzland-sparkasse beteiligt? Deren Vorstandsvorsitzender Hans-Michael Strube erklärt: „Unser Ziel ist es, irgendwann eine Sparkassenkarte für alles zu haben. Eine Karte, mit der man zum Beispiel nicht nur im Bus, sondern auch in der Bücherei, im Schwimmbad oder im Museum kontaktlos bezahlen kann. Die Logistik ist schon da. Wir wollen attraktiv für junge Menschen sein.“

Bürokratieabbau

Das bestätigt Bauer. „Wir wollen die junge Generation einbinden, den ländlichen Raum greifbarer machen. Das richtet sich aber natürlich an alle Generationen.“ Junge Salzländer aber – so die Idee – lassen sich schneller für solche Innovationen begeistern. Beim öffentlichen Personennahverkehr wird der Hebel in einem ersten Schritt angesetzt, weil da Prozesse schnell verschlankt und Bürokratie abgebaut werden können. „Bisher ist es so, dass jedes Jahr ein neuer Antrag für einen Schülerfahrausweis gestellt werden muss“, sagt Janko Wilke, Geschäftsführer der Kreisverkehrsgesellschaft Salzland (KVG). Bei einem Umzug wäre eine neue Karte nötig. Genauso wie bei einem Wechsel der Schulform. Das fällt bei der „Salzlandkarte“ weg.

„Wir wollen auch Prozesse verschlanken“, sagt Bauer. Personalkosten sollen in der Verwaltung gespart werden. Noch muss der Salzlandkreis aber zweigleisig fahren. „Salzlandkarte“ und Fahrausweise werden eine Zeit lang parallel existieren. Das eine soll das andere aber Stück für Stück ersetzen. Was der Umgestaltungsprozess kostet? Das ist noch unklar. Viele Prozesse müssten angeschoben, neue Technik angeschafft, Busse umgerüstet werden.

„Das kontaktlose Bezahlen ist aber die Grundlage für mehr“, erklärt Sascha Seide von Mastercard. „Mit kleinen Projekten wollen wir eine Verhaltensänderung bei Jugendlichen und Kindern bewirken.“ Denkbar ist, dass auch mehr Banken als Partner einsteigen und die „Salzlandkarte“ als übergreifendes Bezahlmedium genutzt werden kann.

Auf der anderen Seite forciert die Salzlandsparkasse, die nach eigenen Angaben eine Marktdurchdringung von über 80 Prozent im Salzlandkreis hat, die Digitalisierung. „Wir beraten 8500 Unternehmer und Händler im Kreis“, so Strube. Auch diese sind potenzielle Kunden für die „Salzlandkarte“. Hier geht es um Überzeugungsarbeit.

Landrat Bauer denkt bei der „Salzlandkarte“ in einem nächsten Schritt auch an Synergieeffekte für Eltern. „Vielleicht können Eltern bei der Datenschutzerklärung einen Haken setzen, um dann mit der Karte sehen zu können, ob ihr Kind in der Schule angekommen ist“, sagt er. Vieles ist denkbar.