Staßfurt l Wenn Kathrin Hartmann ins Internet will, darf sie ihren Stick nicht vergessen. Denn in ihrem Büro im Neundorfer Ausweichquartier der Ludwig-Uhland-Schule aus Staßfurt hat die Schulleiterin der Grundschule keinen PC und auch kein Internet. Sie sitzt dann dort mit einem Laptop und muss den Internet-Stick einstecken, dann erst eröffnet sich ihr der Weg in die große weite Welt. Nebenan sitzt die Sekretärin am einzigen Computer im Haus mit Internet-Zugang. An manchen Tagen hakt es, dann kommt auch sie nicht ins Internet. Freilich: Die Situation ist außergewöhnlich. Die Unterkunft ist eine Zwischenlösung, bevor die Schule hoffentlich bald in ihr schmuck saniertes Gebäude in Staßfurt-Leopoldshall zurückziehen darf.

Und doch zeigt es sinnbildlich: Digitalisierung ist an den öffentlichen Grundschulen in Staßfurt auch in 2021 ein Fremdwort. Das macht auch das Homeschooling in Corona-Zeiten zum noch größeren Kraftakt. „Die Lehrer organisieren das Homeschooling von zu Hause aus, weil wir im Gebäude keine Möglichkeiten haben“, sagt Schulleiterin Hartmann von der Uhland-Schule. In Leopoldshall hatte die Schule ein Computer-Kabinett mit acht Arbeitsplätzen. Nach dem Umbau sollen dann dort auch modernere Bedingungen vorherrschen.

Dafür sorgt auch der Digitalpakt, von dem alle Grundschulen profitieren werden. Dieser wurde 2018 ins Leben gerufen. Fünf Milliarden Euro stehen dabei bundesweit zur Verfügung. In Staßfurt werden die Planungen dafür jetzt konkreter. Für jede Grundschule wurde ein technisch-pädagogisches Einsatzkonzept erarbeitet. Diese geben Auskunft darüber, wie die Ausstattung mit digitalen Medien und Werkzeugen bisher ist. Dazu gab es im Juni 2020 auch Vorort-Begehungen an den Schulen. Wie viele WLAN-Zugänge braucht es, wie viele digitale Tafeln, Beamer, PCs und Tablets?

Zusammen mit einer Magdeburger Firma ermittelte die Stadt Staßfurt den konkreten Bedarf an den Grundschulen. Auf dieser Grundlage werden die Anträge für Zuwendungen aus dem Digitalpakt erarbeitet. Das Fördervolumen für Staßfurt beträgt 355.032 Euro. Das sind 90 Prozent der Investitionssumme. Dazu kommt ein Eigenanteil der Stadt von 39.448 Euro. Insgesamt handelt es sich also um eine Gesamtinvestition von fast 400 000 Euro. Ganz genau sind es 394.480 Euro. Die Förderanträge müssen bis zum 30. Juni abgegeben werden, die Förderung läuft bis Ende Dezember 2024.

Bedarf an Tablets für alle Schüler

Zeit wird’s mit der Ausstattung der Grundschulen. Denn auch in der Grundschule Löderburg muss Schulleiterin Andrea Haberzettl kurz bei der Frage lachen, wie weit die Digitalisierung in der kleinen Schule vorangeschritten ist. „Wir haben bereits gute Leitungen, die von der GlasCom gelegt worden“, sagt sie. „Das WLAN ist aber nur im Lehrerzimmer freigeschaltet, nicht in den Klassenräumen.“ Weil es eben bisher keine Endgeräte gibt, mit denen die Klassen arbeiten könnten.

In der Grundschule Nord ist der Arbeitsalltag nicht nur wegen Corona angespannt. Es wird gehämmert und gebohrt. Der Trennschleifer sorgt für hohe Dezibel-Zahlen. Das Schulzentrum Nord wird ja gerade grundsätzlich saniert, dazu gehört auch die Grundschule. „Wir sind mitten in einer Baustelle“, sagt Schulleiter Ingo Kurze. Was er sagen will: Es gibt gerade andere Probleme. Vorher aber: „Hatten wir nicht mal technische Voraussetzungen wie Glasfaserkabel. Wir brauchen von Digitalisierung gar nicht zu reden“, so Kurze.

Bedarf nach Tablets und anderen Endgeräten haben natürlich alle Grundschulen angemeldet. In der Uhland-Schule wünscht sich Schulleiterin Hartmann Tablets für jede Klassenstufe. 240 Kinder besuchen die größte Grundschule Staßfurts. Die Tendenz der Schülerzahlen ist sogar steigend. Pro Klasse 20 bis 25 Tablets wären ideal.

Andrea Haberzettl in Löderburg wäre zufrieden mit einem Klassensatz von 20 bis 25 Tablets. Das würde in der kleinsten Grundschule schon reichen, um ein Drittel der kleinen Wissensdurstigen digital zu verbinden.

In der Grundschule Nord sagt Schulleiter Kurze: „Wir haben unsere Pamphlets fertig. Wir haben Tablets für alle beantragt, dazu zwei Whiteboards, die auf einem Wagen von Raum zu Raum gehen könnten.“ Die Whiteboards dienen dazu, die digitalen Anwendungen an die Wand werfen zu können. Im Idealfall hat jeder Schüler ein Tablet vor sich. „Gerade in den dritten und vierten Klassen wäre das wichtig. Leider haben wir in Deutschland den Anschluss bei der Digitalisierung verpasst“, sagt Kurze. 85 Schüler besuchen die Grundschule Nord.

Auslieferung von iPads soll bald erfolgen

Gerade in Corona-Zeiten braucht es aber Soforthilfe. Die Warterei auf den Digitalpakt ist zu lang. Daher profitieren die Staßfurter Grundschulen auch vom Sofortprogramm des Bundes zur Verbesserung der schulischen Ausstattung mit mobilen Endgeräten. Hier stehen 500 Millionen Euro zur Verfügung. Auf Sachsen-Anhalt entfallen 13,7 Millionen Euro. Für die Grundschulen der Stadt Staßfurt stehen 38 857 Euro zur Verfügung. Damit soll in den Schulen möglichst vielen Schülern bis zur Wiederaufnahme des Regelschulbetriebs der digitale Unterricht zu Hause ermöglicht werden.

„Die Stadt Staßfurt hat sich für die vom Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt vorgeschlagene Variante 1: Beschaffung der mobilen Endgeräte durch die jeweiligen Schul- träger und deren Vertragspartner entschieden“, teilte Staßfurts Oberbürgermeister Sven Wagner (SPD) kurz vor Weihnachten mit. Es wurden über die Technischen Werke Staßfurt 65 iPads bestellt, die Ende Dezember ankamen. „Sie befinden sich gegenwärtig bei den Technischen Werken. Die Mitarbeiter dort müssen auf den Endgeräten noch notwendige Anwendungen aufspielen, damit sie an den Schulen zum Einsatz kommen können. Diese Arbeiten werden nun zügig erledigt, damit die Auslieferung an die Grundschulen erfolgen kann“, teilt die Stadt Staßfurt mit.

Kritik an fehlendem Interesse der Stadträte

Derzeit wird diskutiert, die Schulen auch über die Winterferien hinaus nur für die Notbetreuung zu öffnen. Über 30 Kinder waren vergangene Woche in der Uhland-Schule in Notbetreuung, zwölf Kinder waren es in Löderburg, vier bis fünf Kinder an der Grundschule Nord. Das stellt alle Lehrer vor große Herausforderungen.

Kathrin Hartmann zumindest fühlt sich an der Uhland-Schule mit ihren Lehrern alleingelassen. „Seit wir Außenstandort sind, werden wir stiefmütterlich behandelt“, sagt die Schulleiterin. „Es war seit dem Umzug außer Anja Schröter noch kein Stadtrat da und hat gefragt, wie es so läuft.“ Es ist das dritte Schuljahr im Exil in Neundorf. Die Kritik an den Stadträten teilt auch Schulleiter Kurze von der Grundschule Nord. „Es war seit Jahren kein Stadtrat mehr bei uns in der Schule. Es wird sich auf die Verwaltung verlassen. Das ist ein bisschen befremdlich.“