Staßfurt l Ein Junge strahlt bis über beide Ohren: Seine Eltern reden wieder miteinander! „Du hast doch bestimmt mal mit meiner Mama geredet, oder?“, sagt das Kind zu Regina Poppendicker. Solche Szenen sind für die Sozialarbeiterin und ihre Kollegen die pure Freude.

Die sogenannten flexiblen Hilfen, die das Kinder- und Jugendhilfezentrum (KJHZ) Groß Börnecke trägt, werden seit 2013 von der Zweigstelle in der Hohenerxlebener Straße in Staßfurt aus koordiniert und richten sich an Familien im gesamten Salzlandkreis. Der freie Träger der Jugendhilfe, der 2010 in Groß Börnecke ein Kinderheim aufgebaut hat, spezialisierte sich auch auf die ambulante Familienhilfe, bei der Familien in ihrem normalen Umfeld begleitet werden, um sicherzustellen, dass Kinder dort (wieder) ein kindgerechtes Leben führen können.

Heute befinden sich in der Hohenerxlebener Straße die Büros von sieben Mitarbeitern sowie ein Gruppenraum für größere Treffen. In diesem Jahr verzeichnen Regina Poppendicker und ihre Kollegen 43 Hilfefälle. In diesen Familien leben ganze 45 Kitakinder und 55 Schulkinder, sie wohnen in Staßfurt, Nienburg, Egeln, Gatersleben oder Aschersleben.

Bilder

Hintergrund der Familienhilfe: Das Jugendamt, an das sich Familien bei Problemen selbst wenden oder dem Fälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet werden, entscheidet von Fall zu Fall, wie verfahren wird. Bevor ein Kind ins Kinderheim kommt, soll immer versucht werden, Probleme noch in der Familien zu beheben.

Das Jugendamt setzt in solchen Fällen den freien Träger, hier das Kinder- und Jugendhilfezentrum ein, und vereinbart mit den Eltern eine Zielvereinbarung.

Regina Poppendicker, die wie sechs weitere Mitarbeiter in die Familien geht, beschreibt das Motto ihrer Arbeit als „individuell, flexibel und leistungsorientiert“. Beim ersten Besuch in der Familie, der nicht immer auf Jubel der Eltern trifft, werden zunächst die Probleme der Familie analysiert.

Häufige Themen sind Auseinandersetzungen in der Familie, Schulprobleme, Sitzenbleiben, Schwänzen, Verhaltensauffälligkeiten oder eine verspätete Entwicklung bei den Kindern sowie Krankheit, Sucht, Schulden oder Tod eines Elternteils.

Mit Bildern und Symbolen

Mit den Eltern und Kindern erarbeiten die Sozialarbeiter eine Art Masterplan: Was soll sich ändern und wie können wir das erreichen? Welche Hilfen kann die Familie in Anspruch nehmen - Arzt, Nachhilfe, Suchtberatung, Polizei, Tagesklinik, Behörden? Was ist noch vorhanden? Verwandte, Partner, Freunde, Schulklassen, Vereine, Erzieher in der Kita? Der Masterplan soll langfristig abgearbeitet werden, die Umsetzung wird mit den Sozialarbeitern regelmäßig besprochen.

Stärken und Schwächen werden in einer Ist-Analyse analysiert. Oft verpacken die Mitarbeiter den systemischen Therapieansatz in anschauliche Bilder: „Ein gutes Bild ist das mit dem Rucksack, damit schaffen wir oft den Zugang zu den Familien“, erklärt Regina Poppendicker. In den Rucksack, den die Familien dann tatsächlich vor Ort im Wohnzimmer zur Hand nehmen, packen sie alle Aufgaben hinein, die sie gemeinsam lösen wollen.

Ganz wichtig dabei findet Regina Poppendicker: „Die Eltern müssen offen sein und aktiv mitmachen. Denn den größten Teil des Weges müssen die Familien selbst gehen.“ Das Netzwerk aus Hilfen in ihrer Umgebung sollen die Familien nutzen lernen. Anlaufstellen wie Ärzte, Beratung oder Bezugspersonen sollen sie als Anker in Zukunft auch selbständig nutzen, ohne dass sie jemand darauf hinweisen muss. Stichwort: Hilfe zur Selbsthilfe.

Das Masterplan hat ganz konkrete Vorgaben: „Wir erarbeiten, was in vielen Familien oft fehlt, eine Tagesstruktur und basteln mit den Familien einen Wochenplan.“ Auch Tipps zur Sauberkeit, zur Ernährung oder Haushaltsführung gehören dazu.

Bei Konflikten innerhalb der Familie nutzen die Mitarbeit auch Rollenspiele: „Wenn die Mutti mal das Kind spielen soll und umgekehrt, erfährt jedes Familienmitglied, wie sich der andere in so einer Situation fühlt. So denken die Eltern auch über ihre eigene Erziehung nach.“ Kommunikation untereinander und Respekt für die Grenzen jedes Familienmitglieds sind Methoden, die hier an die Hand gegeben werden.

In den Gesprächen, die die Mitarbeiter mit den Familien führen, öffnen sich die Betroffenen mit der Zeit immer mehr, erzählt Regina Poppendicker. Auch für ganz persönliche Gespräche gibt es anschauliche Hilfsmittel, die die Sozialarbeiter nutzen. Zum Beispiel ein Gemälde von einer Insel mitten im Wasser. Wie sich die Familienmitglieder fühlen, können sie hier zeigen - entspannt in der Sonne oder von den Wellen mitgerissen? In einem „Buch der Familie“ werden Erlebnisse, Erfolge und wichtige Schritte festgehalten, Broschüren und Ratgeber werden mitgegeben.

In jeder Familie ist die Betreuungsintensität anders, ein Beispiel könnten 20 Stunden im Monat sein. Die Termine, die die Mitarbeiter mit den Familien ausmachen, müssen eingehalten werden. Bei jedem Treffen wird besprochen, was erreicht wurde, ob Aufgaben wie Arztbesuche oder Anträge erledigt wurden, wie das Klima in der Familie ist.

„Und wir wollen die Eltern auch anregen, Zeit mit ihren Kinder zu verbringen“, fügt Regina Poppendicker hinzu, die in den Ferien mit ihrem Team immer Ausflüge für alle Familien organisiert. Zudem können sie Angebote in den Räumen in der Hohenerxlebener Straße nutzen, wie den Kreativtag einmal im Monat oder das Elterncafé.

Unabhängigkeit ist Ziel

Der Auftrag vom Jugendamt, bestimmten Familien ambulant zu helfen, wird meist nach sechs Monaten verlängert, das Jugendamt entscheidet hier wieder in jedem Fall individuell. Im Durchschnitt dauert es zwei Jahre. „Ziel ist keine Dauerbetreuung, sondern die Familie soll irgendwann wieder allein ihren Alltag bewältigen können“, erklärt Regina Poppendicker.

Die ambulante Hilfe ist in manchen Fällen die letzte Chance für Eltern, das Kind nicht an ein Kinderheim „zu verlieren.“ Die Bindung zwischen Eltern und Kind soll immer solange wie möglich aufrechterhalten werden, „denn wir können uns besser entwickeln, wenn wir eine emotionale Bindung im Hintergrund haben“, so Sven Schulze, Geschäftsführer des Kinder- und Jugendhilfezentrums.

Regina Poppendicker betont, dass sich alle Familien bei Schwierigkeiten an das Jugendamt wenden können: „Wir haben alle soziale Schichten in der Betreuung. Manchmal werden völlig intakte Familien durch den Tod eines Elternteils oder eine Scheidung völlig aus der Bahn geworfen“, erklärt sie. So wie in dem Fall des Jungen, dessen Eltern am Ende doch wieder miteinander geredet haben.