Staßfurt l Simon der Busfahrer ist Kult. Wenn er aus seinem Fahrerverschlag dem wilden zehnköpfigen Menschengewusel zuwinkt, öffnen sich Gesichter. Das erste Kind lacht, das zweite und bald die ganze Gruppe. Simon der Busfahrer freut sich über den mimischen Rücklauf. Also winkt er wieder und setzt einen lustigen Spruch dazu, als er diese Gruppe wieder in seinen Bus einsteigen sieht. Und Bus gefahren sind die zehn Kinder in den vergangenen zwei Wochen in Staßfurt ziemlich oft. Da lernt man sich kennen und schätzen. Freundschaften entstehen, die Stadt wird entdeckt. Das sind nette Begleiterscheinungen des Ferienprojekts, das gerade in Staßfurt stattfindet.

Zehn Kinder von sieben bis 16 Jahren, die aus Staßfurt, Neundorf oder Groß Börnecke kommen, treffen sich gerade jeden Tag um 9 Uhr im Staßfurter Kinder- und Jugendzentrum. Gemeinsam mit der Stadt Staßfurt führt die Kreisvolkshochschule in der Bodestadt die Ferienbildungsmaßnahme „talentCAMPus“ durch. Was das bedeutet? „Für Kinder interessante Orte, Spielplätze und andere Kinder- und Jugendtreffpunkte werden fortan unter ihre Lupe genommen und bewertet“, teilt Marianne Bothe vom Salzlandkreis mit. „Was ist an diesem Ort besonders schön, was stört und was fehlt? Die Ferienkinder schreiben alles auf am PC, fotografieren und zeichnen. In ihrem temporären Forscherbüro im Kinder- und Jugendzentrum Nord in Staßfurt werden die Ergebnisse auf eine besondere Stadtkarte übertragen.“

„Von Kids für Kids“, ist dabei das Motto. Lars Buchmann und Silke Walkstein, freie Dozenten bei der Kreisvolkshochschule, sind dabei die Helfer, die die Kinder zwei Wochen lang an die Hand nehmen. „Dabei geht es darum, die Kinder an kulturelle Bereiche der Stadt heranzuführen“, erklärt Kursleiter Lars Buchmann. Angemeldet haben sich die Kinder mit ihren Eltern selbst. Sie werden verpflegt, bekommen kostenlosen Eintritt bei Besuchen im Tiergarten oder Museen und sorgen gleichzeitig für hoffentlich nachhaltige Ideen, wie die Attraktivität der Stadt Staßfurt gesteigert werden kann. Die zahlreichen Fliegen, die da mit einer Klappe geschlagen werden, sind fast nicht zu zählen.

Bilder

Bewertung in drei Kategorien

Den Kindern ist zudem in den Ferien nicht langweilig. „Sie entwickeln auch Sozialkompetenz“, erklärt Buchmann. „Es geht auch darum, dass die Stimmen der Kinder wahrgenommen werden. Dass sie sich einbringen und sagen, was sie interessiert“, ergänzt Silke Walkstein, ebenfalls Kursleiterin. Eigenverantwortung wird gelehrt aber auch Eigeninitiative. Seit 2013 führt die Kreisvolkshochschule Salzlandkreis die Ferienbildungsmaßnahme talentCAMPus durch. Bisher konnte an allen Standorten der Kreisvolkshochschule im Salzlandkreis das Projekt angeboten werden. In Staßfurt waren sie zuletzt 2017. Besonders die Spielplätze in Staßfurt stehen im Fokus. Fast 50 Stück gibt es in der Kernstadt und ihren 14 Ortsteilen. Besonders die Spielplätze in der Kernstadt haben die Kinder untersucht. Die Anreise erfolgte dabei immer per Bus. Bei den sogenannten Forscheraufträgen bewerten die Kinder die Spielplätze in drei Kategorien.

Ins Spiel kommt dabei ein fast vergessenes virtuelles Schäfchen: Das Kalinchen – einst inoffizielles Maskottchen und Identifikationsfigur der Stadt Staßfurt – stand Pate, um den Kindern die Bewertung zu erleichtern. Ein grünes Kalinchen auf dem Fragebogen heißt: Alles super! Ein blaues Kalinchen steht für: Passt schon. Ein schwarzes Kalinchen heißt hingegen: Total kinderunfreundlich, dieser Spielplatz. Noch läuft die Bewertung und Auswertung. Was Silke Walkstein aber schon jetzt verrät: „Ein grünes Kalinchen hatten wir bisher noch nicht.“ Rutschen werden getestet, Bänke untersucht, Wasserversorgung und Versteckmöglichkeiten getestet.

Festgehalten wird das jeden Tag von einem neuen Kamerakind, das mit der Digicam ganz nah drauf hält. „Es gibt einige Schmierereien“, stellt Walkstein fest. „Manchmal auch Zigaretten, die wir finden.“ Aber auch, ob der Spielplatz generell anziehend wirkt, wird überprüft. „Es ist ein Check, ob das Freizeitprogramm der Stadt Staßfurt umfassend ist und ein ehrliches Feedback“, erklärt Lars Buchmann.

Präsentation für die Eltern

Interessant für Kinder sind dabei nicht nur die Spielplätze. Generell dient das Projekt auch dazu, die Kinder ihre Stadt Staßfurt entdecken zu lassen. So gab es bereits eine altersgerechte Stadtführung durch die altehrwürdigen Festungsanlagen in der Innenstadt, der Tiergarten wurde freilich besucht. Erzählenswert für das Tischgespräch mit den Eltern beim Abendbrot ist für die Kinder sicher auch der Besuch der Staßfurter Straßenbahn gewesen. Eigentlich wollten die Kursleiter die Bahn mit den Kindern nur von außen erkundschaften. Weil der Geschichtsverein, der die Straßenbahn pflegt und vermarktet, aber gerade vor Ort war, durften die Kinder sogar in die Straßenbahn hinein. „Das war natürlich ein Erlebnis. Die Kinder durften sich ins Führerhaus setzen und sich wie ein Straßenbahnfahrer fühlen“, erzählt Buchmann.

Dazu gab es Besuche in der Stadtbibliothek, bei der Skaterbahn in der Lehrter Straße, bei Salzland Druck (hier wird die Karte der Kinder gedruckt) oder im Stadt- und Bergbaumuseum. Hier ließen sich die Kinder gestern vom Museumsleiter Michael Scholl herumführen. Damit alles nicht allzu aufregend wird, gab es dazu regelmäßig Kurse mit Stefanie Liebich, die als „Personal Coach“ die erhitzten Kindergemüter mit Entspannungsübungen wieder ins Lot brachte.

Zu guter Letzt werden die Ergebnisse der Kinder auf eine riesige Karte von Staßfurt übertragen. „Das soll ein nachhaltiges Projekt sein. Die Karte wird dann der Stadt zur Verfügung gestellt“, sagt Buchmann. So kann dann auch die Stadt bei Bedarf handeln und von Kinderaugen festgestellte Missstände beheben. Vorher haben die Kinder aber noch einen Termin mit ihren Eltern. Am 8. August werden die kreativen Ergebnisse nämlich präsentiert. Um 15.30 Uhr wird im Staßfurter Kinder- und Jugendzentrum in der Straße der Solidarität der Vorhang gelüftet.