Staßfurt l Die Obduktionsergebnisse vom Fischsterben am 7. August sind da: „Als Hauptdiagnose stellen die Untersucher eine weit fortgeschrittene Autolyse (Selbstauflösung des Gewebes) und Fäulnis fest. Ergänzend heißt es weiter, dass sich die zur Abklärung der Todesursache eingesendeten Fische in einem bereits sehr schlechten Frischezustand befunden haben, so dass eine Todesursache nicht ermittelt werden konnte.“

Das teilte der Landrat am Mittwoch den Mitglieder des Kreistags per E-Mail in einem Schreiben mit, das der Volksstimme vorliegt. Am Donnerstagmorgen wurde die Presse informiert werden. Der Befund liegt dem Salzlandkreis schon seit einer Woche, 20. August, vor. Es brauchte so lange, weil dieser in zwei Fachdiensten vor der Veröffentlichung fachlich bewertet werden musste.

Proben am Neumarkt

Die Proben der Kadaver wurden beim zweiten Fischsterben in Staßfurt am Mittwochabend, 7. August, am Neumarkt genommen. Der Salzlandkreis hatte einen Mitarbeiter im Bereitschaftsdienst geschickt. Er nahm auch Wasserproben. Zehn Fische lagen zur Analyse vor. Der Salzlandkreis reichte die Probe beim Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt ein. Dessen Fachbereich Veterinärmedizin sitzt in Stendal.

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Dass die Fische zu aufgelöst und verfault für einen Befund waren, erscheint merkwürdig, zumal der Mitarbeiter die Proben direkt nach dem Vorfall in der Bode genommen hat: Der Tod der Fische wurde auf 18.30 Uhr geschätzt, wo auch die ersten Bürger die milchige Verfärbung der Bode bemerkten. Gegen 20.30 Uhr packte der Mitarbeiter den letzten Fisch, der frisch und unversehrt aussah, in einen Müllsack ein.

Dass sich Kadaver binnen zwei Stunden so zersetzen, sei eigentlich unmöglich, kommentiert Heimo Reilein von der Interessengemeinschaft Bode-Lachs, der sich bereits zum Fischsterben geäußert hatte. „Wenn ich abends 18 Uhr angeln gehe, dort ein wenig sitze und dann 20 Uhr zuhause bin, ist der Fisch auch nicht verwest. Oder wenn ich einen Dorsch im Supermarkt kaufe, ist der auch schon tot, aber noch essbar.“ Die große Verwesung der Kadaver könne nur darin liegen, dass die Fische nicht durchgehend gekühlt worden und es zu lange bis zur Untersuchung gedauert habe.

Fragen zur Kühlkette

Eine Anfrage an den Fachbereich Veterinärmedizin des Landesamtes für Verbraucherschutz, der die Proben vom 7. August untersucht hat, ergibt: „Die Proben sind am 8. August gegen 16.30 Uhr per Kurierdienst im Fachbereich Veterinärmedizin des Landesamtes für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt in Stendal unangemeldet eingetroffen und wurden sofort der Kühlung zugeführt.“ Sprecherin Peggy Wießner erklärt: „In wie weit die Kühlkette bis zu diesem Zeitpunkt eingehalten wurde, ist nicht bekannt. Allerdings war beim Eintreffen der Probe schon ein starker, fauliger Gestank durch die doppelte Verpackung wahrzunehmen.“

Die Kadaver wurden in Stendal am Freitagmorgen untersucht. „Die Fische wurden in der Sektion pathologisch-anatomisch untersucht“, so Sprecherin Peggy Wießner. „Die Haut und Muskulatur ließ sich bereits nur mit einer Pinzette perforieren. Die Gräten lösten sich aus der Muskulatur und die Organe hatten eine zerfließende Konsistenz. Damit waren weiterführende Untersuchungen und eine Ermittlung der Todesursache nicht mehr möglich.“ Da es sich um ein Umweltdelikt mit Verdacht auf eine Straftat handeln könnte, wurden die Tierkörper als Rückstellprobe tiefgefroren sichergestellt.

Fische lösen sich nach dem Tod tatsächlich viel schneller auf als Säugetiere. Diese Selbstauflösung wird Autolyse genannt und hängt mit dem eiweißreichen Gewebe und den ungesättigten Fettsäuren zusammen. Dazu kommt der Fäulnisprozess, der durch Bakterien im Wasser und im Verdauungstrakt ausgelöst wird.

Fische zu klein

Die Kadaver aus Staßfurt waren außerdem zu klein. Die Sprecherin erklärt: „Acht der zehn Fische hatten ein Gewicht von 0,5 bis zwei Gramm. Die beiden größeren hatten ein Gewicht von 69 Gramm und 120,5 Gramm. Bei diesen Größenverhältnissen finden die oben genannten Prozesse noch schneller statt.“

Vielleicht wurden auch Kadaver als Proben eingeschickt, die vom ersten Fischsterben am Montag zuvor stammten. Das Verbraucherschutzamt erklärt in dem Sinne, dass Fische vor langer Zeit verendet sein könnten und erst später an der Wasseroberfläche auftauchten. Landtagsabgeordnete Lydia Funke (AfD), die sich für den Staßfurter Fall engagiert, hinterfragt daher, warum „die Kadaver erst am 7. August durch die zuständige Behörde zur Untersuchung gebracht worden sind, wenn das erste Fischsterben bereits zwei Tage zuvor, am 5. August, stattgefunden hat, womit die Fische sehr wahrscheinlich schon länger im warmen Bodewasser verwesen konnten.“

Die Salzlandkreisverwaltung kommentiert die unbrauchbaren Proben: „Die festgestellte, weit fortgeschrittenen Autolyse und Fäulnis des Probematerials lässt sowohl auf die vorherrschenden ungünstigen Witterungsbedingungen, als auch auf chemische Veränderungen im Gewässer als mögliche Auslöser schlussfolgern.“

Wärme beschleunigt Fäulnis

„Wärme kann den Verwesungs- und Fäulnisprozesse beschleunigen, im Wasser oder auch im Transportmittel der Proben“, sagt Matthias Kabel, Geschäftsführer vom Landesanglerverband Sachsen-Anhalt. „Es ist natürlich die Frage, wie die Fische transportiert wurden. In Magdeburg ist das Veterinäramt bei so einem Fall zum Beispiel mit einer Kühlbox vorgegangen.“

Auch der Landesanglerverband hatte die Erklärung des Landrats über die Proben schon am Mittwochabend über soziale Netzwerk vorliegen und verfasste gleich ein Schreiben. „Wir haben uns an die Umweltministerin Sachsen-Anhalts gewandt und uns beschwert, dass scheinbar nichts gegen das Fischsterben in Staßfurt getan wird“, erklärt Geschäftsführer Matthias Kabel. „Wir erklären im Schreiben, dass uns diese Ergebnisse nicht ausreichen und fordern Antworten.“ Dabei pochen die Angler wie seit Jahren schon darauf, dass die Vorgaben für Gewässer endlich eingehalten werden und die Bode in einen guten Zustand versetzt wird (FFH- und EU-Wasserrahmenrichtlinie).

Landrat setzt auf Überwachung der Bode

Auch für die Kreisverwaltung von Landrat Markus Bauer (SPD) sind die Ergebnisse „unbefriedigend“. Anstatt mit Tatsachen die Spekulationen über Verursacher beenden zu können, hoffe der Salzlandkreis nun auf die Wasserprobenanalyse aus dem Ermittlungsverfahren vom Fischsterben 2018. Wichtig sei für Landrat Markus Bauer jetzt „die Ausweitung des Monitorings an der Bode“ und die Forderungen an Umweltministerin Claudia Dalbert von neuen Maßnahmen zum Schutz der Bode.

Landtagsabgeordnete Lydia Funke sagt über die Analyse: „Es ist begrüßenswert, dass endlich Bewegung in den Sachverhalt zu kommen scheint“. Allerdings sei so eine Stellungnahme fast zu vermuten gewesen. Sie warte bis heute auf Reaktionen zu ihrem Akteneinsichtsgesuch zum Gutachten von 2018, zu ihren Fachaufsichtsbeschwerden gegen Landrat und Landesbehörden sowie zu ihren detaillierten Fragen an die Landesregierung.

Dennoch bewegt sich etwas im Landtag. Heute fährt Stadträtin Bianca Görke (Linke) mit einigen Mitstreitern nach Magdeburg und übergibt der Landtagspräsidentin die Petition aus Staßfurt. Darin fordern über 1000 Bürger mit ihrer Unterschrift Verbesserungen für die Bode. Der Umweltausschuss des Landtags befasst sich am 11. September mit Fischsterben und Einleitungen in Staßfurt.