Löderburg l „Es gibt im ganzen Land den Trend zur erheblichen Reduzierung von Gaststättenbetrieben“, stellt Wolfgang Schulle, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenkreisverbands Salzland, fest. „Die Gründe sind vielschichtig. Fachkräftemangel sowohl bei Köchen wie auch im Service gehören dazu. Hierzu gehören die Arbeitszeiten, gerade an den Wochenenden. Ein weiteres Problem liegt darin, das immer weniger Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen werden.“

Außerdem habe sich das Freizeitverhalten der Menschen erheblich verändert, so Schulle. „Wenn ich eine Gas-tronomie erfolgreich betreiben möchte, dann müssen einfach das Konzept und die Qualität passen, dann kommen auch die Gäste.“

Gaststätten schließen

In Rathmannsdorf schloss die letzte Gaststätte vor drei Jahren. Die Hecklinger mussten jüngst erfahren, dass im „Landgasthaus Große“ das Licht ausgeht – aus Altersgründen. Zuvor hatten in der Stadt die „Kegelbahn“ und der „Pferdestall“ ihre Pforten geschlossen. Auch den „Gasthof Gaensefurth“ gibt‘s nicht mehr.

In der Ortslage Löderburg sah es in den vergangenen drei Jahren bezüglich Gaststätte ebenfalls düster aus. Umso größer war jetzt die Freude über eine quasi Neueröffnung. „Wir freuen uns, dass wir hier einen Treffpunkt gefunden haben“, sagt Ursula Rosenhahn. Jeden Freitag sitzt sie nun mit Kristin Rübsam, Christa Siegert, Klaus Holstein und Ernst Herper am Stammtisch.

Die Runde hat viel Spaß und Unterhaltung miteinander. Kein Fernsehen am Freitagabend? „Na vielleicht später“, meint Klaus Holstein und reißt erstmal einen Witz. „Schön, dass wieder offen ist und wir hier im Ort bleiben können. Wer will schon gern fahren?“, weiß auch Kristin Rübsam die Möglichkeit zu schätzen.

Radikaler Neuanfang

Das haben die Löderburger Anja Bertram zu verdanken. Die Wirtin (46) wagte einen radikalen Neuanfang. Denn den „Löderburger Hof“ gibt‘s so nicht mehr, wie man ihn vielleicht als Kneipe kannte. Der „Hof“ heißt jetzt „Zum Salzfässchen“, der Gastraum ist nicht mehr wiederzuerkennen. Der bisherige Wirt und seine Angestellte haben die Rollen getauscht.

Mit Josefine Richter haben sich die beiden Verstärkung geholt.

Vielseitige Speisekarte

Das Sagen im Lokal hat jetzt Anja Bertram. Ihr Lebensgefährte Enrico Homann ist derweil der Mann, der die Gäste mit einer vielseitigen Speisekarte verwöhnt.

Denn die hat es mit gutbürgerlicher Küche in sich. Steak- und Fischgerichte stehen drauf. Aber auch Pferdespezialitäten und sogar Exotisches von Krokodil bis Känguruh, selbst Vegetarisches.

Historie des Lokals

So ganz auf die Historie will Anja Bertram aber doch nicht verzichten. Denn sie ist stolz, ihre Gäste im ältesten Lokal des Ortes bewirten zu können. Die Geschichte der Lokalität reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Ursula Rosenhahn kennt es noch als „Café Noack“, als sie 1957 nach Löderburg gekommen war und bei der Sparkasse anfing. Dann war es einfach das „Kaffeehaus“, später der „Pfälzer Hof“, zuletzt der „Löderburger Hof“.

Eine Tradition hat die Wirtin schließlich noch in die „Neuzeit“ hinübergerettet: Das Adventsglühen im Bier- garten. „Da stehen nichtmal der Glühwein und die Bratwurst im Vordergrund, sondern die Gemütlichkeit“, freut sich Anja Bertram schon auf das Wochenende. Die Freude am Beruf und den Kontakt mit vielen Menschen – darin sieht sie übrigens auch wie Dehoga-Kreis-Chef Wolfgang Schulle als das Schöne an dem Gewerbe.

18 Jahre angestellt

Zurück nach Löderburg: Das Adventsglühen kennen die Einheimischen schon viele Jahre – aus der Zeit, als Anja noch Angestellte war. Immerhin 18 Jahre lang. „Ich habe echt Spaß daran und könnte mir nichts anderes mehr vorstellen“, gibt die 46-Jährige zu, und verrät: Es hätte keinen anderen Nachfolger gegeben.

Ob eine der vielen Restaurant-Serien im TV sie vielleicht auf den Gedanken gebracht hat, sich selbständig zu machen? „Nein, auf keinen Fall, zum Fernsehen habe ich gar nicht die Zeit.“ Ihre Freizeit stecken sie und ihr Mann zudem lieber in die noch bevorstehende Umgestaltung der Sanitäranlagen und des Biergartens.

Anja Bertram ist nicht zuletzt auch stolz darauf, dass sie die einzige Gaststätte in der Ortslage Löderburg betreibt. Nach der Wende hatte es allerhand Gastronomie im Dorf gegeben wie „Eiscafé“, „Bistro“, „Gockel“, „Zum Sportplatz“...