Bestimmte Sprüche sind verboten, bei Einzelfällen wird debattiert

Durch Einzelentscheidungen verschiedener Gerichte in den letzten Jahrzehnten wurden nicht nur Symbole, Ehrenzeichen, Flaggen und mehr aus dem Nationalsozialismus verboten, sondern auch Parolen und Grußformen wie „Meine Ehre heißt Treue“ oder „Unsere Ehre heißt Treue“, „Blut und Ehre“ oder „Deutschland erwache“ (Urteil des Bundesgerichtshof von 1987).

In Deutschland und Sachsen-Anhalt finden sich aber immer wieder Kunstobjekte oder Gegenstände, die Einzelfälle sind und als bedenklich oder gar anstößig gewertet werden können: An der Stephani-Kirche in Calbe, an der Stadtkirche Wittenberg, am Magdeburger Dom oder an der Zerbster Kirche prangt wie an rund 25 Gebäuden in ganz Deutschland die „Judensau“. Das sind steinerne Skultpuren, wo ein Mensch den Hintern eines Schweins küsst. Der Calbenser Pfarrer reagierte 2016 auf die Debatte um das judenfeinliche Objekt: Die Figur werde nicht entfernt, da man die Geschichte, zu der die judenfeindliche Tradition der Kirche gehöre, nicht ausradieren könne. Dennoch soll eine Erklärtafel vor Ort dem Besucher die Thematik erklären.

Im Magdeburger Dom gibt es ein antisemitisches Statuen-Ensemble zweier Frauenfiguren, bei der die jüdische Frauenfigur als Ungläubige gegenüber der christlichen dargestellt wird. Die Kirchengemeinde brachte eine Bodenplatte mit einer entschuldigenden Botschaft an. Auch hier bevorzugte man die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte.

In Herxheim am Berg in Rheinland-Pfalz läutet eine Kirchenglocke aus der Zeit des Nationalsozialismus nach einem bundesweitem Aufschrei in 2018 heute weiter. Die „Hitler-Glocke“ mit Hakenkreuz und Hitlers Namen soll als „Mahnmal gegen Gewalt und Unrecht“ erhalten bleiben.

Hohenerxleben l Es beschweren sich immer mal wieder Menschen bei der evangelischen Kirchengemeinde Hohenerxleben. Der Vorwurf: Das Gedenkkreuz auf dem Kirchhof mit der Jahreszahl „1939 bis 1945“ und der Spruch „Treue um Treue“ verwende den Sprachgebrauch des Nationalsozialismus und dürfe nicht öffentlich gezeigt werden.

Heftige Kritik eines Einwohners

So auch Peter Beyer aus Staßfurt, der gegenüber der Volksstimme diesen Schriftzug kritisiert: Niemand scheine sich an „diesem rechtslastigen Ehrenmal an der Hohenerxlebener Kirche“ zu stören. Scheinargumente, warum dieses Kreuz geduldet werde, würden „aufatmend akzeptiert“. Die Verantwortlichen verharrten somit „in der Nicht-so-schlimm-Taktik“. Laut Peter Beyer steht dies im krassen Gegensatz zu Stolpersteinen, die in Staßfurt verlegt wurden, oder zum Gedenken am Volkstrauertag. Peter Beyer sieht die „Treue“ in dem Spruch als „eindeutig die ‚zum Führer Adolf Hitler‘“.

Dass der Spruch „Treue um Treue“ auf den ersten Blick für den Laien an die Nazi-Zeit und deren Sprache erinnert, will auch Pfarrer Stephan Aniol nicht leugnen. „Wenn man sich aber mal genau damit beschäftigt und recherchiert, bevor man solche Vorwürfe erhebt, stellt sich heraus, dass das eben nicht der Fall ist.“

Bilder

Der Pfarrer, der für das Pfarramt Nienburg und die Hohenerxlebener Gemeinde zuständig ist, reagiert auf die aktuelle Debatte mit: „Den Vorwurf der Rechtslastigkeit weise ich zurück.“

Debatte sei "Halbwissen"

Der Gemeindekirchenrat, deren Vorsitz der Pfarrer auch innehat, habe bereits 2015 über eine Beschwerde beraten und reagiert. Dieser „wird sich nicht mit weiteren Beschwerden befassen, da die Auseinandersetzung mit dem Halbwissen, wie auch bei der vorliegenden Beschwerde zu ersehen, nervt.“

Dabei beruft sich der Gemeindekirchenrat auf Pfarrer Lambrecht Kuhn, Vorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Salzlandkreis. Dieser hatte Thesen ausgearbeitet, warum das Gedenkkreuz eben nicht in die „rechte Ecke“ gerückt werden kann. Hauptargumente: „Treue um Treue“ war der Wahlspruch der Fallschirmjäger der Wehrmacht und später einer Einheit der Bundeswehr. Der Wahlspruch der SS klingt ähnlich, hieß aber „Unsere Ehre heißt Treue“.

In Hohenerxleben hatten sich nach der Wende, wie in vielen anderen Orten, Initiativen dafür stark gemacht, mit Namenstafeln und anderem an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen und verschollenen Hohenerxlebener zu erinnern. Das Kreuz auf dem Kirchhof stammt von 1991. Dass der Spruch „Treue um Treue“ damals dennoch unglücklich gewählt sei, hatte Pfarrer Kuhn von der Kriegsgräberfürsorge in der Vergangenheit aber auch schon eingeräumt.

Treue war eine Tugend

„Ich stehe voll und ganz hinter dem Gedenken an die Gefallenen der Kriege“, sagt Pfarrer Aniol. Es sei Warnung künftiger Generationen vor Kriegen. „Die Soldaten des Ersten Weltkriegs und auch des Zweiten Weltkriegs hatten keine Möglichkeit, einen Wehrersatzdienst anzutreten. Ob sie hinter der Regierung standen oder nicht, war egal.“ Als Soldaten einander beizustehen und füreinander einzutreten und in diesem Sinne treu zu sein, sei „eine Tugend, die wir erst lernen müssen“.

Hintergrund

87 Hohenerxlebener sind im Zweiten Weltkrieg gestorben oder verschollen. Der Einwohner Otto Paul hatte sich 1991 dafür eingesetzt, dass das Gedenken an diese Kameraden mit dem Kreuz aufrecht erhalten wird. Ein Stahlhelm, der an dem Kreuz aufgehängt war, wurde nach einer Beschwerde im September 2005 entfernt. Dieser sei damals auch aus Sicht des Gemeindekirchenrats „eine Brise zu viel“ gewesen, so Pfarrer Stephan Aniol.

Kreuz bleibt

Das Kreuz selbst soll auch heute nicht entfernt werden, da dies dem Ansinnen der Initiatoren von damals widersprechen würde, es aber auch die Geschichte des Unrechts erzählt, die nicht vergessen werden dürfe. Es sei auch Zeitdokument von 1991. Auch eine Informationstafel neben dem Gedenkkreuz möchte der Gemeindekirchenrat nicht, sagt Pfarrer Aniol auf Nachfrage. Das hatte die Kriegsgräberfürsorge Salzlandkreis nahe gelegt, denn so könnte zumindest dem Besucher der Hintergrund des Denkmals und des Spruchs erklärt werden. Die Kriegsgräberfürsorge plädiert grundsätzlich dafür, „Denkmale“ heute nicht mehr zu zerstören, sondern mit einordnenden Kommentaren zu versehen. Man solle mit solchen Mahnmalen konstruktiv umgehen, anstatt sie bei der kleinsten Kritik zu entfernen.

Verschiedene Sprüche

Die Argumentation des Hohenerxlebener Gemeindekirchenrats zum Spruch „Treue um Treue“ lautet: Der Wahlspruch der SS unter Hitler, der heute verboten ist, hieß „Unsere Ehre heißt Treue“ und nicht „Treue um Treue“. Ähnlich lautet der Wahlspruch etwa bei amerikanischen Truppen „semper fidelis“ (auf ewig treu). „Treue um Treue“ war der Wahlspruch Hindenburgs (1847 bis 1934), der Fallschirmjäger der Luftwaffe bei der Wehrmacht (1936 bis 1945) und später einer Einheit der Bundeswehr. Nach einem Erlass von 2014 ist bei der Bundeswehr der Spruch „Treue um Treue“ verboten, da dieser in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit der Wehrmacht verbunden wird und dies als Bekenntnis der heutigen deutschen Streitkräfte zur Tradition der Wehrmacht gewertet werden könnte. Dies habe laut Pfarrer Aniol dort auch „seine Berechtigung“.

Gedenkveranstaltungen wie zum Volkstrauertag finden heute auf dem Friedhof in Hohenerxleben statt. Im Ort gab es nach der Wende auch eine „Interessengemeinschaft Gedenktafel Zweiter Weltkrieg“, die sich später dem Heimatverein anschloss. Direkt neben dem Gedenkkreuz befindet sich eine steinerne Gedenktafel für 44 Hohenerxlebener, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren.