Egeln l Der Verbandsgemeinde-Bürgermeister Michael Stöhr (UWGE) bezeichnete die Strategie der Verwaltung, die Bürger über den Sachverhalt schnell und umfangreich aufzuklären als richtigen Weg. „Sonst hätten wir das Rathaus zunageln können", sagte er. „Es gab keinen Grund zur Hysterie. Es ist ruhig geblieben", schätzte der Kommunalpolitiker erleichtert ein. Und in Anlehnung an die Erkenntnisse des von der Landesanstalt für Altlastenfreistellung eingesetzten Gutachters, Dr. Gerd Rippen, fügte er hinzu: „Es besteht keine akute Gefahr, wenn die Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden."

Information

Die nächste Informationsrunde ist am 13. Februar, 19 Uhr, im Schulzentrum Egeln  für die Ehle-Anwohner von Westeregeln und Egeln geplant. „Dort werden auch die Fachleute vertreten sein", kündigte Stöhr an. Zwei Tage später, am 15. Februar, sind die betroffenen Landwirte um 15 Uhr in den Sitzungssaal des Egelner Rathauses eingeladen. Stöhr: „Unser Ziel ist es, in Abstimmung mit den Fachbehörden die Gefahr durch geeignete Maßnahmen und unter Einhaltung der bestehenden Vorschriften so schnell wie möglich zu beseitigen. Das darf nicht am Geld scheitern." Die Bürger müssten über die Entwicklung so schnell wie möglich informiert werden. „Nichts ist schädlicher als wenn Gerüchte aufkommen", betonte der Verbandsgemeinde-Bürgermeister.

SPD-Fraktionschef Manfred Püchel sagte, er hätte mit mehr Panik der Bürger gerechnet. „Es ist ruhiger geblieben als ich dachte." Auf Püchels Anfrage zum angekündigten Gutachten zur Belastung der Industriebrache der ehemaligen Deutschen Solvaywerke Westeregeln (DSW) teilte Stöhr mit, dass dieses dem Land vorliege und dort ausgewertet werde. Es gebe keinen nennenswerten Zufluss von dem Gelände in die Ehle.

Hinschauen

„Wir müssen sehr genau draufschauen, was hier passiert", sagte der ehemalige Präsident des Landesamtes für Geologie und Bergbau Peter Klamser. Er forderte, die unvermeidbaren schädlichen Umwelteinwirkungen auf ein Mindestmaß zu beschränken. Zugleich verlangte er, dass das DSW-Gelände, das nicht vom Grundwassertrom abgeschnitten sei, zuerst zu sanieren. Das könne mit einer Schlitzwand und Betonit, einem Stoff mit stark entgiftender Kraft, erfolgen. Oder man mache das mit Spundwänden. Dann müsse noch eine Reinigungsanlage für das Grundwasser errichtet werden, das über Aktivkohlefilter oder Bleicherde geleitet werden müsse. Klamser sprach sich dafür aus, alle Industriebrachen in Egeln, Etgersleben und Umgebung auf eine Belastung durch Schadstoffe zu untersuchen. „Da sind noch Bomben", ist er überzeugt. Sachsen-Anhalt habe nach der Wende 1,4 Milliarden Mark vom Bund für die Altlastenbeseitigung erhalten. Dieser Pott sei aber nicht endlich, betonte Klamser.

Püchel sagte in Anlehnung an die ehemalige Chemiefabrik in Westeregeln: „Da oben tickt eine Bombe". Einem Gutachten aus dem Jahr 1993 zufolge sei der mit einer Asphaltdecke versiegelte Boden bis zu zwanzig Meter tief verseucht. Der SPD-Politiker schlug vor, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die den Prozess begleiten soll. Darin könnten auch interessierte Bürger mitarbeiten. Dieser Vorstoß stieß bei Stöhr nicht auf Ablehnung. In diesem Zusammenhang verwies er darauf, dass er und die Verwaltung Teil der vom Land aus der Taufe gehobenen Task Force „Ehle" seien. „Die Zusammenarbeit hat bisher reibungslos funktioniert, obwohl sehr viele Behörden beteiligt sind", sagte der Verbandsgemeinde-Bürgermeister.

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Manfred Höppner aus Westeregeln sagte: „Bis vor kurzem hat von uns keiner gewusst wie gefährlich das ist. Wir wussten aber alle, dass da eine Bombe tickt." Er findet es simpel, dass eine Asphaltdecke über das DSW-Gelände gezogen wurde. „Das zu sanieren ist unmöglich. Dann müsste halb Westeregeln umgekrempelt werden", sagte Höppner. Die verantwortlichen Leute hätten mehr oder weniger bewusst oder unbewusst  die Sache verpennt. Püchel meinte, bislang habe Westeregeln mit der Ehle um neue Einwohner geworben. Das müsse man nun ändern. Das sieht der Vorsitzende des Verbandsgemeinderates, Tarthuns Bürgermeister Peter Fries (CDU), anders. „Tarthun haben die Berichte keinen Abbruch getan", sagte er. Es gebe nach wie vor eine Nachfrage nach Häusern oder Bauland.

Alte Unterlagen

Westeregelns Ex-Bürgermeister Günter Stock sagte: „Es müssten eigentlich alle alten Aschengruben untersucht werden." Er könne noch genau sagen, wo man welche Sachen abgekippt habe. „Wir werden auf die Zeitzeugen zugreifen. Dazu wird es eine Veranstaltung im März geben mit ehemaligen Feuerwehr-Leuten und Mitarbeitern, die bei dem Brand 1961 in Westeregeln dabei waren", sagte Stöhr. Wie er weiter mitteilte, hat er in der vergangenen Woche bei der Stasiunterlagen-Behörde einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Denn die Ermittlungen über den Brand im Jahr 1961, bei dem tonnenweise giftige Chemikalien in die Ehle gelangten, seien damals als „Geheime Verschlusssache" eingestuft gewesen.