Neundorf l In Zeiten der ständigen und andauernden Modernisierung überleben sich aktuelle Standards in immer kürzeren Zeitschleifen. Was gestern noch hochmodern war, ist heute alter Käse. Was gestern noch en vogue war, ist heute ein Ladenhüter.

2011 hatte die Mitteldeutsche Kommunikations GmbH (MDDSL) – ein regionaler Internetanbieter aus Barleben – Kupferkabel in Neundorf verlegt. Damit sind im Staßfurter Ortsteil theoretisch Bandbreiten im Internet bis zu 30 Megabit (Mbit) pro Sekunde (also 30 000 Kilobit) möglich. Das war damals recht fix. Weil aber neun Jahre vergangen sind und die Leitungen vor allem schwanken und immer wieder zusammenbrechen, ist Neundorf mittlerweile ins digitale Steinzeitalter zurückgefallen.

Es braucht einen Neuanfang. Das weiß die Staßfurter Wirtschaftsförderung seit Jahren, der Ortschaftsrat Neundorf hatte das erst kürzlich im Juni bei einer Sitzung ebenfalls angemerkt. Mehrere Anbieter hatte die Wirtschaftsförderung kontaktiert. Mit dem Ergebnis, dass die GlasCom aus Brumby der Idee des eigenwirtschaftlichen Ausbaus nicht abgeneigt ist. „Wir haben grundsätzlich Interesse daran“, sagt Geschäftsführer Friedrich Hülsenbeck. „Die Daten für die Wirtschaftlichkeit müssen aber erst noch erhoben werden.“

Ausbau schon 2020

Das ist erst einmal eine gute Nachricht. Das lässt die Neundorfer langfristig hoffen, dass dank der GlasCom 200 Mbit pro Sekunde erreicht werden, wenn Glasfaserkabel bis ins Haus verlegt werden.

Nur: Die GlasCom ist nicht der einzige Anbieter, der Interesse in Neundorf hat. Wie die MDDSL nun verkündet, ist der Anbieter bereits dabei Nägel mit Köpfen zu machen. „Unser Ziel ist es, Neundorf noch in diesem Jahr an den Highspeed-Ring anzuschließen“, sagt Christian Daul, Vertriebsleiter Glasfaserausbau bei der MDDSL. Das soll bis Ende des Jahres abgeschlossen werden.

Das heißt: Die MDDSL verlegt mit horizontalen Bohrspülern Glasfaser bis in die Verteilerkästen. Von dort gehen die Leitungen mit dem Telefonkabel bis ins Haus. „Damit sind bis zu 100 Mbit pro Sekunde möglich“, sagt Daul. Das Internetproblem Neundorf wäre also vorerst gelöst. „Die Neundorfer können dann durchatmen“, so Daul. Gleichzeitig plant die MDDSL die Verlegung von Glasfaserkabeln bis ins Haus. Dann wären 200 Mbit pro Sekunde und mehr möglich bei stabilen Leitungen. „Die Akquise beginnt 2021“, so Daul. Kunden werden also gewonnen, um die Wirtschaftlichkeit zu prüfen.

Fehlende Kommunikation

Hier wird es aber nun verwirrend. Denn von beiden Plänen der MDDSL wusste bis vor wenigen Tagen weder die Wirtschaftsförderung noch der Neundorfer Ortsbürgermeister. „Wir fühlen uns ein bisschen vor den Kopf gestoßen“, sagt Christian Schüler, Leiter der Wirtschaftsförderung. „Das wurde uns nicht kommuniziert.“ Ähnlich äußert sich Ortsbürgermeister Stefan Riemann (parteilos): „Bei mir hat sich keiner gemeldet. Es hieß von der MDDSL immer: Wir arbeiten dran.“ Nun arbeitet die MDDSL also tatsächlich am Ausbau. „Wir freuen uns, dass da Bewegung drin ist“, sagt Christian Schüler auch. Oberstes Ziel ist natürlich die Anbindung der Bürger an schnelles Internet.

Können überhaupt zwei Anbieter parallel ausbauen? Theoretisch ja. Es herrscht ja freie Marktwirtschaft. Wenn es aber wie in Neundorf keine unmittelbaren Förderaussichten gibt, dann müssen die Anbieter eigenwirtschaftlich arbeiten. Das geht nur, wenn ein gewisser Anteil von Bürgern im Ort Vorverträge mit dem Anbieter abschließt. Erst wenn ein gewisser Prozentsatz erfüllt ist und sich der Ausbau rechnet, fängt der Anbieter zu bauen an. Meist liegt die Quote bei über 40 oder 50 Prozent.

Theoretisch ist es denkbar, dass zwei Anbieter diese Quote erfüllen. Dann könnte der Bürger wählen. Konkret in Neundorf könnte er wählen zwischen MDDSL oder GlasCom. In der Praxis geht es eigentlich darum, wer schneller ist. Wenn ein Anbieter den Ort großflächig erschlossen hat, zieht sich der zweite Bewerber zurück, weil es wirtschaftlich keinen Sinn mehr ergibt, den Ausbau voranzutreiben.

In Neundorf hat die MDDSL – so scheint es – gerade die Nase vorn im Wettrennen. Während die GlasCom erste Willensbekundungen zum Ausbau verkündet hat, hat die MDDSL schon eine Zeitschiene parat.