Staßfurt l „Sowas haben wir noch nie erlebt“, blickt Bernd Nachtigall aus Elster an der Elbe auf das Jahr. „Sonst sind wir im Schnitt auf 25 Volksfesten. In diesem Jahr kommen wir auf sechs Märkte und Funparks – und die auch noch ohne Frühschoppen und Blasmusik.“

Die Saison 2020 war also überwiegend recht trostlos für das Schaustellergewerbe. Auch für Sabrina und Silvio Köllner begann sie erst im Juli. „Der Rostocker Funpark war ein Pilotprojekt mit dem Schaustellerverband, hinter dem die Landespolitik von Mecklenburg-Vorpommern auch gestanden hat“, weiß Sabrina sehr zu schätzen, als sie mit der Familie vom 22. Juli bis 23. August endlich zur Arbeit fahren durfte.

„Halte mal einen Reisenden...“, beschreibt ihr Mann, wie er sich gefühlt hat im Frühjahr, als die Koffer schon gepackt waren und – Corona kam und man bis Juli zum Zuhausebleiben verdonnert war.

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„Wir haben unseren Garten schön gemacht, den Kindern ein Klettergerüst aufgestellt“, erzählt Sabrina. „Und wir haben von Ostern bis Juli ständig daran gedacht, wo wir jetzt gerade wären. Sonst sind wir doch bis zum Weihnachtsmarkt jede Woche woanders.“

Versicherungen und Steuern habe man für die Zeit der Flaute aussetzen können. Aber sonst liefen alle Kosten weiter. Ja, die Corona-Hilfe sei gezahlt worden. Das sei aber alles nicht ihr Leben. Auch die Kinder waren froh, als es endlich wieder auf Tour ging. Nach Rostock waren das dann zehn Tage in Brandenburg.

Zuletzt sorgte man mit den Kollegen beim Gildefest in Aschersleben über den Einheitsfeiertag für Vergnügen. „Auch die Leute dort waren so dankbar, dass sie mal wieder raus konnten“, erinnert sich Silvio Köllner gern an die Tage, als sich die Karussells für die Besucher drehen durften, und wünscht sich sehr, dass das nun ab morgen bei schönem Herbstwetter auch in Staßfurt so wird.

Der Staßfurter Neumarkt ist für die Köllners erst der vierte Jahrmarkt in 2020.

Wie viele Schaustellerbetriebe auf der Strecke geblieben sind? „Das kann man noch nicht sagen“, meint Sabrina Köllner.

Es wird auch Solidarität gelebt. „Wir haben hier jetzt zurückgesteckt und unseren Mandelwagen zu Hause gelassen“, sagt Silvio Köllner. Damit bekomme Familie Schmidt auch etwas ab vom Kuchen.

Der Neumarkt ist jedenfalls so voll belegt wie lange nicht. 29 Geschäfte wurden diese Woche aufgebaut. Unter anderem von den Familien Weisheit aus Staßfurt, Probst und Schraube aus Unseburg, Klaus Eckstein aus Bernburg, nennt Köllner einige Vertreter aus der Region.

Dabei war der Neumarkt übrigens schon als Veranstaltungsort für die Jahrmärkte seit Frühjahr abgeschrieben. Die Schausteller sehen es jedenfalls nicht als Nachteil, dass sie ihn wegen der neuerlichen Modemarkt-Verzögerungen weiter nutzen dürfen.

Für ordentlich Bauchkribbeln dürfte nun der erwähnte „Free-Fall“-Turm mit einer Gesamthöhe von 20 Metern sorgen. Auch ein Twister, Scheibenwischer und Autoscooter gehören zu den größeren Vergnügungsangeboten. Eine neue Kindereisenbahn sei stellvertretend für die jüngsten Rummelfreunde genannt.

Wie es danach weitergeht für die „Reisenden“? Familie Köllner will nach Parchim zum Funpark. Bernd Nachtigall hofft, wenigstens den Weihnachtsmarkt in Neubrandenburg noch fahren zu dürfen.

„Aber wenn man das im Fernsehen schon wieder alles sieht...“, schwindet sicher nicht nur bei ihm die Hoffnung von Tag zu Tag.