Atzendorf l „Wir haben feststellen müssen, dass wir mehr oder weniger allein gelassen werden von der Politik“, erklärt Sven Keller, Vorsitzender vom „Herdschutz plus Hund“, wie es zur Gründung dieser Interessengemeinschaft kam. Die Mitglieder des eingetragenen Vereins mit Sitz in Aken sind überwiegend Schäfer und können aus eigener Erfahrung über unschöne Begegnungen ihrer Herden mit Wölfen berichten. Wolfsrisse seien ein zunehmendes Problem, sind sich die Schäfer einig.

Vor zwölf Jahren habe es mit den Wolfsrissen begonnen. Laut Monitoring würde es mittlerweile 92 Wölfe in elf Rudeln geben in Sachsen-Anhalt. „Eigentlich müssten die Schäfer unter Schutz gestellt werden und nicht der Wolf, weil es schon mehr Wölfe als Schäfer gibt“, überspitzt es Helmut Lenz etwas, der als Prüfer für Herdenschutzhunde in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen unterwegs ist.

Zu langsam

Keller und seinen Mitstreitern ging es einfach zu langsam, dass sich etwas zum Schutz ihrer Tiere bewegt. „Wenn wir auf die Umsetzung von Richtlinien der Politik gewartet hätten, gäbe es schon keine Schäfer mehr“, ist er überzeugt.

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Enttäuscht spricht er von „Hinhaltetaktik und Wahlkampf“, wenn um eine Reduzierung des Wolfs debattiert werde. Außerdem wären deutsche Gesetze eh überflüssig, weil der Wolf EU-Recht genieße.

„Ich habe auch gedacht, der Wolf kommt nicht hierher zu mir. Dann waren die Wölfe plötzlich da, haben zwei Kälber gerissen und eine ausgewachsene Kuh“, ist Sven Keller verbittert. „Wölfe kommen überall hin“, wirft Frank Becker aus Kusey ein, „die gehen 100 Kilometer an einem Tag.“

Beruhigter schlafen

Dabei seien „Risse eher noch der geringere Schaden“, bemerkt der Vereinschef, „Wenn die Tiere von ihren Weiden getrieben werden und auf Straßen oder Gleisen stehen, könnten die Folgeschäden weitaus größer werden.“

Bei Schäfer Torsten Kruse aus Uthmöden (Börde) wurden seit 2016 sogar 29 Schafe gerissen. Seit dem er nun mit Herdenschutzhunden arbeitet, sei Ruhe. Übrigens auch zweibeinigen Dieben gegenüber und Krähen, die auf Lämmer gehen. Und Kruses Kollege Ronald Gerecke aus Stendal ist überzeugt: „Wer ein paar ordentliche Hunde im Weidezaun hat, kann beruhigter schlafen.“

Diese Hintergründe führten nun die Schäfer nach Atzendorf, wo es zwei Herdenschutzhunde von Jürgen Maurer zu prüfen galt. Er hatte vor zwei Jahren seine Anstellung als Leiter einer Uni-Küche an den Nagel gehängt und mittlerweile eine Herde von 200 Schafen und Ziegen aufgebaut. Natürlich hat er sich von den Erfahrungen der anderen Tierhalter in Sachen Herdenschutz überzeugen lassen: „Bevor der Wolf da ist, müssen die Hunde da sein.“ Maurer meint, dass die Zunft des Schäfers wieder eine Zukunft hat, nicht zuletzt würden Schafe wieder zunehmend zur Deichpflege gebraucht. Er sei beispielsweise an der Bode bei Unseburg unterwegs.

Charakter nicht trainierbar

„Entweder, er hat‘s in den Genen oder nicht“, weiß Sven Keller als Prüfer für Herdenschutzhunde, was diese Vierbeiner für Eigenschaften mitbringen müssen. „Die Charaktereigenschaften kann man nicht antrainieren.“ Und deshalb legt die „Interessengemeinschaft Herdenschutz plus Hund“ vordergründig auch keinen Wert auf eine spezielle Hunderasse. In Betracht kämen für sie neben Kaukasen beispielsweise auch Pyrenäenberghund oder Kuvasz, ein ungarischer Hirtenhund.

Bei Jürgen Maurer sind es zwei Kaukasen, die sich nun vor der Jury bewähren mussten. Maja und Ivo zeigten letztendlich gutes Schutzverhalten, Wachsamkeit. Sie haben Respekt vor der Herde und auch so genannte Zauntreue. Auch ihr Sozialverhalten außerhalb eines Geheges Menschen gegenüber stimmt.

Sven Keller kann dem Halter zur bestandenen Prüfung mit konkreten Wesenswert-Messziffern gratulieren und erklärt am Rande noch, dass der Verein, dem mittlerweile etwa 20 Mitglieder angehören, eine eigene Philosophie für die Prüfungsgrundlagen gesucht und gefunden habe. „Wir wollten als Praktiker kein System aufgedrückt bekommen.“ In diesem Falle wäre das aus Richtung Brandenburg passiert.