Staßfurt l Das Vertrauen ist riesig. Das hat sich Peter Knauf einfach über all die Jahre erarbeitet. Gerade ist der ehrenamtliche Stadtführer der Stadt Staßfurt im Stadt- und Bergbaumuseum im Gespräch mit der Volksstimme, als der Museumsleiter Michael Scholl von hinten herantritt. „Ich habe jetzt einen Termin und komme später wieder. Schließt du nachher bitte zu?“, fragt er in Richtung Knauf. Der nickt natürlich und nimmt den großen Bund mit dem blauen Band entgegen.

Man sieht mit schnellem Blick: Hier haben sich zwei gefunden. Seit 20 Jahren schon findet man Peter Knauf auf den Straßen und vor allem im Rondell in Staßfurt. Er ist der Mann, der die Touristen oder auch die Einheimischen mit wachem Blick durch die Stadt führt, die Historie als Wiege des Kalibergbaus von Anfang an erklärt. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Im September jährt sich sein Engagement zum 20. Mal. Aber ein weiteres Jubiläum wird nicht hinzukommen. Denn im September macht Peter Knauf Schluss. Dann wird der 78-Jährige sein wohlverdientes Rentnerleben endlich genießen können. „Ich hänge dran“, sagt Knauf zu seiner Tätigkeit. „Aber ich merke in meinem Alter, dass die Beine manchmal schwer werden. Und irgendwann ist eben die Zeit gekommen, zu gehen.“

Mehr als 4000 Menschen, so schätzt der gebürtige Leopoldshaller, der nun mittlerweile seit fast 60 Jahren in Hecklingen wohnt, es selbst, hat er in wohl hunderten Führungen durch Staßfurt geleitet. Immer ganz vorn dabei war das Rondell. Damit hat ja auch alles angefangen. Denn man muss wissen: Ein gelernter Historiker ist Knauf nicht.

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Liebe zum Rondell

Im Rondell – der historischen Festungsanlage in der Stadt – war er Ende der 1990er Jahre als Projektleiter mit der Aufsicht bei der Restaurierung betraut. Vor der Wende war Knauf Maurer, danach als Polier auf verschiedenen Baustellen. In Staßfurt überwachte er die Arbeiten am Mauerwerk. „Da ist meine Liebe entstanden“, sagt er. „Mir ist die Stadtgeschichte, besonders das Mittelalter ans Herz gewachsen.“

Eher zufällig kam Knauf am 12. September 1999 zur ersten Führung. Eigentlich sollte er an diesem Tag nur über bauliche Dinge am Rondell reden. Weil der Mann für die Historie aber nicht erschien, übernahm Knauf das. Das Rondell war damals erstmals für die Bevölkerung geöffnet und ein damaliger Stadtrat raunte ihm zu: „Machen Sie weiter. Staßfurt braucht so etwas.“

Peter Knauf fand Gefallen daran. Er machte weiter. „Das geschichtliche Interesse war vorhanden, aber mir fehlten die fachlichen Aussagen“, sagt er. Also wälzte er dicke Bücher, schaffte sich Literatur an und wurde so über die Jahre zu einem Historienkenner.

Immer zuverlässig

Sein Schatz blieb dabei immer das Rondell. Das weiß auch die eigene Familie. „Mein siebenjähriger Urenkel hat mal zu mir gesagt: Du hast ja eine eigene Burg“, erzählt Knauf lachend. Aber in gewisser Weise hat der Dreikäsehoch dabei das Verhältnis von Peter Knauf zu der Festungsanlage auf den Punkt gebracht. Schon ab 2000 bot Knauf erweiterte Rondellführungen an. Schnell wurde er zum allgemeinen Experten für Staßfurts Geschichte. „Über das Mittelalter gibt es so gut wie kein Material“, sagt Knauf. „Es ist also auch nicht ganz klar, wann die Altstadt das Stadtrecht bekommen hat.“ Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert. Spätestens 1180. Alt-Staßfurt existiert aber schon länger und wurde 806 erstmals erwähnt.

All die Geschichten rund um Staßfurt zu erzählen war eine unentgeltliche Herzensangelegenheit für Knauf. „Es hat immer Spaß gemacht“, sagt er. „Er war immer sehr zuverlässig und bescheiden. Es gab nie Probleme“, sagt Museumsleiter Michael Scholl. „Ich hoffe, dass er dem Museum verbunden bleibt.“ Die Tür steht immer offen für Peter Knauf.

Dass der Hecklinger immer gut ankam, lag vielleicht auch an den Faustregeln, die er selbst aufgestellt hat und sein ganz eigenes Erfolgsgeheimnis sind. Einer seiner ersten Sätze bei Beginn jeder Führung ist: „Wenn Sie Fragen haben, ich heiße Peter.“ Das baut Hemmungen ab. Zudem sieht er zu, nicht zu sehr bei historischen Zahlen ins Detail zu gehen. Manchmal reicht die Aussage, um welches Jahrhundert es sich handelt. „Zudem darf die Führung nicht zu lang sein.“ In Freiburg war er Zuhörer bei einer Führung, die über drei Stunden ging. Die Hälfte der Touristen war schon vor dem Ende verschwunden. Das nahm er auch für seine Führungen mit, die nicht länger als anderthalb Stunden gehen.

Wenn im September dann damit Schluss ist, wird Peter Knauf aber keinesfalls die Beine hochlegen. „Ich möchte mich weiter beschäftigen. Ich habe 700 Quadratmeter Schrebergarten“, sagt er. „Den habe ich 2020 dann 50 Jahre.“ Und das nächste Projekt steht schon in den gedanklichen Startlöchern. Er plant eine Gartenchronik zu erstellen. Ansonsten genießt er die etwas ruhigere Zeit. „Ich bin glücklich und zufrieden mit meiner Gesundheit.“

Nachfolger schon da

Den Rückzug in Raten kann Peter Knauf jetzt auch angehen, weil ein Nachfolger schon vorhanden ist. Seit 2017 führt auch Jörg Puhl aus Aschersleben Stadtführungen in Staßfurt durch. „Er macht es gut, ist lernwillig, hat gute Kenntnisse“, lobt Michael Scholl. Gern hätte der Museumsleiter noch mehr Stadtführer. Aber: „Man muss Leute finden, die geeignet sind“, so Scholl. Und dass die Führungen oft am Wochenende sind, schreckt ab. Peter Knaufs gibt es eben nicht an jeder Straßenecke.