Staßfurt l Den Namen der Sängerin möchte Hans-Joachim Müller nicht verraten. Das könnte zu viel Staub aufwirbeln. Aber die Geschichte erzählt er sehr gerne. „Es gab da diese Sängerin einer DDR-Band, die hat sich während des Konzerts einen Mann im Publikum ausgesucht, den sie danach mit hinter die Bühne und ins Bett genommen hat“, sagt er. Das Pikante: „Ihr Mann stand an der Technik.“ Wenn Hans-Joachim Müller solche Geschichten erzählt, dann schüttelt er heute lachend sein von grauen Haaren bedeckten Kopf. 79 Jahre alt wird Müller im Mai. Dabei wirkt er fit. Er könnte locker für Ende 60 durchgehen. Und das trotz des überaus wilden Lebens, das er geführt hat.

Hans-Joachim Müller ist gebürtiger Staßfurter. Er ist in der Grundschule Löderburg zur Schule gegangen, zog dann aber später nach Magdeburg und Berlin und machte sich in der Musikszene einen so großen Namen, dass er als „Staßfurter Persönlichkeit“ gilt. Er gehört also zu jenen 35 Menschen, die 2018 im Stadt- und Bergbaumuseum Staßfurt für besondere Verdienste um die Stadt geehrt wurden. Wie verbunden Müller, der heute in Magdeburg wohnt, seiner Stadt noch immer ist, zeigt die Tatsache, dass er ab dem 15. März bis zum 7. Mai eine Ausstellung im Museum hat mit dem Titel: „Staßfurt – Meine Geburtsstadt“. Hier zeigt er Staßfurter Aufnahmen von oben, die er mit seiner Drohne gemacht hat. Müller zeigt so sein Hobby, das er schon seit frühester Kindheit hat: die Fotografie.

Wild ging es im Leben von Hans-Joachim Müller aber vor allem zu, weil er zu DDR-Zeiten als Musikmanager quasi alle bekannten Rockbands persönlich kennengelernt hat. Puhdys, Karat, Silly oder Holger Biege waren zum Beispiel die Bands, für die Müller Verträge aufgesetzt hat. Er organisierte Veranstaltungen, sprach die technischen Sachen ab, reiste durch die kleine Republik. „Da wurde viel gesoffen, bis 3 oder 4 Uhr morgens. Die hingen alle ein bisschen am Tropf. Ich habe in dieser Branche nur Kaputte kennengelernt“, sagt Hans-Joachim Müller. „Was da unter den Bands gekungelt wurde.“ Er lacht wieder. „Ich war nur unterwegs. Das war eine heiße Zeit. Heute weiß ich: Das war eine tolle Zeit. Ich bereue es auf keinen Fall.“ Müller selbst war einigen wilden Sachen nicht abgeneigt. 2020 ist er zum vierten Mal verheiratet. Das ist auch irgendwie bezeichnend.

Autodidaktisch erlernt

Angefangen hatte ja alles mit einer Lehre im Fernsehgerätewerk (FSGW) in Staßfurt als Werkzeugmacher. Das war 1955. Nach dem Dienst bei der Armee hatte er 1960/1961 die FSGW-Combo mit aufgebaut. Auch in anderen Bands in Staßfurt spielte er mit. Müller kann Klavier, Gitarre, Bass und Akkordeon spielen. Und das Multitalent war auch damals schon technisch versiert und gut organisiert. „Einer musste ja mit den Veranstaltern reden, zum Beispiel Übernachtungen klar machen“, erzählt Müller. Das war Hans-Joachim Müller. „Das hat sich dann herumgesprochen.“

Seine letzte richtige Arbeitsstelle hatte Hans-Joachim Müller als Leiter des Cafè Impro in Magdeburg. Von 1975 bis 1981 spielte er auch in der Schubert-Formation, die später Schubert-Band hieß. Dort spielte er Perkussion. Bekannt war die Band auch durch ihren Sänger Holger Biege, der später eine Solokarriere startete und DDR-weit bekannt wurde.

Was vor allen hängen blieb, war das Geld. Man muss das so sagen: Hans-Joachim Müller war zu DDR-Zeiten ein reicher Mann. „Der Neid war riesengroß“, sagt er. Vor allem, weil er sich alles autodidaktisch beigebracht hatte. Durch das Aushandeln von Verträgen mit bekannten Bands bekam „Ami“ Müller gutes Geld. Schon zu DDR-Zeiten fuhr er einen Golf, der damals 60.000 DDR-Mark gekostet hat. Für jeden normalen Bürger natürlich ein unbezahlbarer Preis.

Erste Kamera: Pouva Start

All die Jahre hat Müller aber neben der Musik auch ein Hobby gehabt, das ihn geerdet hat. Mit 12 oder 13 Jahren hat er sich mit einer Agfa Box erstmals an einer Kamera ausprobiert. Vom Konfirmandengeld holte er sich für 40 bis 50 DDR-Mark eine Pouva Start von Photo Klich am Wasserturm in Staßfurt. „Ich habe alles fotografiert“, erzählt Müller. Später ließ er dann auch Farbfilme entwickeln und fuhr daher bis nach Berlin. In den 1960er Jahren besaß Hans-Joachim Müller seine erste Spiegelreflexkamera mit festem Objektiv.

Wie viele Kameras er bisher in seinem Leben im Besitz hatte? „30 reichen nicht“, sagt Müller. „Ich habe viel verdient und konnte mir einiges leisten.“ In den 1970er Jahren holte er sich im Intershop die erste Videokamera, damit schnitt er bereits Bandauftritte mit.

Auch nach der politischen Wende 1989/1990 hielt er an seinem Hobby fest. Beruflich war er jetzt als freiberuflicher Programmgestalter und viel auf Stadtfesten in der Region unterwegs. Einen Draht zum Stadt- und Bergbaumuseum in Staßfurt hielt er über all die Jahre. „Ich kenne Michael Scholl schon, seitdem er so groß ist“, sagt Müller und hält seine flache Hand kurz über der Tischkante. Den heutigen Leiter des Museums kannte er also schon als Kind. „Ich gucke öfter im Museum vorbei. Staßfurt ist für mich Heimat.“ Auch wenn er in den 1970er Jahren weggezogen ist.

Und so war es eben auch nicht abwegig, dass Hans-Joachim Müller mal eine Ausstellung bekommt. Seine erste übrigens im Stadt- und Bergbaumuseum. „Michael Scholl kam auf mich zu und hat mich gefragt, da hatte ich gerade meine Drohne.“ Er holte sich die Genehmigung von der Stadt Staßfurt und schoss also von Januar bis Mai 2019 Bilder von oben. Zwölf bis 14 Bilder werden die neugierigen Besucher ab Mitte März dann im Museum in der Pestalozzistraße bestaunen können. Denn Hans-Joachim Müller ist eben ein fotografierender Tausendsassa. Ein Mann mit vielen Hobbys.