Staßfurt l Am Ende konnte Karin Ferkau nicht mehr anders. Die Arme breitete die 68-jährige Atzendorferin weit aus und nahm die ihr eigentlich fremde Frau in den Arm und schaute ihr tief in die Augen. Der Frau, die sie gerade erst vor nicht einmal zwei Stunden kennengelernt hatte. Aber wer mitfühlt, kennt keine Berührungsängste. Und Nähe schafft Verbundenheit. Auch im Geiste.

Karin Ferkau ist eine von vier ehrenamtlichen Hospizbegleitern, die es seit Oktober 2018 in Staßfurt und der Umgebung gibt. Das heißt: Karin Ferkau plus zwei weitere Frauen und ein Mann sind nun das personifizierte offene Ohr für Menschen auf deren letzten Weg. Menschen, die unheilbar krank sind, sollen nicht allein sterben. Das ist die große Klammer, die die Hospizbegleiter zu den Menschen führt.

„Keiner möchte allein sterben“, sagt Stefanie Maihold, leitende Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes der Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg. Die diakonische Einrichtung kümmert sich natürlich medizinisch um die schwer kranken Menschen in ihren Wohnungen. Doch immer wieder und immer öfter stellen die Pfleger fest, dass es über den reinen Pflegebedarf hinaus noch andere zwischenmenschliche Bedürfnisse gibt. Nicht nur bei den Kranken, sondern auch den Angehörigen. Hier kommen die ehrenamtlichen Hospizbegleiter ins Spiel.

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Zeit verschenken als Motivation

In Magdeburg gibt es 77 solcher Zuhörer aus freien Stücken mit großem Herz. Der Standort Staßfurt ist neu seit 2018. Über eine Anzeige in der Volksstimme Anfang 2018 waren Karin Ferkau und Melanie Zok aus Cochstedt aufmerksam geworden. Und für beide Frauen war es keine Frage, dass sie sich engagieren wollen.

Karin Ferkau hat seit 1976 im Bereich der Altenpflege gearbeitet, bevor sie 2016 in Rente ging. Sie hat viele Menschen berufsbedingt in den Tod begleitet. Was sie immer geärgert hat: Als Altenpflegerin hatte sie nie so viel Zeit für Gespräche. „Da gab es Druck, es wurde geklingelt, ich musste weiter“, erinnert sie sich. „Jetzt habe ich Zeit und keine Verpflichtungen.“ Sie will etwas zurück geben.

Ähnlich sieht es auch bei Melanie Zok aus. Die 47-Jährige ist kirchlich engagiert und hat eine ganz simple Motivation. „Ich möchte Zeit verschenken“, sagt sie. Was sie mitbringen muss? Nicht viel. Nur Menschlichkeit. „Ich muss nur so sein, wie ich bin“, erklärt Zok. „Empathie und Sympathie ist das allerwichtigste.“

Im Frühjahr 2018 gab es eine erste Gesprächsrunde, danach ein Dreivierteljahr freitags oder sonnabends Blockseminare, in denen vor allem alle Interessierten lernen mussten, wie sie mit dem Tod umgehen und wie man sich ihm behutsam nähert. Dabei werden natürlich auch die zukünftigen Begleiter befragt. „Das Bauchgefühl muss stimmen“, sagt Stefanie Maihold. „Die Person muss mit beiden Beinen im Leben stehen, ein stabiles Umfeld haben.“ Wichtig ist auch, dass die Zuhörer selbst nicht trauern. „Die akute Trauerphase sollte vorbei sein“, so Maihold. Der Tod eines Angehörigen sollte also länger als ein Jahr her sein.

Im Oktober 2018 haben die vier ehrenamtlichen Hospizbegleiter ihre Ausbildung abgeschlossen, wurden dabei auch mit einem Zertifikat und Segensworten in der Kapelle der Staßfurter Urania ausgezeichnet.

Der Mensch ist wichtig

Dabei lernten auch alle Teilnehmer viele Dinge über sich selbst. Weniger Fachwissen ist wichtig, dafür Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Kommunikation. Der Mensch steht im Mittelpunkt. „Ich habe mich verändert“, sagt Melanie Zok. Sie hinterfragt sich selbst, ihr Konsumverhalten. „Ich bin gesund, führe ein glückliches Familienleben, das ist das höchste Gut. Es ist wichtig, sich selbst zurückzunehmen und anderen zu helfen. Mir ist bewusst geworden, dass viele den Tod verdrängen.“ Das bestätigt auch Stefanie Maihold. „Früher wurde der Tod nicht so rausgeschoben, das passiert erst seit den letzten zehn bis 20 Jahren.“

Und auch die Pfeifferschen Stiftungen haben die Beobachtung gemacht, dass immer mehr Menschen im Alter ganz allein sind, niemanden mehr zum Reden haben. Und wer allein lebt, stirbt auch allein. Ein trauriger Zustand, der alle aufrüttelt. „Man sollte auch mal auf seine Nachbarn aufpassen, nachfragen, wie es ihnen geht. Es gibt so viele, die keine Freunde oder Bekannte mehr haben. Das werden gefühlt immer mehr“, erklärt Maihold.

Und wenn es doch Angehörige gibt, dann wächst die Pflege von Mutter, Vater, Oma oder Opa schier über den Kopf. „Die Pflege in den eigenen vier Wänden ist eine wahnsinnige Belastung“, meint Maihold.

So wie auch bei der Frau Ende 60, die sich zu Hause um ihre sterbende Mutter kümmerte. Hier war Karin Ferkau gefordert. „Die Tochter hat sich voller Leidenschaft um ihre Mutter gekümmert“, erzählt Ferkau. Was ihr fehlte: Ein Mensch, der ihr einfach zuhört.

Das Gefühl bleibt

Ob Karin Ferkau gezögert hat, sich auf die Fremde einzulassen? Sie überlegt, sagt dann: „Ja, ich hatte eine Hemmschwelle. Doch die Angst war schnell verflogen.“ Am Ende des ersten Gesprächs gab es die innige Umarmung. Gut einen Monat kümmerte sich Ferkau um die Tochter, dann starb deren Mutter. Damit war auch die „Arbeit“ von Karin Ferkau beendet. Tränen flossen, es wurde getrauert. Was aber bleibt, ist die innere Wärme, die den Abschied etwas leichter gemacht hat. „Es war ein schönes Gefühl, helfen zu können. Am Ende habe ich gedacht, wir könnten Schwestern sein“, so Ferkau, die danach auch mit dem Fall abschließen konnte. Was sehr wichtig ist. Melanie Zok hat noch keinen sterbenden Menschen begleitet. Genug geerdet für den kommenden Moment ist sie aber schon.

Und immer geht es darum, die Betroffenen ernst zu nehmen. In allen Situationen. „Wenn zum Beispiel ein Patient sagt, er will unbedingt nochmal reisen, dann ist es wichtig, mit ihm mal in den Katalog zu schauen“, erklärt Zok.

Beide wissen, dass der Sterbende nie wieder eine große Reise machen wird. Aber das Gefühl, träumen zu dürfen, beflügelt. Zuhören, loslassen, ankommen sind große Schlagwörter, nach denen sich die Hospizbegleiter richten. „Früher habe ich es oft bereut, dass ich keine Zeit hatte“, sagt Karin Ferkau. Nun verschenkt sie diese voller Freude und versucht jenen ein positives Gefühl zu geben, die keine Zeit mehr haben.

Sie möchten sich auch zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter ausbilden lassen? Stefanie Maihold steht unter amb.hospizdienst@pfeiffersche-stiftungen.org und (0172) 718 72 59 für Fragen zur Verfügung.