Staßfurt/Schönebeck l„Es ist ein einziges Chaos! Wir versuchen seit Tagen, für die Eltern (Jahrgang 1935) einen Termin zu bekommen ...aussichtslos!“ reagierte Dr. Ute Bank aus Staßfurt auf die Aussagen von Landrat Markus Bauer und dessen Stellvertreter Thomas Michling im Beitrag „Impfbereit ... für Termin-Inhaber“ (Ausgabe Freitag, 8. Januar). Hier ging es um die Arbeitsbereitschaft des Impfzentrums in Staßfurt. Und darin wurde auch auf die Terminvergabe-Praxis seit vergangenen Dienstag verwiesen, die nur über die bundesweite Patientenservice-Telefonnummer 116 117 und die Internetseite www.impfterminservice.de erfolgt.

Dr. Ute Bank dazu weiter: „Die Internetseite schien zunächst zu funktionieren, man konnte Bundesland und Impfzentrum auswählen, bekam via SMS einen Vermittlungscode aufs Handy. Nach Eingabe des Codes bekam man eine E-Mail, konnte auf ,Termin 1‘ klicken, und dann erschien regelmäßig ,Es wurden keine Termine gefunden.‘“ Das habe sie mehrfach probiert, und es sei belegbar durch Screenshots, so die Staßfurterin.

„Am Donnerstag erschien dann ,Wartungsarbeiten‘; seither funktionierte die Seite nicht mehr. Man muss bei der Altersgruppe 80+, um die es im Moment geht, zum einen die Sinnhaftigkeit einer dermaßen komplizierten Online-Terminvergabe hinterfragen (mehrere Schritte, SMS, E-Mail), zum anderen sollte man eine funktionstüchtige Seite erwarten können“, meint Dr. Ute Bank. Sie teilt weiter zur telefonischen Terminvergabe mit: „Die Freischaltung der Leitungen erfolgt laut Seite des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration von 8 bis 22 Uhr, laut Bandansage auf der 116 117 aber von 8 bis 20 Uhr. Bei unseren wiederholten Versuchen sind wir regelmäßig nach etwa 15 Minuten aus der Warteschleife „geflogen“. Also ist auch dieser Weg nicht praktikabel. Warum ist man nicht in der Lage, die Leute 80+ per Brief, der auch gleich den Aufklärungs- und Anmeldebogen enthält, zur Impfung einzuladen? Terminschwierigkeiten sollten in dieser Altersklasse doch kaum bestehen! Es ist und bleibt unverständlich!“

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Sehr empört reagierte auch Ethel-Maria Muschalle-Höllbach aus Groß Börnecke. „Ich habe mir eine Stunde lang die Finger wund gedrückt mit der 116 117.“ Auch über die Impfservice-Adresse im Internet sei eine Terminvereinbarung aussichtslos.

„Die Leute fragen mich, ob ich ihnen Termine besorgen kann“, so die Hecklinger Stadtratsvorsitzende. „Ich verstehe die Leute. Wer alt ist, wer ängstlich ist – wo soll der hingehen? Soll ich erst mit den Namen zum Impfzentrum gehen?“, ist sich Muschalle-Höllbach natürlich bewusst, dass das auch nichts bringen würde. „Da muss man sich doch andere Methoden einfallen lassen, wie jeder zu seinem Impftermin kommt, der das möchte.“ Die Lokalpolitikerin nennt als Beispiel die Handhabung wie bei der Brustkrebs-Vorsorge, wo Termine angeboten werden.

Sie habe jedenfalls bis jetzt alles mitgetragen, was Corona-Verordnungen anbetrifft. „Aber wenn ich keinen Impftermin kriege, fühle ich mich auch eingesperrt.“

Da es noch zahlreiche weitere Beschwerden von Lesern über die Praxis der Impftermin-Vergabe gibt, starten wir am Sonnabend, ab 13.30 Uhr, einen Selbstversuch aus der Staßfurter Volksstimme-Redaktion. Erst per Telefon, dann per Internet.

Versuch bundesweites Patientenservice-Telefon der Kassenärztlichen Vereinigung (KV): Nach Wahl der 116 117 reagiert ein Anrufbeantworter der regionalen Servicestelle und dirigiert weiter, man möge die 1 drücken, wenn es um einen Impftermin gehe. Es funktioniert, und wir landen beim Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt. Auf die Test-Erklärung, ob die Anmeldung mittlerweile besser laufe, reagiert eine Frau freundlich. Das Problem sei, Impftermine würden unter dieser Nummer nur unter der Woche, ab 8 Uhr, vergeben. Am Wochenende bediene man nur den Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst. Die freundliche Frau ergänzt, dass in der Woche die Leitungen zu voll sein könnten und verweist auf die Homepage der KV Sachsen-Anhalt als Alternative.

Nicht so gute Idee. Es überwiegen Infos zu Abrechnungsmodalitäten für Impfungen. Ich versuche es mit www.116117.de und erlaube mir, mich „ein paar Tage“ älter zu machen. Meine Schnellprüfung für über 80-Jährige erfolgt schnell und wird als „erfolgreich“ angegeben. Diese Prüfung berechtige allerdings nicht zu einer Impfung, heißt es. Ich dürfte jetzt aber einen Impftermin buchen. Nun müsste man E-Mail-Adresse und Telefon-Nummer („zur SMS-Verifizierung“) eingeben, um einen Vermittlungscode anzufordern. Wie viele über 80-Jährige haben eine E-Mail-Adresse oder wissen mit einer SMS-Verifizierung etwas anzufangen? Mit Rücksicht auf tatsächlich Impfberechtigte breche ich hier ab. Seite 8

Über ihre schlechten Erfahrungen, vergangene Woche an einen Impftermin zu kommen, berichteten auch folgende Leser.

Hilmar Jaenecke aus Förderstedt

wollte für seine über 80-jährige Mutter und für sich – auf Empfehlung seiner Ärztin, da er schon zwei Mal unter einer Lungenembolie litt – einen Termin im Impfzentrum vereinbaren. „Das klappte nicht", er ist stinksauer. Nachdem er erst bei Ameos angerufen hatte, die ihn ans Gesundheitsamt des Kreises verwiesen, wo man ihn wiederum an die 116 117 verwies, sei es erst richtig losgegangen.

„Als ich dann irgendwann einen Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung hatte, sagte ich ihm, dass ich einen Termin im Impfzentrum in Staßfurt machen wolle. Er meinte dann, dass er mich dazu mit dem zuständigen Bundesland verbinden müsse – und dann landete ich irgendwie Nordrhein-Westfalen. Die waren natürlich nicht zuständig, konnten mich aber auch nicht an die richtige Nummer weiterleiten und haben aufgelegt." Als Hilmar Jaenecke dann ein weiteres Mal die 116 117 anrufen wollte, sei die Leitung immer überlastet gewesen.

„Ich habe es über zwei Stunden immer wieder probiert. Dann hat es irgendwann doch nochmal geklappt und ich wurde dann auch korrekt zu einer Frau verbunden, die für Terminvergaben in Sachsen-Anhalt zuständig ist. Die konnte  mir aber nur sagen, dass das ‚Impfbuch in Staßfurt geschlossen ist‘. Dass es keine Termine mehr gibt, weil der Impfstoff alle ist. Ich soll es nächste Woche nochmal versuchen." Weitere Kritik des Förderstedters: „Es sollen erst die über 80-Jährigen geimpft werden, aber für die ist das doch kaum zu schaffen, einen Termin zu vereinbaren. Das mit der Hotline klappt ja offensichtlich nicht gut und die Online-Variante ist für die meisten älteren Menschen gar keine Option. Und wenn die alleine sind und niemanden haben, der das für sie macht, dann sehe ich da schwarz."

„Das mit den Terminen funktioniert ja irgendwie gar nicht", fasst

Elke Fratzke aus Schönebeck für sich zusammen. „Es hieß, dass man ab Dienstag Termine für die Schutzimpfung vereinbaren kann. Also habe ich bei der 116 117 angerufen. Ich musste sehr lange warten, bis ich dran war, nur um mir dann sagen zu lassen, dass erst ab Montag (11. Januar) Termine vergeben werden würden. Ich bin enttäuscht." Terminvereinbarungen sind jedoch tatsächlich schon seit Dienstag möglich sein, informierte der Salzlandkreis in der vergangenen Woche.

 

Hans-Werner Stille aus Glöthe

ist der Meinung: „Wie das mit der Terminvergabe läuft ist empörend. Die Telefone sind überlastet und über die Website kommt nur der Hinweis, dass derzeit keine Terminvergabe möglich ist."