Staßfurt l Die Hände der Schüler hatten anscheinend nur darauf gewartet, endlich hochgehen zu dürfen. „Wer weiß denn schon, was er nach der Schule machen möchte?“, fragte Stefan Beyer von der Staßfurter Wirtschaftsförderung, als er kürzlich die 13. Klasse am Staßfurter Standort Salzwerkstraße der Berufsbildenden Schulen des Salzlandkreises Wema besuchte. Fast alle Hände der über 20 Schüler im Klassenraum gingen hoch.

Wer die Jugend verteufelt, hört ihr vielleicht nicht gut genug zu. Statt Flausen im Kopf haben fast alle angehenden Schulabgänger in Staßfurt bei der Wema ein klares Ziel: Studieren. Die meisten wissen auch schon, in welche Richtung es gehen soll. „Ich möchte etwas studieren, was mit Menschen zu tun hat“, sagt Luca Stahmann. Die soziale Ader pumpt also ziemlich stark bei ihm.

Natürlich gibt es aber auch den einen oder anderen, der noch unsicher ist. Und vielleicht ist das Berufsziel auch im Wandel. Die Zeit will es ja, dass wir menschlichen Individuen immer flexibler und spontaner reagieren. Und gerade in den neunten oder zehnten Klassen an den Sekundarschulen, die sich so langsam auf ihren Abschluss vorbereiten, herrscht oft Achselzucken bei der Frage: Was will ich eigentlich werden?

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45 Unternehmen dabei

Licht ins Dunkel kann dabei zum Beispiel der Studien- und Berufsorientierungstag (SBOT) bringen, der in 2020 wegen der Corona-Pandemie ausschließlich digital stattfinden wird. Die Mitarbeiter der Wirtschaftsförderung haben dabei dank der Hilfe einer Magdeburger Firma eine browserbasierte Anwendung aus dem Boden gestampft. Am 1., 7. und 14. Oktober können sich dabei jeweils fünf Schulen aus Staßfurt und Umgebung mit jetzt 45 Unternehmen aus der Region an einem Präsenztag in Verbindung setzen.

Doch wie funktioniert der SBOT+ auf dem Smartphone eigentlich? Eigentlich ist es in gewisser Weise selbst erklärend. Die Anwendung funktioniert wie eine App, ist aber keine. Zu bedienen ist die Anwendung über große Buttons, die die Jugendlichen aus ihrem Alltag kennen.

So fragt die Anwendung zu Beginn den Nutzer, ob er schon weiß, was er werden möchte. Dann kann sich über Buttons wie Berufe, Unternehmen, Abschlüsse, Hochschulen, Entfernung, Praktikum und Favoriten informiert werden. Firmenprofile und kleine PR-Videos können angeschaut werden. Merchandising kann bestellt werden und was vor allem wichtig ist: Direkter Kontakt ist möglich. Mit einem Klick auf dem Handy gibt es einen Anruf in der Firma. Manche Firmen haben auch einen WhatsApp-Chat einbetten lassen.

Interessencheck hilft

Sollte der Schüler noch gar nicht wissen, in welche Richtung es gehen soll, kann dieser einen Interessencheck durchführen. Per Klick auf einen fröhlichen, missmutig oder neutral schauenden Smiley muss sich der Schüler durch verschiedene Bereiche durcharbeiten. Wie steht es um das Organisationstalent? Wie um die mathematischen Fähigkeiten? Wie sieht es mit dem Verhandlungsgeschick aus? Besteht Interesse an handwerklicher oder eher an kreativer Arbeit?

Insgesamt sechs verschiedene Blöcke mit dutzenden Unterrubriken sollten durchgearbeitet werden. Am Ende weiß das Programm, welche Bereiche beruflich in Frage kommen. Hier kann dann aus einer Übersicht von Berufen oder Unternehmen ausgewählt werden. Auch dann wieder: Videos und Beschreibungen der Unternehmen folgen. 45 Unternehmen würden laut Wirtschaftsförderung bisher mitmachen.

Die Anwendung soll dabei geschickt Gewohnheiten der Jugendlichen aus den sozialen Netzwerken auffangen. Liken, Herzchen setzen. So wie das bei Facebook, Instagram und Co. läuft, funktioniert es auch in der Anwendung SBOT+, die die physische Messe der vergangenen Jahre ersetzt.

Vorige Woche gab es noch vor dem offiziellen Start einen Stresstest am Staßfurter Standort der BBS Wema in der Salzwerkstraße. „Es zieht viel Akku“, sagt da ein Schüler. Bei Fränze Rockmann ging der Interessencheck zuerst nicht. Das lag aber an den Cookie-Einstellungen. Bei Florian Kurtz sprang die Qualität automatisch, wenn er sich Videos der Firmen anschaut. Er hätte es lieber selbst eingestellt.

Tim Emmert wusste schon vorher, welche Richtung er einschlagen möchte und wurde bestätigt. Er will etwas im sozialen oder medizinischen Bereich machen. Genau das habe der Interessencheck auch ergeben. Der Aufbau der Website sei gut, das System mit den Smileys ebenfalls. Caspar Unger wünschte sich einen Chat statt der Möglichkeit des Anrufs beim Unternehmen. Das liegt hier aber am Unternehmen selbst, das die Optionen frei schalten lassen muss.

Was aber mehrere Schüler bemängeln: Die Studiengänge fehlen. Wobei der SBOT+ diese Tiefe an Informationen auch gar nicht erfüllen kann und will. „Der SBOT+ ist als digitaler Flyer zu sehen“, sagt Stefan Beyer von der Wirtschaftsförderung. Generell galt: „Wir sind zufrieden und haben viele Dinge mitgenommen.“ Auch Lehrer Lieven Götzel. „Das ist für uns alle Neuland. Es ist grundsätzlich gut, dass es das gibt. Es ist wichtig, die Fachkräfte in der Region zu halten“, sagt er. Der SBOT+ leiste seinen Beitrag.

Gute Resonanz

In der vergangenen Woche gab es dann den ersten richtigen Durchlauf bei fünf Schulen. Mit dabei war unter anderem die Ganztags-Sekundarschule „Am Tierpark“ in Staßfurt. „Dort wurde es von den 10. Klassen sehr gut angenommen. Die Klassen waren sehr motiviert“, sagt Janine Sparmann von der Wirtschaftsförderung. Was die Organisatoren überraschte: Auch die Zehntklässler haben viel telefoniert. „Wir hätten gedacht, dass diese gehemmter sind und eher schreiben wollen“, so Sparmann. Die 9. Klassen hingegen wären zögerlich gewesen mit einem Anruf beim Unternehmen.

Bei einigen beliebten Firmen wie Kaufland, Lidl, Ameos, DRK oder Bischoff war dabei die Kontaktfrequenz recht hoch. Hier waren einige Zehntklässer etwas ungeduldig, weil im Chat der entsprechende Mitarbeiter nicht sofort geantwortet hat. Auch daraus lernt die Wirtschaftsförderung. „Vielleicht braucht es in Zukunft mehr Mitarbeiter, die die Betreuung übernehmen“, so Sparmann.

Stefan Beyer berichtet von der Ganztagsschule an der Wasserburg Egeln, dass es Probleme mit dem W-Lan gab. „Die Auslastung hat nicht gereicht“, so Beyer. „Der Router kam nicht überall hin.“ Ähnliches berichtet Sparmann von der Tierpark-Schule in Staßfurt. Auch hier war das W-Lan überlastet. Daraus werden Lehren gezogen. „Wir müssen das weiter streuen und mehr aufteilen“, sagt Stefan Beyer. So könnten in Zukunft nicht mehr alle sechs Klassen gleichzeitig ins Netz. In einem Zeitfenster könnten höchstens zwei Klassen den SBOT+ nutzen. Ein weiteres Feedback: „Viele haben sich mehr Chatmöglichkeiten gewünscht über WhatsApp“, meint Sparmann. Das müssen die Firmen aber eben freigeben. Generell galt: „Keiner hat es komplett abgelehnt, viele wünschen sich einen Mix aus physischer und digitaler Messe“, sagt Beyer.

Für die Zukunft kann sich die Wirtschaftsförderung vorstellen, daher beides parallel laufen zu lassen. Der erste digitale Studien- und Berufsorientierungstag ist daher also nur der Wegbereiter für die zunehmende Digitalisierung von Messen. Auch ohne Corona.

Unternehmen aus der Region können immer noch beim SBOT+ mit machen. Dieser läuft noch den ganzen Oktober. Unternehmen, die Lehrlinge suchen, können ihr Interesse am SBOT+ per Mail an sbot@stassfurt.de anmelden. Die Teilnahme kostet 89 Euro. Wie kommt der SBOT+ eigentlich bei den Unternehmen an? Das erfahren Sie demnächst im dritten Teil unserer Serie.