Cochstedt l Renate Schulmeister ist die gute Seele der Spaßmacher und mischt im Hintergrund leise, aber fleißig Jahr für Jahr mit. Auch zum Auftritt am Sonnabend hat sie ihren „Näh-Notfallsack“ mit dabei. Die grau-braune Veritas näht und näht und näht. Die Nähmaschine gehört einer Frau, der das gute Stück seit vielen Jahrzehnten treue Dienste leistet. Das Gerät rattert nach wie vor auf Hochtouren. Wie viele Kleider, Röcke und Hosen Renate Schulmeister damit schon kreiert hat, kann sie so genau nicht sagen. Es müssen mehrere hundert Sachen gewesen sein. Nach der Wende, erinnert sich die gelernte Schneiderin, sei das maßgeschneiderte Nähen eigener Sachen ein bisschen aus der Mode gekommen. Kein Wunder, die viele neuen Kleider in den Läden seien plötzlich bunt, modern und erhältlich gewesen. Das habe es in der DDR ja so nicht gegeben. Da habe man kreativ sein müssen. Schöne und vor allem farbenfrohe Stoffe gab es nur schwer zu kaufen.

Das hat sich mittlerweile geändert und das Nähen eigener Kleidungsstücke erfreut sich derzeit auch ein bisschen einer Renaissance. Doch selbst wenn das nicht so wäre – Renate Schulmeister würde weiter nähen. Und das macht sie in Cochstedt nicht für sich oder Leute, die gern schick gekleidet sein möchten, sondern für einen Verein. Er ist mit der Größte in Cochstedt. Die Rede ist von den Karnevalisten des CKV.

Spricht man die Jecken auf Renate Schulmeister an, reden sie von ihrer „treuen Seele“. Wenn am Sonnabend wieder zur Prunksitzung im ausverkauften Saal des Speisebetriebs „König“ in Schneidlingen die Post abgeht, wird Renate Schulmeister auf jeden Fall im Publikum sitzen und die Show genießen. Doch ob sie wirklich dazu kommt, ist nicht sicher. Es könnte sein, dass plötzlich während eines Auftritts was Unvorhergesehenes passiert. Eine Naht nicht hält oder jemand ausfällt, dafür wer anderes einspringen muss, das Kostüm aber zu groß oder zu klein ist oder ein Kostüm verwechselt wurde. Als Beispiel erzählt sie, wie ein Kleid von Größe 46 schnell auf Größe 38 abgesteckt werden musste, dass niemandem auffällt, dass es viel zu groß ist. Renate Schulmeister lächelt. Sie liebt den Karneval.

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Mitglied seit 1990

1990 erinnert sie sich, ist sie als 38-Jährige in den Verein eingetreten. Schon vorher hat sie immer mit gefeiert, wenn die Jecken zu Veranstaltungen luden. Doch zu der Zeit kam sie nicht dazu, selbst mitzumachen, weil sie studierte und keine Zeit blieb.

Eigentlich wollte Renate Schulmeister nach ihrer Ausbildung zur Schneiderin Modedesign studieren. Doch das Zeichnen hat ihr nicht so gelegen. Da wählte sie den Schwerpunkt Technologie an der Fachhochschule für Bekleidung in Berlin.

Doch zurück zum Karneval. Bis 2006 tanzte Renate Schulmeister selbst mit, sang und feierte auf der Bühne. „Ein großer Freundeskreis hat mich über die Jahre immer unterstützt. Das ist noch heute so“, sagt sie dankbar. Dabei gibt sie selbst sehr viel.

Seit 1990 näht sie die Kostüme für die Auftritte der Jecken. Session für Session immer wieder andere Sachen. Ganz am Anfang wurde alles komplett selbst geschneidert. Mittlerweile kaufen die Jecken auch Sachen dazu. Die müssen aber auch abgeändert werden. Ganz ohne eigene Mode kommt die Show aber nicht aus. Das ist auch dieses Jahr der Fall. Ponchos in den Farben des Regenbogens werden über das Parkett wedeln. Und für die ganz Kleinen und etwas Größeren im Verein, also für die Kindertanzgruppen wird nach wie vor alles in eigener Regie angefertigt. Über zehn Röcke mit Tupfen, elf Blusen und dazu passende Tücher. „Damit fange ich immer im August an“, berichtet die Cochstedterin. Im November pünktlich zum 11.11. muss alles fertig sein. Rund 200 Stunden im Jahr näht Renate Schulmeister. In dieser Session hat sie schon ungefähr 180 Stunden Zeit investiert. Wer mit ihr spricht, merkt, mit wie viel Freude ihr das alles macht. Gefragt, ob sie sich an besonders ausgefallene Kostüme erinnern kann, fallen ihr sofort Beispiele ein: „Wir haben schon Tierkostüme gehabt. Das war bisher auch meine größte Herausforderung“, erzählt sie von Elefanten und Eisbären. Vom Cowboy-Kostüm bis zum Schornsteinfeger war schon alles dabei. Um alles so hinzubekommen, wie gewollt, ist nach wie vor Kreativität gefragt. Hier erinnert sich die geschickte Näherin an Umhänge von Vampiren. Die Kragen sollten nach oben stehen. „Da haben wir als Stütze solche Holzstäbe eingebaut, die man beim Arzt nutzt, um in den Mund zu gucken“, lacht sie. Und dann fallen ihr auf Anhieb noch Kleider ein, die so sehr fusselten, dass ihre ganze Wohnung so aussah wie der Stoff.

Töchter auch karnevalverrückt

Doch all das steht hinten an, wenn die Träger der Kleider das Rampenlicht erobern. Dann ist in Cochstedt Karneval und eine Stimmungsrakete nach der anderen wird entzündet. Renates Notsack wird am Sonnabend eingepackt, wenn pünktlich um 19.11 Uhr die Garde einmarschiert. „Denn es kann immer sein, dass mal etwas kaputt geht.“ Dann weiß Renate Schulmeister genau, wenn ihr zugezwinkert wird, dass sie sofort hinter die Bühne geht. Dort trifft sie auch auf ihre Familie. Die Töchter Mandy und Denise wurden frühzeitig mit dem Karnevalvirus infiziert. Beide mischen mit Freude ordentlich mit und sind ebenso wie vermutlich viele andere dankbar und auch ein bisschen stolz, dass der CKV seine eigene treue Modemacherin hat.