Staßfurt l Eine echte Katastrophe wurde am Freitagabend in Staßfurt durchgespielt: Aus dem Sparkassenschiff ist Gas ausgetreten. Eine große Wolke hängt über dem Ort des Geschehens. Der Katastrophenschutz des DRK – die Helfer arbeiten alle ehrenamtlich – muss schnell mehrere Behandlungsplätze auf dem Neumarkt aufbauen. „Wegen der Gaswolke muss das Zelt ein Stück weiter weg aufgebaut werden“, erklärt der Kreisbereitschaftsleiter für den Katastrophenschutz, Christian Ernst, am Rande. Für den Abend hat er einen Vertrag mit der Stadt über den Neumarkt geschlossen.

In 24 Minuten bauen die 13 Katastrophenhelfer aus Staßfurt ihr Zelt auf. Maximal 30 Minuten haben sie laut Vorschrift dafür Zeit. Dabei ist das Zelt, das sich teilweise automatisch aufbläst, noch das einfachste. Drei Behandlungsplätze mit Liegen bauen zum Beispiel Hugo Heldt und Sophie Kuhn auf. Gruppenführer Robin Bartels gibt Anweisungen: „Sind alle Notfallrucksäcke da? Man kann sie übrigens so aufstellen“, zeigt er seinen Leuten einen Trick und er Rucksack steht von allein. Je ein Koffer mit Beatmungsgerät wird dazugestellt. „25 Verletzte können wir hier pro Stunde behandeln“, sagt Christian Ernst.

Das Retter-Baby

Denn das Zelt ist nur die erste Anlaufstelle für Verletzte. Hier soll nur schnell bestimmt werden, wie der Patient weiterbehandelt wird. Die Rettungswagen, die jetzt theoretisch von der Sparkasse gefahren kommen, halten vor dem Zelt ein. Zum Spaß darf auch mal Retter-Baby Aidan Ernst auf der Liege sitzen, damit die Helfer das Auf- und Abladen üben können. Der Kleine freut sich.

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„Vor dem Zelt muss ein Arzt innerhalb einer Minute den Verletzten in eine Kategorie einordnen“, meint Christian Ernst. Der Patient wird dann auf eines der Zelte – eigentlich sind es vier verschiedene Zelte – aufgeteilt. Es gibt fünf Kategorien. Während bei zwei Kategorien, wo der Verletze tot ist oder im Sterben liegt, nichts mehr zu machen ist, heißt „Rot“, er wird sofort ins Krankenhaus geschickt. Bei „Gelb“ ist er schwerverletzt und muss weiterbehandelt werden. Bei Grün kann er sich zwar einen Arm gebrochen haben, ist aber nicht „kreislaufgefährdet“, wie die Helfer sagen.

In den einzelnen Zelten werden die Katastrophenopfer dann nur „anbehandelt“, sprich die wichtigsten Maßnahmen ergriffen. In Zusammenarbeit mit anderen Hilfsverbänden wie dem Arbeiter-Samariter-Bund zum Beispiel würde man vor Ort eine kleine Zeltstadt aufbauen. Dieser Aufwand ist bei einem „Großschadensereignis“ nötig, zum Beispiel ein Zug- oder Busunglück mit dutzenden Verletzten.

Vertrauen wecken

Nachdem Baby Aidan mehrmals auf der Liege fahren durfte, spielen jetzt zwei Mitglieder des Teams die Verletzen. Aus dem Krankenwagen behutsam auf die Liege im Zelt gehoben, spricht jetzt Helfer Florian Krebs mit Hugo Heldt. „In welchem Verein spielen Sie denn Fußball?“, stellt er das Gespräch mit einem echten Patienten nach. Und er redet mit ihm – nicht etwa „weil Florian so gerne quatscht“, wie die anderen witzeln – „sondern weil das Vertrauen erwecken und den Patienten beruhen soll“, sagt Florian Krebs. Deswegen legt er dem Patienten auch ab und an die Hand auf die Schulter.

Ein bisschen feixen müssen die Helfer dabei immer. Sophie Kühn, die auch ein Opfer auf der Liege mimt, hat ein bisschen zu wenig Blutdruck. „Sofort ins Krankenhaus“, machen die Retter ihre Witzchen, aber es liegt wohl nur am drückenden Wetter. Die Retter sind wie eine kleine Familie, denn die sehen sich alle 14 Tage zu solchen Übungen oder zur Theorie in der Von-der-Heydt-Straße. Im letzten Quartal sind die Mitgliederzahlen auf 39 gestiegen, allerdings sind nur 16 Mitglieder aktiv.

„Das allererste ist es, die Vitalparameter zu nehmen“, erklärt Helfer Marco Bartels. Das sind Blutdruck sowie Puls und Sauerstoffsättigung, die sich mit einem kleinen Gerät am Finger messen lassen. „An diesen Werten kann man mehr viel ablesen, wie es mit dem Kreislauf des Patienten bestellt ist.“ Ist das Herzkreislaufsystem in Gefahr, wird es kritisch für den Patienten.

Nadel zittert

„Siehst du, wie die Nadel anfängt zu zittern?“, will Christian Lorenz als erfahrener Kollege der jüngeren Marie Rössing erklären. „Wenn die Nadel leicht anfängt zu wackeln, dann pegelt sich das Gerät auf den zweiten Wert ein“, sagt er.

„Bitte an das Notstromaggregat anmachen“, weist der Gruppenführer Robin Bartels jetzt an. Der Krach geht los. „Auf so einem Behandlungsplatz ist es auch immer laut und so haben wir realistische Einsatzbedingungen“, ruft Robin Bartels zur Erklärung.

Fazit: Für eine Katastrophe wie die Gaswolke bei der Sparkasse sind die Staßfurter Helfer vorbereitet. Bei allem Spaß, den sie miteinander bei solchen Übungen haben, nehmen sie ihre Aufgaben sehr ernst. Es herrscht Disziplin und es wird flink gearbeitet. Für den Außenstehenden ist es immer wieder beeindruckend, was die jungen Leute auf die Beine stellen.