Westeregeln l In malerischer Idylle liegt Westeregeln ganz am Rande des Salzlandkreises. Der Ort mit 2000 Einwohnern versteckt sich hinter einer langen Straße mit vielen Kurven. Auf einem Hügel, vorbei an einem lichtdurchfluteten Park, steht die Kita. Vor zwei Monaten, Mitte August, werden in dieser Kita zwei Vorfälle von Kindesmissbrauch bekannt. Der beschuldigte 26-jährige Erzieher, der jetzt in Untersuchungshaft sitzt, wird sofort verhaftet.

In dem Vorgarten der Kita sitzen mehrere Erzieherinnen und Mütter auf einer Bank, sie plaudern, lachen und grüßen freundlich. Eine Mitarbeiterin kommt freudig herbei und fragt herzlich „Wie kann ich helfen?“ Angesprochen auf die Vorfälle in der Kita, versteinert sie. „Das kann man sich doch denken, wie das damals war“, ist ihr letzter Satz. Schweigend führt die Frau zu einer Vorgesetzten, die aufwendig erklärt, dass es dazu keine Auskünfte gibt und schließlich freundlich vom Gelände verweist.

Viel Schweigen

„Ach, es sind so viele Reporter hier herumgerannt“, sagt die Mutter eines Kitakindes, die gerade den Spielplatz im Park verlassen will. „Wir sind froh, dass das Thema durch ist.“

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Wieso das Thema durch ist, wenn doch die Gerichtsverhandlung erst noch ansteht? „Weil keiner mehr darüber redet“, meint die beherzte Mutter.

Gesprochen wird in Westeregeln tatsächlich kaum mehr über die Vorfälle. „Die Leute haben sich wahnsinnig darüber aufgeregt, die Taten verurteilt“, berichtet eine Frau im Ort von der Zeit direkt nach der Festnahme. Eine weitere Frau meint: „Die Leute waren entsetzt, aber heute spricht eigentlich niemand mehr darüber.“

Professionelle Hilfe

Das sei auch gut so, ist die Meinung im Rathaus. Die Verwaltung der Verbandsgemeinde Egelner Mulde verweist darauf, dass professionelle Hilfe nach den Vorfällen organisiert wurde. Gemeinsam mit dem Jugendamt des Salzlandkreises und dem Träger der Kita wurden Eltern, Kindern und Erzieher psychologisch betreut und beraten. Die Verwaltung selbst war tagelang unterwegs, um sich die Sorgen der Eltern anzuhören.

Die Fassungslosigkeit, die damals im Rathaus herrschte, ist heute noch zu spüren. Auch wenn die Menschen ihr Entsetzen mit professioneller Hilfe verarbeitet haben, bleiben die Vorfälle unaussprechlich.

Ein Stück weiter, jetzt direkt im Park, sitzen zwei Mütter am Rande des Sandspielplatzes. „Fragen Sie ruhig, Sie stören uns nicht“, fordern die gut gelaunten Damen auf. Auch ihre Gesichtszüge versteinern jetzt und werden ernst, als sie wissen, um welches Thema es geht. „Da geben wir keine Auskunft zu“.

Unaussprechliches

Es scheint, als würde man die unaussprechlichen Dinge noch einmal geschehen lassen, allein wenn man sie nur anspricht. Einige Mütter äußern sich höflich und distanziert, bei anderen wird der Ton rau bis aggressiv. „Mein Gott, jetzt nach acht Wochen?“, verdreht eine dritte Mutter die Augen. Zu viele Reporter waren hier im Park, alle stellten dieselben Fragen, erzählt sie. Man werde den Teufel tun, dazu etwas zu sagen, meint eine weitere Mutti daneben. „Schon gar nicht, wenn hier gerade neben uns Kinder spielen.“ Die Frauen nicken sich zu. Im Park sitzen gerade eine Handvoll Erwachsener und Jugendliche auf einer Bank und beaufsichtigen einige kleine Kinder, die spielen.

Eine weitere Frau reagiert aggressiv. Sie will ihre Kinder schützen. Mit dem Auto braust sie gefährlich nah heran, bremst abrupt ab und schimpft. „Verpisst euch doch einfach ihr Affen“, sind ihre letzten Worte an die fragende Journalistin gerichtet. Die Verzweiflung scheint sich hier ganz in Wut zu kanalisieren.

Der Erzieher hat Verwandte im Dorf. „Für sie ist es sehr schwer, die werden jetzt auch mit verurteilt“, sagt eine Frau im Ort. Zum einen würden sie mit dem Gefühl der Schuld konfrontiert, zum anderen mit dem Gefühl der Scham. „Er selbst kann nie wieder herkommen“, meint die Frau weiter.

Große Empörung

Das ist das, was die Westeregelner noch am besten aussprechen können: Der Täter solle endlich verurteilt werden. Kurz nach dem Vorfall soll die Wut im Ort nicht nur zu großer Empörung in sozialen Netzwerken geführt haben, das Auto der Erziehers soll auch mit den Worten „Kinderschänder“ beschmiert worden sein.

Wann es zu einem Prozess kommen wird, muss die Staatsanwaltschaft aber noch offen lassen. Für den Moment kann Staatsanwalt Armin Gebauer nur sagen, dass der mutmaßliche Täter in Untersuchungshaft sitzt und auf die Anklage wartet. „Die Auswertung der Beweise dauert noch an, wir haben noch keine Anklage erhoben.“

Die Polizei untersucht den Fall immer noch. Bei dem Verfahren findet eine beschleunigte Bearbeitung statt, was immer dann der Fall ist, wenn der Beschuldigte in Untersuchungshaft sitzt. Dabei sind sechs Monate die absolute Frist.

Viele Gerüchte

Im Dorf erreichten die Gerüchte zeitweise die wildesten Versionen. „Es gibt wenig Information und viel Gerede“, sagt eine Bürgerin, die wie alle anderen Befragten ihren Namen in Verbindung mit diesem Thema nicht in der Zeitung lesen will. Bekannt ist, dass zwei kleine Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Diese beiden Fälle hat die Polizei auch vermeldet und diese beiden Fälle bearbeitet die Staatsanwaltschaft. Die Angst im Ort schien zeitweise aber fast jedes Kind zum potenziellen Opfer zu machen.

Genau das ist die Gefahr bei so einer kleinen Stadt. 80 kleine Kinder gehen in die Kita. Jedes Kind könnte schief angeguckt werden. Jede Mutti und jeder Vati war nach dem Vorfall in Sorge. Der Kita-Träger schaltete nach dem Bekanntwerden der Vorfälle ein Sorgentelefon. Eltern ließen sich dort beraten, wie sie mit ihren Kindern in der Sache umgehen können. Einige Eltern befragten ihre Kinder dann auch, ob ihnen etwas ähnliches passiert sei.

„Er ist mittlerweile fristlos von uns gekündigt worden“, sagt Carsten Grimme über den Erzieher. Der Sprecher des Landesverbandes der Johanniter, der die Kita betreibt, ist der einzige, der offizielle Aussagen treffen darf. Bewiesen ist freilich noch lange nichts – ohne Prozess und Urteil gilt die Unschuldsvermutung für den Mann.

Auch alle anderen Kinder in der Kita müssen nach der Festnahme gemerkt haben, dass etwas nicht stimmt in dem kleinen Ort. „Die Eltern haben sich plötzlich komisch aus Sicht der Kinder verhalten“, erzählt jemand, der die „Krisensitzungen“ in der Kita miterlebt hat. Auch das musste in den psychologischen Beratungen geheilt werden.

Rückhalt für Feuerwehr

Am Feuerwehrhaus, das gleich neben dem Park liegt, werden die Rollos heruntergelassen, ein klares Statement. Auch die Feuerwehr hätte der Vorfall fast in Mitleidenschaft gezogen. Hier war der Erzieher als ehrenamtlicher Kinder- und Jugendwart der erste Ansprechpartner für Eltern und derjenige, der die Kinder maßgeblich betreut hatte. Die Wehrleitung will nicht über das Thema sprechen. Anfänglich war die Angst bei der Feuerwehr groß, mit beschuldigt zu werden, heißt es aus internen Kreisen. Das hat sich aber schnell gelegt. Die Menschen im Ort stehen heute hinter den Kameraden.

Die Verwaltung stellt sich energisch vor ihre Bürger, vor die Eltern und die Kinder. „Von mir kriegen Sie dazu kein Statement mehr“, so auch die Aussage von Michael Stöhr, Verbandsgemeindebürgermeister, der sich generell sehr für seine Kommune engagiert. Man sollte am besten gar nicht mehr über die Sache sprechen, heißt es. Denn die Betroffenen würden bereits genug leiden.

Ermittlungen laufen

Auch von den anderen Vereinen und Gruppen, in denen der Erzieher im Ort aktiv war, gibt es keine Statements. Fakt ist, dass der Verdächtige direkt nach dem Vorfall seine Mandate niedergelegt hat. Den Rücktritt von seinem Ehrenamt im Jugendbeirat, eine Art Stadtrat für junge Erwachsene bis 27 Jahre, und bei der Feuerwehr des Ortes hat er sofort nach seiner Festnahme schriftlich bei der Verwaltung erbeten.

Auch übergeordnete Behörden hüllen sich in Schweigen. Die Polizeidirektion Nord mit Sitz in Magdeburg, die in dem Fall ermittelt, hat bislang offiziell nur eine Erstmeldung über den Sachverhalt herausgegeben, als der Erzieher am Wochenende vom 18. und 19. August festgenommen wurde. Mehr Informationen gibt es von der Behörde bis heute nicht. Sprecherin Beatrix Mertens sagt: „Zum aktuellen Stand wollen wir uns aufgrund des Opferschutzes nicht äußern.“ Das Thema sei einfach zu brisant, weil Kinder im Spiel sind. Auch Antworten auf konkrete Nachfragen gibt es von der Polizei keine.

Aus den Vorfällen ist in Westeregeln ein großer Zusammenhalt entstanden. „Wir sind den Eltern im Nachhinein dankbar für ihre Reaktionen. Wir haben in dem Fall von ihnen trotz allem viel Zuspruch und Vertrauen entgegengebracht bekommen“, sagt Carsten Grimme vom Kita-Träger.